Leselust – 8 Buchempfehlungen von Heiko Buhr

Die Zeit von geschlossenen Geschäften und Kultureinrichtungen hat Redakteur Heiko Buhr genutzt, um sich ausgiebig durch sein Bücherregal zu lesen. Gemeinsam mit seinem felligen Begleiter Sternchen hat er 8 Buchempfehlungen für Sie zusammengestellt. 

Heiko Buhr (rechts) und Sternchen (links) bei der fleißigen Lektüre.

Passend zur aktuellen Krise

In Wedel wird bei Bauarbeiten neben der Kirche zufällig eine Gruft mit einem merkwürdigen Sarg entdeckt. Darin ist nicht nur ein Leichnam, sondern zugleich auch eine Chimäre, eine Mischform aus Pesterreger und Ebola-Virus. Und diese gerät in die Hände von IS-Terroristen, die einen brutalen deutschen IS-Offizier freipressen wollen. Ein Wettlauf mit dem tausendfachen Tod durch eine freigesetzte Epidemie beginnt … Archäologie, Terrorbekämpfung, Seuchenprävention und anderes mehr verbinden sich hier mit einer fesselnden und sehr realitätsnahen Story, bei der auch die Liebe nicht zu kurz kommt – Chapeau für den Sohn von Peter Frankenfeld, der mit diesem Buch vielleicht den Roman der Stunde geschrieben hat.

Thomas Frankenfeld: Der bleierne Sarg.
Ellert & Richter Verlag 2020, 384 S., 9,95 Euro

Von Abschied und Treue

Ein Schriftsteller hat sich das Leben genommen, eine seiner ehemaligen Studentinnen und spätere lebenslange Freundin erinnert sich an ihn – und erbt seinen Hund, die achtzig Kilo schwere Dogge Apollo. Der Hund verändert ebenso wie der Tod des Freundes ihr ganzes Leben. Sie hatten nie eine wirkliche Liebesbeziehung, aber das Schreiben verband den Älteren und die Jüngere dann doch stets. Nun ist der Freund fort und der Hund da. Apollo zieht also in die winzige New Yorker Zwei-Zimmer-Wohnung mit ein und trauert ebenso wie die Freundin. Dieser ausgezeichnete Roman ist ein wunderbares Buch über Freundschaft, Trauerbewältigung, Hundeliebe, Schriftstellerei und das Leben an sich.

Sigrid Nunez: Der Freund.
Aufbau Verlag 2019, 235 S., 20 Euro

Was ist wahr?

Los Angeles, 1936: Zu der jungen Architektin Kay Fischer nimmt plötzlich ein Mann namens Dr. Salvador Carriscant Kontakt auf und behauptet, sie sei seine Tochter und heiße Kay Carriscant. Bis dahin hatte Kay geglaubt, ihr Vater, ein englischer Missionar, sei kurz nach ihrer Geburt umgekommen. Es gelingt Salvador in Kay Zweifel zu säen und sie lässt sich auf eine Schiffsreise nach Lissabon ein, auf der Salvador ihr erzählt, was 1902/03 in Manila wirklich geschehen sein soll. Und welches Geheimnis sich hinter Kays Geburt verbirgt. Auch dieser Roman William Boyds ist wie alle seine Bücher fesselnd, tiefsinnig, eindrucksvoll und brillant erzählt.

William Boyd: Die blaue Stunde.
Kampa Verlag 2019, 395 S., 22 Euro

Ein Thriller mit Tiefgang

Vor 22 Jahren wurde der junge Schwarze Quincy Miller aufgrund einer eher dünnen Indizienlage für den Mord an einem weißen Anwalt verurteilt. Er beteuert stets seine Unschuld, findet aber scheinbar kein Gehör. Dann schreibt er einen Brief an die Guardian Ministries, einen Zusammenschluss von Anwälten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, unschuldig Verurteilte zu rehabilitieren. Der Anwalt Cullen Post übernimmt seinen Fall und ahnt nicht, dass er sich damit in Lebensgefahr begibt.

Dieser fesselnde Roman ist eine krachende Anklage gegen das amerikanische Justizsystem und die Todesstrafe von einem, der genau weiß, wovon er da schreibt: John Grisham war selbst als Anwalt tätig, bevor er zum Bestsellerautor wurde.

John Grisham: Die Wächter.
Wilhelm Heyne Verlag 2020, 447 S., 24 Euro

Skandalroman der 1920er Jahre

In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts suchte ein Teil der Frauen nach einem Leben mit mehr Selbstbestimmung, Freiheit und Lebenslust. Eine solche Frau beschreibt Victor Margueritte in seinem bereits 1922 veröffentlichten Roman „La Garçonne“, der seinerzeit einen handfesten Skandal hervorrief.

Monique Lerbier, Tochter aus gutem Hause, weigert sich den Mann zu heiraten, den ihre Familie für sie vorgesehen hat. Ihre Eltern brechen daraufhin mit ihr und sie schlägt sich allein durchs Leben und entwickelt sich zur emanzipierten, unabhängigen Garçonne. Kopfüber stürzt sie sich in ein wildes sowie recht ausschweifendes Leben in der Pariser Boheme, wo die freie Liebe und allerlei andere Vergnügungen locken. 

Victor Margueritte: La Garçonne.
Verlag ebersbach & simon 2020, 288 S., 22 Euro

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne

Der erste Satz ist bekanntlich der schwierigste – und der wichtigste. Er muss den Leser verführen und entscheidet oft darüber, ob man weiterliest. Peter-André Alt, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, analysiert die ersten Sätze aus der Weltliteratur von der Antike bis zur Gegenwart. Dabei nimmt er sich gut 250 Beispiele der „Poesie des Anfangs“ vor und lädt seine Leserschaft zu einer spannenden Reise ein, die tief hineinführt in das Herz und die Welt der Literatur und Literaturgeschichte. Alts Analysen sind nicht nur sehr erhellend und aufschlussreich, sondern öffnen zugleich ganz neue Horizonte für besondere Lektüreerlebnisse.

Peter-André Alt: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben …“
Verlag C.H.Beck 2020, 262 S., 26,95 Euro

Lebensklug

Der 12-jährige Felix lebt in Paris, wo seine lebenslustige Mutter Fatou ein kleines Café betreibt. Als seine Mutter in eine Depression verfällt, ist Felix verzweifelt. Zunächst suchen er und sein Onkel Bamba, der extra aus dem Senegal nach Paris gekommen ist, bei dubiosen Heilern vor Ort in Paris Hilfe. Die kosten jedoch nur viel Geld, können aber Fatou nicht aus ihrem Trübsinn befreien. Da taucht der Vater von Felix auf und nimmt Mutter und Sohn mit in die Heimat, denn Fatou kann seiner Ansicht nach nur dort gesunden, wo sie auch geboren wurde. Eric-Emmanuel Schmitt ist ein feinsinniger Autor herzergreifender Geschichten mit lebenspraktischem Hintergrund, wie er schon in vielen seiner Bücher, etwa „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ oder „Oskar und die Dame in Rosa“, bewiesen hat. 

Eric-Emmanuel Schmitt: Felix und die Quelle des Lebens.
C. Bertelsmann Verlag 2020, 222 S., 20 Euro

Herzerschütternd

Was für eine ergreifende und zugleich bestürzende Geschichte aus der NS- und Nachkriegszeit nach wahren Begebenheiten wird in dem Roman „Wo du nicht bist“ von Anke Gebert erzählt. Irmgard Weckenmüller, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, arbeitet Anfang der 1930er Jahre im Kaufhaus in der Stoffabteilung als Verkäuferin. Zuhause näht sie selbst sehr schöne Sachen. Als ihre Schwester ungewollt schwanger wird, begleitet Irmgard diese zu dem Gynäkologen Erich Bragenheim, um eine Abtreibung einzuleiten. Für diese ist es zwar zu spät, aber zwischen Erich und Irmgard funkt es. Es ist eine zarte, sich langsam entwickelnde Liebe, die durch den gesellschaftlichen Unterschied der beiden Liebenden nicht ganz einfach ist. Dann kommt der Machtwechsel und die Nazis bestimmen das Geschehen. Irmgard und Erich, der Jude ist, wenn auch nicht allzu streng religiös dabei, sind bereits verlobt und wollen nun heiraten, werden jedoch auf dem Standesamt kurz vor der Trauung abgewiesen. Erich überlebt die Nazi-Diktatur nicht, aber ihre Liebe schon, denn Irma gelingt es, ihren Erich post mortem 1952 nach langem Kampf mit der Justiz zu ehelichen. Man nimmt beim Lesen des Romans von Anke Gebert teil an einer tragischen Liebe.

Anke Gebert: Wo du nicht bist.
Pendragon Verlag 2020, 296 S., 24 Euro