Menschen wollen mobil sein. Doch das Straßennetz im Norden ist nur für zweibeinige Einwohner*innen passierbar. Alle Wesen mit vier, sechs oder acht Beinen stoßen regelmäßig auf unüberwindbare Barrieren. Eine Allianz von Unternehmen hat sich deshalb der Wiedervernetzung von Landschaften verschrieben und schon zahlreiche Projekte im Land erfolgreich umgesetzt.

Grauer Asphalt verbindet und trennt

Schnell von einem Ort zum anderen gelangen, das ist der Wunsch vieler Schleswig-Holsteiner*innen und Hamburger*innen und der Anspruch ihres Alltags. Termine müssen schließlich überall wahrgenommen werden – dafür besitzt laut Statistischem Bundesamt fast jede*r Zweite in Norddeutschland einen eigenen PKW. Der Ausbau der Autobahn 7 macht es möglich, die Strecke von Flensburg bis Hamburg bequem innerhalb von knapp zwei Autostunden zu erfahren.
Doch für Tiere und Pflanzen sind Straßen wie die A7 ein großes Hindernis. Sie begrenzen ihren Lebensraum und schränken ihre Bewegungen massiv ein. Dadurch können sich Populationen nicht mehr ausreichend vermehren und fortpflanzen. Ein weitreichendes Artensterben, das unser gesamtes ökologisches Gleichgewicht beeinflusst, wäre über kurz oder lang die Folge.

Grüne Wege zur Wiedervernetzung

Sogenannte „Grünbrücken“ über asphaltierte Verkehrswege sollen die getrennten Lebensräume von Tieren und Pflanzen miteinander verbinden und der Artenvielfalt Bewegungsfreiheit zurückgeben. Diesen Zielen haben sich dieVielfaltschützer*innen der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein gemeinsam mit engagierten Partnern schon vor Jahren verschrieben. Zu der Allianz gehören das Institut für Natur- und Ressourcenschutz der CAU Kiel, die Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, der Deutsche Jadgverbund, der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein und der Wildpark Eekholt. Gemeinsam kümmerten sich die Aktionspartner und Naturfreunde bis 2017 darum, dass durch Straßen geteilte Landschaften im Kreis Segeberg wieder mit einander verbunden werden. Dies erfolgte im Rahmen des Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben „E & E Wiedervernetzung“.

Ein wichtiger Baustein der Regionen übergreifenden Wiedervernetzung ist die Grünbrücke bei Bad Bramstedt. Aufgrund von zahlreichen beteiligten Eigentümern war eine intensive Absprache nötig. Trotzdem konnte die angrenzende Landschaft mit der Anlage von Feuchtwiesen, Kleingewässern und Wäldern deutlich aufgewertet werden.

Ökologische Aufwertung ist vielseitig

Nicht nur der Brückenbau an sich spielte dabei eine große Rolle, sondern auch der Anschluss der Anlage an die angrenzenden Lebensräume, ihre Begrünung und weitreichende Schutzmaßnahmen gegen äußere Einflüsse. Denn erst, wenn Arten die Brücke auch erreichen und gefahrlos passieren können, findet der Austausch zwischen den Lebensräumen statt.
Außerdem begrenzen landwirtschaftlich genutzte Großflächen die biologische Vielfalt.
Hier sind die Aufwertung von Monokulturen und die Neuanlage von Gewässern und Auenlandschaften, Trockengebieten wie Heiden und Magerrasen sowie der Wald- und Gehölzlebensräume nötig. Diese Aufwertung schafft „Lebensraumkorridore“, also die Verbindungsstücke zwischen den Lebensräumen.

Schleswig-Holsteins Herz als Schlüsselregion

Die Region bei Bad Segeberg und Bad Bramstedt ist von zentraler Bedeutung für das Land Schleswig-Holstein, weil hier die vielfältigen Naturräume und Artenvorkommen durch große Verkehrsachsen wie die A7 getrennt wurden. Dennoch lassen sie sich in diesem Gebiet auch gut wieder miteinander verbinden.
Bei der grünen Querungshilfe Kiebitzholm bei Negernbötel entstanden von 2010 bis 2013 die bundesweit ersten „ökologischen Hinterlandanbindungen“. Dabei kommen landschaftspflegerische Maßnahmen zum Tragen, die weit ins Umfeld der Querungshilfe reichen: die Begrünung der Anlage sowie die strategisch nach heimischer Flora konzipierte Bepflanzung des Umfeldes.

Sichtbare Erfolge

Nach dem Vorbild Kiebitzholm ist auch diegroße Querungshilfe bei Bad Bramstedt entstanden.
Seit der Fertigstellung im Jahr 2017 wurden hier viele weitere Maßnahmen umgesetzt: Wälder, Gewässer und Heiden sind nun an wichtigen Stellen wieder miteinander verbunden oder ausgebaut. Kleine Wirbeltiere wie Kreuzkröte und Haselmaus, Wirbellose wie Laubkäfer und Pflanzen vermögen sich so wieder in der Landschaft auszubreiten. Erst
Anfang dieses Jahres wurde der seltene GelbeSchnellläufer, eine vom Aussterben bedrohte Art der Laubkäfer, auf der Grünbrücke über der A7 gesichtet. Und auch große Tiere wie Damwild, Wildschweine oder Füchse können die Gebiete auf beiden Seiten der Grünbrücke nun wieder erschließen.
Der Erfolg gibt dem Projekt Recht, nicht zuletzt deshalb fördern das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und derFörderfonds der Metropolregion Hamburg die Wiedervernetzung von Lebensräumen in dieser Schlüsselregion im Herzen Schleswig-Holsteins seit 2016.

Ob kleine Haselmaus, Knoblauchkröte oder seltene Zauneidechse – sie alle haben sich wieder in unseren Gefilden angesiedelt. Durch die Wiedervernetzung mit Grünbrücken ist ihr Lebensraum gewachsen.

Viel Engagement innerhalb der Projekträume

Nicht nur auf Flächen im öffentlichen Eigentum, auch auf Privatflächen wurden Lebensräume wiedervernetzt. Zum Beispiel arbeiten im Kreisgebiet Segeberg bis heute mehr als 100 Pflege-Partner, das sind überwiegend Landwirt*innen, mit der Stiftung Naturschutz zusammen und pflegen die rund 2.200 Hektar Stiftungsfl ächen oder stellen eigene Flächen zur Verfügung. Bewohner engagieren sich beim Ausbau der Knicklandschaft, unterstützen bei der Sanierung von Gewässern oder helfen bei der Neuanlage von Waldgebieten.
Diverse Wildwiesen und anderes artenarmes Grünland werden zudem durch artenreiche Mischungen heimischer Pflanzen aufgewertet und an Straßenrändern natürliche Lebensräume geschaffen. So gelingt es, dass die Lebensräume der Tiere und Pflanzen miteinander vernetzt bleiben und nicht wieder verinseln.

Wir haben es in der Hand!

Doch nur, wenn der Erfolg der Wiedervernetzung ein nachhaltiger ist, können auch wir Menschen uns auf eine ausgewogene Artenvielfalt und eine funktionierende Landwirtschaft in unserer Heimat verlassen.
Deshalb ist es unerlässlich, die Akzeptanz von ökologischen Projekten zu erhöhen und ständig öffentlich zu diskutieren. Wer selbst aktiv werden möchte, kann das als allererstes über seine Spendenbereitschaft zeigen.