Leselust im Juli

Fährgeschichte von der Förde, verborgene Seiten Hamburgs, Traumstraßen weltweit, wie der Mensch die Erde umgestaltet, gutes Karma durch Genuss, die Verkündung des Ende des Alterns und das große Welttheater, unser Kulturredakteur Heiko Buhr hat auch für den Juli wieder eine vielfältige Palette besonderer Lektüretipps zusammengestellt.

Ein schönes Plätzchen unter freiem Himmel, ein paar wunderbare Bücher und ein Becher Kaffee, da steht dem Leseglück nichts mehr im Wege.

Von Schiffen, Linien und Terminals

Die Kielerinnen und Kieler wissen es natürlich: Ihr Hafen ist das Tor ins Baltikum sowie nach Norwegen und Schweden. Die großen Fähren auf dem Wasser, die die Stadt unter anderem mit Oslo, Göteborg und Klaipéda mit täglichen Abfahrten verbinden, und die schönen Terminal- und Lagergebäude am Ostsee- und Schwedenkai auf dem Westufer sowie Norwegenkai und im Ostuferhafen auf dem Ostufer prägen das Gesicht Kiels genauso wie die vielen Menschen, die im und rundum den Hafen arbeiten. In seinem Buch erzählt Lars-Kristian Brandt detailreich die Geschichte der Fährschiffe, der einzelnen Linien und der Terminals. „Der Kieler Fährhafen“ macht dabei nicht nur den Fördestadtbewohnerinnen und –bewohnern großen Spaß, sondern bereitet allen viel Freude, die sich für Schiffe und ein Stück Landesgeschichte interessieren.

Lars-Kristian Brandt: Der Kieler Fährhafen. Sutton Verlag 2020, 120 S., 19,99 Euro

Versteckte Sehenswürdigkeiten

Natürlich denkt jeder, er wisse genau, was es in Hamburg alles zu entdecken gilt. Aber wie viel es über die bekannten Seiten der Hansestadt hinaus noch gibt, das einen Besuch in jedem Fall lohnt, das beweist Rike Wolf. Da geht es beispielsweise zum „Gang der alten Grenzwächter“ und zu Hamburgs ältestem Hafenkran, es werden der Garten de l’Aigle und der Römische Garten sowie der älteste Baum von Hamburg besucht und ein Ausflug zum Danebrog gemacht. Das Buchcover wiederum ziert das Auswandererdenkmal und hier und da geht es in Bunker unter die Erde. Weil die Autorin ihre Ausflugstipps nach Stadtregionen geordnet hat, kann man ganz wunderbar mit ihrem Buch in der Hand verschiedene Orte ansteuern und wird überrascht sein, was Hamburg noch so alles unter seiner touristisch bekannten Oberfläche an Schätzen zu bieten hat.

Rike Wolf: Verborgenes Hamburg. Jonglez Verlag 2020, 318 S., 18,95 Euro

Mit dem Fahrtwind durch die Welt

„Inspiration für ein ganzes Leben“ lautet der Untertitel des fantastischen Buchs „Atlas der Reiselust – Traumstraßen weltweit“. Und das ist nicht zu viel versprochen, denn die 40 atemberaubenden Roadtrips, die in dem herrlich bebilderten, opulent gestalteten Reisebildband beschrieben werden, sind für alle, die gern mit dem Auto unterwegs sind, allezeit wahre Herzenswünsche. Natürlich ist der Klassiker aller Traumstraßen, die Route 66 dabei, aber auch die anderen 39 Touren führen durch unvergleichliche Landschaften sowie herrliche Städte und Ortschaften und bieten Naturpanoramen, die man, hat man sie erst einmal gesehen, nie wieder vergisst. Das großformatige Buch begeistert neben seinen Bildern ebenso mit vielen Illustrationen und Streckenbeschreibungen sowie vorzüglichen Tipps und Empfehlungen.

Atlas der Reiselust – Traumstraßen weltweit. DuMont Reiseverlag 2020, 312 S., 39,90 Euro

Wie der Mensch die Erde formt

Wir leben im Zeitalter des Anthropozäns, dessen Hauptcharakteristikum die Umgestaltung der Erde durch den Menschen mit der sichtbarsten Ausprägung der Folgen der menschenverursachten Klimaveränderung ist. Der insbesondere für seine Luftbilder bekannte Fotograf Georg Steinmetz und der Journalist Andrew Revkin zeigen in ihrem ob der fantastischen Fotografien beeindruckenden und ob der eindringlichen Texte erschütternden Großformatbuch „Human Planet“ die Folgen der Einwirkungen des Menschen auf die Natur. Fischfang, Landwirtschaft oder Abbau von Rohstoffen sind nur ein paar der vielen Eingriffe, die nicht folgenlos bleiben, sondern weltweit die Landschaften nachhaltig verändern. Es steht noch nicht endgültig fest, ob das Anthropozän in die Katastrophe führt, aber den Weg dahin hat die Menschheit bereits eingeschlagen.

Georg Steinmetz/Andrew Revkin: Human Planet. Knesebeck Verlag 2020, 256 S., 45 Euro

Ayurvedisch, vegetarisch, vegan

Iss Gutes und dir widerfährt Gutes – unter diesem Motto haben Simone und Adi Raihmann den ayurvedischen Wissensschatz seiner indischen Mutter zeitgemäß aufbereitet. Im Kochbuch „Karma Food“ versammeln sie rund 70 vegane und vegetarische Gerichte, mit denen sich genüsslich Karmapunkte sammeln lassen. Indiens Küche ist so bunt, aromatisch und vielfältig wie das Land selbst – und dabei vor allem eines: alltagstauglich. Knusprige Pakoras, Paneer Tikka Masala, veganes Sheekh Kebab und verführerische Süßigkeiten wie Laddu oder Pistazien-Milchreis mit Rosenwasser – sie alle lassen sich auf Basis von selbst gemachten ayurvedischen Gewürzmischungen mit saisonalen Zutaten und wenig Aufwand zubereiten. Um den eigenen Stoffwechsel in Balance zu bringen, zeigt Ayurveda-Coach Adi Raihmann wohltuende Ayurveda-Basics für jeden Tag. Jedes Rezept lässt sich an die individuellen Bedürfnisse der verschiedenen Doshas anpassen – für Mahlzeiten, die Energie liefern, gute Laune verbreiten und rundum guttun.

Simone & Adi Raihmann: Karma Food. Christian Brandstätter Verlag 2020, 216 S., 28 Euro

Die revolutionäre Medizin von morgen

Prof. Dr. David A. Sinclair gehört zu den bekanntesten Altersforschern weltweit. In seinem Buch „Das Ende des Alterns“ befasst er sich auf verständliche und nachvollziehbare Weise mit komplexen Themen des Alterungsprozesses und wie man dem Entgegenwirken kann. Ihm geht es nicht darum, die symptomatischen Alterserscheinungen zu bekämpfen, sondern das Altern selbst, das für ihn eine Krankheit darstellt. Und jeder, so seine These, kann viel dabei für sich tun, den Informationsverlust, den Sinclair für das Altern verantwortlich macht, zu verzögern oder sogar zu stoppen, was letztlich ein ewiges Leben bedeuten würde. So weit ist es zwar noch nicht, aber Sinclairs Buch ist eine interessante und durchaus auch zur praktischen Umsetzung anregende Lektüre.

Prof. Dr. David A. Sinclair (mit Prof. Matthew D. LaPlante): Das Ende des Alterns. Dumont Verlag 2019, 512 S., 26 Euro

Die Krone der Schöpfung

Der Glaube, der Mensch sei ein besonderes Wesen im Universum, ist ein Irrtum, wie der Historiker und Philosoph Philipp Blom in dem aus Anlass des 100. Geburtstags der Salzburger Festspiele entstanden Essay „Das große Welttheater“ eindrucksvoll aufzeigt. „Der autonom handelnde Mensch, die Krone der Schöpfung, der die Welt unter sein Knie zwingt, ist eine Geschichte, die ängstliche Geister sich erzählen. Homo sapiens ist ein integraler Bestandteil der kritischen Zone, symbiotisch mit zahllosen Organismen zusammenlebend, ein Glied in der Evolutionsgeschichte, selbst ein Katalog von evolutionären Wundern, Irrtümern und Redundanzen.“ Was Blom hier feststellt, sollte dazu führen, dass wir Menschen uns und den von uns bewohnten Planeten mit mehr Demut betrachten – und besser auf ihn aufpassen, wozu es neuer Geschichten bedarf.

Philipp Blom: Das große Welttheater – Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs. Paul Zsolnay Verlag 2020, 126 S., 18 Euro