Im Dezember und Januar 1978/79 bestimmten riesige Schneemassen das Leben der Menschen in Schleswig-Holstein. Die Autorin Julia Heinecke veröffentlichte 2022 „Land unter Schnee“. Im Interview gibt sie einen Einblick in ihren Roman und die Geschehnisse.

Gibt es eine Schlüsselsituation, die Sie an die Schneekatastrophe in Ihrer Kindheit erinnert? 

Ich bin am 11. Januar 1971 geboren, war also fast 8 Jahre alt. Ich erinnere mich unter anderem, dass ich mich geärgert habe, dass zu meinem Geburtstag die Schule ausfiel. 

Die Autorin Julia Heinecke stammt aus Angeln und lebt inzwischen in Süddeutschland.
Foto: R. Mueller

Wie ist es Ihnen und Ihrer Familie in dieser Zeit ergangen?

Wir waren zu fünft in unserem Haus in Angeln – in dem kleinen Dorf Brunsholm zwischen Sterup und Süderbrarup – eingeschneit. Wir waren die ganze Zeit im Wohnzimmer vor dem Kamin. Gott sei Dank hatten wir im Gegensatz zu anderen überhaupt einen. Der Rest des Hauses war eiskalt, und nach außen kamen wir nur noch über eine Terrassentür, alle anderen Ausgänge waren zugeschneit. Am Silvesterabend waren ein paar Nachbarn da und mein Vater ließ einen Sektkorken knallen – der einzige „Böller“ an diesem Silvester. Als am 1. Januar die Sonne schien, kamen die Nachbarn und haben unsere Auffahrt freigeschaufelt, damit mein Vater als Arzt aus dem Haus kam. Er wurde dann tatsächlich wie im Buch von einem Hubschrauber abgeholt, damit er seine Patienten besuchen konnte. 

Wie sind Sie mit dieser extremen Situation umgegangen? 

Wir Kinder fanden es vor allen Dingen spannend! Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern irgendwie unruhig waren. Im Gegensatz zum Arzt Dr. Hans Fink im Buch ist mein Vater auch während des Schneesturms nicht bei einem Patienten verschwunden, er war die ganze Zeit da. Was wir gemacht haben, erinnere ich lustigerweise überhaupt nicht. Es gibt nur ein paar Schlaglichter wie das Schlafen vor dem Kamin oder das Holen von Feuerholz. Später dann diese unendlichen Schneemassen bis in den April hinein, in denen man so wunderbar toben konnte – die sind mir noch sehr präsent.

Haben Sie währenddessen auch schöne Momente erlebt? 

Nur schöne! Für uns Kinder war es einfach nur eine tolle, aufregende Zeit. Meine liebste Erinnerung ist die, dass die ganze Familie – meine Eltern, meine zwei Brüder und ich – gemeinsam vor dem Kamin geschlafen hat. Es war wie im Roman beschrieben: Meine Mutter hat über dem offenen Feuer gekocht und wir haben uns dort die ganze Zeit aufgehalten, weil es der einzige warme Ort war. Das war schön.

Meine Großeltern allerdings waren gerade erst in ein neues Haus eingezogen, noch nicht fertig eingerichtet und die Heizung fiel aus. Sie haben sehr gefroren. 

Warum haben Sie für Ihr Buch Angeln und die Schneekatastrophe in den Fokus genommen? 

Wir wohnten damals in diesem kleinen Dorf Brunsholm mitten in Angeln, und der Kreis Schleswig-Flensburg war ja tatsächlich der am schwersten betroffene. Außerdem wollte ich nach so vielen Schwarzwaldthemen gerne mal ein Buch in meiner alten Heimat ansiedeln und die Schneekatastrophe stand schon eine Weile auf meiner Wunschliste. 

Wie haben Sie die Handlung entwickelt? Sie haben sich offenbar an vielen wahren Begebenheiten orientiert.

Ja, alle Handlungsstränge, die im Buch vorkommen, haben sich so oder in ähnlicher Art zugetragen. Der Bauer, der sich beim Melken etwas einfallen lassen muss, dem das Vieh erfriert, das eingeschneite Ehepaar. Ob es sich gestritten hat, ist nicht überliefert, aber die Dauer schon. Dann die verhinderte Polterabendgesellschaft, die im Bus feststeckte und hauptsächlich aus Medizinern bestand. Es war der Polterabend von Kollegen meines Vaters, und es ist tatsächlich so passiert! Ich habe mit vielen Augenzeugen über ihre Erlebnisse gesprochen, deswegen steckt eigentlich nur Wahres darin.

Auch in Ihren anderen Romanen befassen Sie sich mit historischen Begebenheiten. Was fasziniert Sie daran? 

Als Kulturwissenschaftlerin ist es nicht so abwegig, sich mit Geschichte zu befassen, zumal ich lange im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof gearbeitet habe. Über diese Schiene habe ich mein erstes Sachbuch über das früher im Schwarzwald sehr verbreitete Hütekindwesen geschrieben. In „Kalte Weide“ geht es um etablierte Kinderarbeit bis in die 1950er Jahre hinein, und noch heute leben viele ehemalige Hütekinder, die teilweise Unglaubliches mitmachen mussten. Ohne dieses Buch hätte ich niemals angefangen, Romane zu schreiben. Mich interessiert bei den historischen Themen nicht das große Ganze, sondern eher, wie ganz normale Menschen in ihrem Alltag mit bestimmten Herausforderungen zurechtkommen. Ich glaube, das ist es, was die Leser abholt.

Sie sind in Angeln aufgewachsen. Was verbinden Sie noch mit Ihrer alten Heimat? 

Ich bin in Berlin geboren, in Angeln aufgewachsen und in Kappeln zur Schule gegangen. Ich komme immer wieder gerne in den Norden, vor allem im Sommer, wenn es in Freiburg vor Hitze nicht auszuhalten ist. Was mir im Süden eindeutig fehlt, ist das Meer! Das ist das, was ich am meisten vermisse – die Ostsee zu jeder Jahreszeit. Und guten Fisch!

Was erwartet die Leserinnen und Leser in Ihrem Buch „Land unter Schnee“?

Ich hoffe, dass sie sich gut unterhalten fühlen! Jeder, der die Schneekatastrophe mitbekommen hat, wird sich beim Lesen daran erinnern. Und wer zu jung oder noch gar nicht geboren war, kann sich einen guten Überblick verschaffen, was in diesen Tagen passiert ist. Denn alle beschriebenen Vorfälle gab es so oder so ähnlich tatsächlich.

Ergreifend erzählt die Autorin von Schicksalen während der viertägigen Isolation an Weihnachten im Jahr 1978. 

Schleswig-Holstein, Ende Dezember 1978: In einem nie da gewesenen Schneesturm bleiben Autos liegen, fallen Strom, Telefon und Heizung aus. Während sich der Arzt Dr. Hans Fink im Schneetreiben zu Fuß aufmacht, um seiner Mitarbeiterin bei der Geburt ihres Kindes beizustehen, werden seine Schwägerin Sibylle und ihr Mann Thomas hilflos in ihrem Auto eingeschneit. Der Rentner Moretzka fragt sich, wie er jetzt an Alkohol kommen soll. Und auf dem Truelsenhof wird verzweifelt um das Leben des Viehs gekämpft.

Julia Heinecke: Land unter Schnee, Gmeiner Verlag, 288 Seiten, 14 Euro

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Das Lebensart-Team blickt zurück

… Regine Sauerberg

Ich komme vom Land. Mein Heimatdorf Sütel liegt direkt an der Ostsee, umgeben von Feldern. Es gibt keine Bushaltestellen. Nichts. Damals beherbergte es nur 50 Einwohner*innen, drei Höfe, zwölf Kinder. Wir waren über eine Woche komplett von der Außenwelt abgeschnitten und das über Silvester. Weil die Vorräte zur Neige gingen und wir nichts mehr für die Feiertage hatten, ist meine kleine Schwester Stephanie mit Langlaufski und Rucksack über die Felder in den nächsten Ort. In dem kleinen Supermarkt hat sie gekauft, was noch da war. Es war eines der lustigsten und gemütlichsten Silvester, das wir je hatten. Alle Dorfkinder haben sich verkleidet und einander besucht, es gab keine Knaller, nur Wunderkerzen. Wir waren dann noch eine ganze Weile eingeschneit und haben in der Zeit von morgens bis abends Monopoly gespielt. Als wir dann Tage später von einer Schneefräse aus Süddeutschland freigeschaufelt wurden, waren wir eigentlich traurig. Für uns hätte das ewig so weitergehen können.

…. Heinke Blume

Der Stall meiner Familie lag etwas außerhalb des Dorfes und durch den hohen Schnee konnten wir die Tiere nicht ordentlich versorgen, sodass einige starben. Mein Vater versuchte außerdem, ein Kitz aufzupäppeln, aber es hat nicht sollen sein. Ich erinnere mich noch, dass meine ältere Schwester auf dem Weg zur Arbeit irgendwo in der Nähe von Tellingstedt mit dem Wagen stecken geblieben war. Sie fand bei fremden Menschen einige Tage Unterschlupf, bis ihr Wagen später wieder unter den meterhohen Schneebergen freikam. Der Bäcker im Dorf wurde teilweise durch Hubschrauber der Bundeswehr mit Lebensmitteln und Getreide versorgt. Trotzdem kam es zeitweise zu extremen Engpässen. Als damals 12-Jährige habe ich nicht alle Probleme der Erwachsenen mitbekommen, aber doch schon einiges. Diese Tage haben manchen Menschen vieles abverlangt. Wir Kinder haben die Zeit jedoch genossen.

… Martina Baumann

Ich bin in Hannover aufgewachsen und wurde erst im Februar 1979 volljährig. Silvester wollte ich bei meinem Freund Klaus in Langenhagen, im Norden der Stadt, feiern. Ich wohnte in Anderten, im Osten der Stadt. Aufgrund der Schneemassen fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel, meine Eltern wollten mich nicht mit dem Auto fahren und ich sollte zu Hause bleiben. Nach einer lauten Debatte mit meinem Vater zog ich mich warm an und verließ ohne weitere Worte das Haus. Zuerst zu Fuß, dann nahm ich mit anderen, die ich unterwegs traf, ein Taxi in Richtung Hannover City. Danach ging es weiter per Anhalter und wieder zu Fuß. Nach Stunden erreichte ich Langenhagen. Es war ein freuchtfröhlicher Jahreswechsel und an Neujahr fuhren zumindest die Straßenbahnen, sodass ich wieder nach Hause kam.

… Stefan Gruber

Den Winter 1978/79 habe ich als 12-Jähriger in meiner alten Heimat in Steinberghaff verbracht. Wir waren ebenfalls eingeschneit und hatten einige Tage keinen Strom! Wir konnten damals tatsächlich über das Eis zu den Tankern wandern, die zu der Zeit in der Geltinger Bucht geankert haben.

… Renate Wietzke

Ich bin zusammen mit fünf Geschwistern in der Nähe von Husum auf einem Hof aufgewachsen, der 2,5 km vom Dorf entfernt lag. Wir waren insgesamt vier Tage von der Außenwelt abgeschnitten oder konnten nur über die Felder, wo bereits alles weggeweht war, zu den Nachbarn gelangen. Leider konnte auch der Tierarzt uns nicht erreichen, sodass eine Kuh am Neujahrstag an Milchfieber starb. Die Milch von 50 Kühen konnten wir draußen in großen Behältern einfrieren, weil der Tankwagen auch nicht durchkam. Aber auf den Höfen gab es zum Glück genug in den Gefriertruhen und wir mussten nicht hungern. Nach vier Tagen haben dann Nachbarn aus dem Ort die vielen Straßen mit ihren Traktoren geräumt, damit auch andere Höfe ihre ganze Milch als Existenzgrundlage nicht wegschütten mussten. Das war alles sehr aufregend. Als Kind habe ich die Zeit eigentlich genossen. Endlich sooo viel Schnee! Ich war damals 14 Jahre alt. Aber ich hatte auch Angst um meine älteren Geschwister. Die sind zu Fuß über die Felder gegangen, um Silvester im Dorf zu feiern. Wir wussten lange nicht, ob sie angekommen sind, bis jemand uns endlich angerufen hat.

… Jörg Stoeckicht

Seit einem halben Jahr gingen wir in die Quarta, die 7. Klasse des Gymnasiums. Über die neue Mitschülerin Gabi Schulz hatten wir eine echt krasse Clique aus Schulensee kennengelernt. Die Silvesterparty bei Oliver Hähnel in der dortigen Dorfstede war von langer Hand geplant, Hansa Dosenbier, Apfelkorn und Gauloises ohne Filter besorgt und dann das: meterhohe Schneewehen, die eine Anreise mit Auto, Bus oder Fahrrad komplett unmöglich machten. Mit meinem Kumpel und Klassenkameraden Thorsten Kummer ging es also zu Fuß auf die eigentlich nur fünf Kilometer lange Strecke vom Schönwohlder Weg aus. Die Mädels durften nicht mit. Wir brauchten Stunden! Zupass kam uns aber unser Outfit: Wir liefen eh in Springerstiefeln und Bundeswehr-Jacken-Imitat (mit Kunstpelzkragen) herum, dazu so eine amerikanische Militärumhängetasche für die Getränke und natürlich ein Bundeswehr-Schlafsack. So weit ich mich erinnere, war dies mein erster und letzter Vollrausch – ein herrlicher Abend mit einer unvergesslichen Diskografie:
Child In Time – Deep Purple / I’m Going Home – Ten Years After / Under My Thumb – Rolling Stones / Light My Fire – The Doors / Sunshine Of Your Love – Cream / Mercedes Benz – Janis Joplin / All day and All of the Night – The Kinks / Gimme Shelter – Rolling Stones / Purple Haze – Jimi Hendrix / How The Gipsy Was Born – Frumpy

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