Heißer Herbst?

Nun ist es passiert. Dass man mich eines Tages mit dem Wetter in Zusammenhang bringen würde, habe ich selber so gewollt. Das Wetter vorherzusehen ist mein selbstgewählter Beruf, meine Aufgabe, mein Spaß, meine Leidenschaft. Dieses Mal brachte die monatliche Anfrage nach meiner Kolumne und dem weiteren Wetterverlauf aus der Redaktion der Lebensart allerdings eine gewisse Brisanz mit sich: Ob im November mit einem „heißen Herbst” zu rechnen sei oder ob doch „frieren für den Frieden” angesagt sei? Zu sehr sind diese Begriffe mit (negativen) Schlagzeilen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verbunden. Und das ist alles gar nicht mein Metier. Aber vielleicht sollte es darum gar nicht gehen, stattdessen zielte der „heiße Herbst“ auf eine simple meteorologische Wortspielerei. 

Die Machtfrage

Blieb nur die weitaus harmlosere, aber gesellschaftlich durchaus bedeutungsvolle Frage nach den Basisparametern, die meine tägliche Arbeit definieren und ausmachen: Temperatur, Regen, Sonne, Wind. Wie einfach. So simpel diese Grundgrößen daherkommen, das Wissen darum ist Macht. Ihre Antwort interessiert so gut wie jeden. Wer zuerst weiß, wie sich das Wetter im November einstellt, hat gewonnen. Was lässt sich alles damit vorzeitig entscheiden – eher als die Konkurrenz! Der (wetterabhängige) Bedarf diktiert die Produktion. Zuviel und zuwenig gibt es nicht mehr. Maschinen und Menschen arbeiten optimiert. Heißer oder kalter Herbst, es wäre schön zu wissen, was kommt. Was sich in der Theorie einfach anhört, ist in der Praxis der Erkenntnisgewinnung ein langer, steiniger Weg. Die Herausforderung, das über Tage und Wochen chaotisch agierende Wetter in den Griff zu bekommen, ist enorm. Überdimensionale Rechenmaschinen mit hunderten von Prozessoren werden gebraucht, um einigermaßen zuverlässige Antworten zu liefern. Und doch ist dies eine Mammutaufgabe, die große Kunst. 

Pragmatische Lösung

Um ein Ergebnis zu provozieren und überhaupt etwas in den Händen zu halten, was irgendwie nach einer Lösung aussieht, gibt es einen einfachen Weg: das Extrapolieren.  Das hieße, den viel zu warmen Oktober weiterlaufen zu lassen. Der November wäre dann etliche Grade zu warm gegenüber dem, was wir statistisch erwarten würden. Eine pragmatische Lösung: Der Herbst wird heiß.

Meeno Schrader

Schon seit seinem 15. Lebensjahr ist das Wetter für Meeno Schrader weit mehr als nur Small Talk. Er hat es an den unterschiedlichsten Plätzen der Welt „getestet“ und lebte und arbeitete unter anderem in Australien, Korea, der Karibik und den USA. Seit 2002 ist er der „Wetterfrosch“ des Schleswig-Holstein-Magazins beim NDR. In der Lebensart verrät er jeden Monat einen Gedanken aus seinen Wetterwelten.

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