von Malin Schmidt

Seine Stiefel sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Es waren braune Lederstiefel mit einer dicken Sohle, und man sah an den vielen Falten und Knicken im Leder, dass sie schon einige Schritte gegangen waren. In diesen Stiefeln steckte eine verbeulte Stoffhose von tiefem Schwarz, und darüber trug der Weihnachtsmann einen dunkelroten Mantel. Ein Ledergürtel mit großer Schnalle hielt den Stoff über seinem Bauch zusammen.

Der Bart fiel in welligen weißen und grau- en Strähnen auf seine Brust herunter, er sah ungekämmt aus und es hingen kleine Schneeflocken darin. Draußen musste es geschneit haben… Über dem Bart leuchteten zwei dunkle Augen, die von unzähligen dünnen Linien gesäumt waren. Dieser Weihnachtsmann lachte viel, habe ich damals gedacht, als ich verstohlen und verzaubert zugleich zu ihm aufblickte.

Eine außerirdische Gestalt in unserer Diele

Es war das erste Mal, dass ich den echten Weihnachtsmann traf – und es sollte nicht das letzte Mal sein. Denn dieser besuchte mich und meine vier Geschwister in diesem und den folgenden Jahren an jedem Nikolaustag. Warum ich vom „echten“ Weihnachtsmann spreche? Nun, wir Kinder glaubten eigentlich gar nicht an eben jene Figur. Jedenfalls an keinen weißbärtigen, dickbäuchigen Mann vom Nordpol, wie wir ihn aus der alljährlichen Coca-Cola-Werbung kannten. Unsere Wunschzettel legten wir unseren Eltern vor und wir wussten, dass sie es waren, die sich jedes Jahr auf’s neue ins Geschenkegestöber der Innenstädte stürzten, um uns später Präsente unter den Weihnachtsbaum zu legen.

In unserer Kindheit gab es keinen Glauben an kitschige Klischees, wohl aber eine große Dankbarkeit und selbstverständlich eine riesige Vorfreude auf die festliche Jahreszeit. Obgleich ich von seiner Gestalt damals also durchaus beeindruckt war, als er das erste Mal vor uns stand, hielt ich die Aufmachung dennoch für eine Kostümierung. Warum spreche ich also immer noch vom „echten“ Weihnachtsmann? Weil ich mir sicher bin, dass er ein Original war. Weder ich noch meine Geschwister noch meine Eltern kannten diesen Mann, der da über unseren Hof gestapft und in unsere Diele getreten war. Niemand hatte ihn bestellt oder beauftragt. Dennoch wusste er unsere Namen und brachte jedem von uns seine individuelle Lieblingsschokolade mit. Es war äußerst seltsam! Doch so richtig überzeugt war ich erst, als ich die Gesichter meiner Eltern sah – Erstaunen und fragende Blicke, die sie sich gegenseitig zuwarfen, Zusammenzucken, als auch sie vom Weihnachtsmann angesprochen wurden. Keine Frage, auch sie waren überrascht von dieser außerirdischen Gestalt

Die unvergessliche Begegnung

Mein Elternhaus ist ein altes Bauernanwesen inmitten eines kleinen Dorfes in Schleswig-Holstein. Als es zum ersten Mal zum Nikolaus bei uns läutete, saß meine Familie gerade beim Abendbrot. Meine Mutter ging zur Tür und winkte uns kurz darauf alle hinaus in die Diele. Und da stand er, der Weihnachtsmann, in voller Montur und mit einem großen Jutesack auf dem Rücken. Selbst mein Vater war bei diesem Anblick sprachlos.

„Na, meine Kinder, ich komme zu euch, um zu schauen, ob ihr auch artig seid und auf eure Eltern hört.“ Beschwerlich setzte der Weihnachtsmann den Sack ab und lehnte sich an die halboffene Dielentür. Wir rührten uns nicht! „Ich habe Geschenke für euch mitgebracht. Wollt ihr mal schauen?“, fragte er und öffnete dabei schwerfällig die Kordel des Jutesacks. Meine kleine Schwester, vielleicht fünf Jahre alt, traute sich als erstes näherzutreten. Sie warf einen Blick in den Beutel und ihre Augen wurden groß. Orangen und Nüsse lagen zuhauf darin, Lebkuchen, Kekse und Stollen, kleine Geschenke, Mistelzweigen und mehr.

Der bärtige Mann kratzte sich unter seiner dunklen Mütze. Der Kleinste, mein Bruder von drei Jahren, begann – passenderweise – mit einem Frühlingsgedicht von Josef Guggenmos: „Die Tulpe, dunkel war alles und Nacht, in der Erde tief die Zwiebel schlief, die braune“. Er rezitierte bis zur letzten Zeile und mit Betonung! Ich werde seine Stimme nie vergessen, ich war so stolz auf meinen Bruder. Der Weihnachtsmann schien ebenfalls beeindruckt und griff beherzt in seinen Jutesack. Er holte ein kleines Päckchen heraus, auf dem „Für Jan“, meinen kleinen Bruder, stand. So ging es weiter mit jedem von uns Kindern. Auch meine Eltern mussten vortreten und bekamen Geschenke – es war ihnen sichtlich unangenehm, aber ließ den Weihnachtsmann schmunzeln.

Als alle Geschenke verteilt waren, war der Sack noch nicht leer. „Ich muss nun weiter und noch andere Kinder besuchen. Habt ein schönes Weihnachtsfest, bleibt weiter so lieb und hört auf eure Eltern. Auf bald.“ Ruhig packte er seine Sachen zusammen, schulterte seinen Sack, öffnete die Tür und trat hinaus ins Winterwetter. Er winkte uns noch einmal zu und ging. Nach ein oder zwei Minuten löste ich mich aus meiner Starre und lief dem Weihnachtsmann über den Hof hinterher, doch – als ich um die Ecke bog, um seinen Spuren im Schnee zu folgen, war er verschwunden! Wie auf magische Weise führten seine Fußabdrücke ins Nichts und er hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst.

Eine Tradition über Jahre

Seit diesem ersten Besuch erwarteten wir Kinder den Nikolausabend immer mit größter Spannung. Schon Tage vorher grübelten wir: Würde der Weihnachtsmann wieder zu uns kommen? Oder würde er dieses Jahr eine andere Familie besuchen? Er enttäuschte uns nie, sondern kam an jedem 6. Dezember zu uns. Wir rannten dann hinaus in die Diele, um erneut ehrfürchtig vor ihm zu stehen, unsere neuen Gedichte und Lieder zum Besten zu geben und mit kleinen Geschenken belohnt zu werden. Der Zauber dieser Treffen lag vor allem darin, dass sie so einzigartig waren, und dass wir Kinder dies sofort erkannten. Der Weihnachtsmann ließ sich natürlich nicht bei jedem blicken, das war mir damals schon klar. Heute weiß ich, dass wir Kinder als Teil eines heilen und glücklichen Familienbildes besonders waren, und dass er uns ganz bewusst auserwählt hatte.

Der Zauber bleibt

Später habe ich doch herausgefunden, dass unser Weihnachtsmann keine außerirdische Gestalt, sondern bloß ein Mensch war. Denn eines Tages beim Familieneinkauf im Supermarkt fiel mir ein Paar robuste, braune Lederstiefel direkt vor mir auf. Ein Herr stand mit dem Rücken zu mir und räumte seine Einkäufe auf das Kassenband. Diese Stiefel… Sie kamen mir so bekannt vor. Plötzlich drehte der Mann seinen Kopf und – für den Bruchteil einer Sekunde – zwinkerte er mir zu. Da erkannte ich ihn! Die kleinen Falten an seinen Augen lieferten den Beweis – es war unser Weihnachtsmann!

Über die Jahre sprach es sich bei uns im Dorf herum, dass die Schmidts jeden Winter von einem geheimen Nikolaus
besucht wurden, ohne ihn je beauftragt zu haben oder gar zu bezahlen. Und so kam es einmal, dass eine Nachbarin dem Weihnachtsmann vor unserem Haus auflauerte und ihn zu überzeugen versuchte, auch ihre Kinder einmal zu besuchen. Ob er es getan hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich mich glücklich schätzen kann, eine so besondere Kindheitserinnerung zu haben. An einen Weihnachtsmann, der uneigennützig und herzlich war, und der den Gedanken der Weihnacht gelebt hat. Ich wünsche mir, dass es auf der Erde mehr von diesen Menschen gibt.