Auf Zeitreise mit Silke von Bremen

Silke von Bremen ist Gästeführerin auf Sylt und bietet viele spannende Touren an. © Hans Jessel

Sie hat eine gewinnende Art und ein glucksendes Lachen. Die Wärme in ihrer Stimme ist das erste, das mir auffällt, als ich mit Silke von Bremen spreche. Die geborene Altländerin kam in den Achtzigern nach Sylt und setzte sich über die Jahre vielseitig für die Insel und seine Bewohner*innen ein. Sechs Jahre lang, bis 1995, leitete sie das Heimatmuseum in Keitum und ließ hier die großen Knochen eines gestrandeten Pottwals als Empfang errichten. Seit 1999 ist sie als Gästeführerin auf Sylt unterwegs. Dabei nimmt sie die Teilnehmenden mit auf eine Zeitreise. Es geht zurück in die Vergangenheit der Insel, zurück zu den Menschen und ihrem Leben, ihren Sorgen und Nöten, ihrem Alltag, Freud und Leid. Wie mag es gewesen sein, einen Seefahrer als Mann zu haben, der mehr Zeit auf dem Meer verbringt als zu Hause? Wie fühlt es sich an, ein Kind zu verlieren? Oder Hunger zu leiden? All das und noch viel mehr macht Silke von Bremen anhand verschiedener spannender Touren durch Sylter Orte anschaulich und erlebbar. Dafür hat sie eine eigene Agentur gegründet, www.guideaufsylt.de. Nach einer Corona-Pause sind ihre Führungen in diesem Sommer endlich wieder gestartet. Für Oktober gibt es noch Termine!

Liebe Frau von Bremen, Sie leben mittlerweile seit über 30 Jahren auf Sylt – was hat Sie auf die Insel verschlagen?

Der schönste Grund: die Liebe! Als ich meinen Mann, den Fotografen Hans Jessel, 1982 im Studium in Kiel kennenlernte, kannte ich die Insel noch gar nicht und hätte mir damals auch nicht vorstellen können, hier zu leben.

Warum sind Sie dann doch auf Sylt geblieben? Was lieben Sie heute an Sylt?

Zuerst gefiel es mir überhaupt nicht gut! Die Insel war mir zu kahl, ich kannte niemanden, Meer und Küste sind nicht unbedingt meine Sehnsuchtsorte. Rückblickend würde ich sagen, die ersten Jahre nach dem Umzug auf die Insel habe ich um meinen Platz gekämpft. Und wie das so ist: Das, was man sich erarbeitet hat, besitzt einen besonderen Wert.

Und Sie haben sich unglaublich viel erarbeitet: Ihr Engagement reicht von Museumsarbeit bis zum Gedenken an den Nationalsozialismus. Wie wählen Sie die Themen aus, denen Sie sich widmen, und welche Projekte verfolgen Sie aktuell?

Ich habe ein gutes Gespür für Ungerechtigkeit und Not. Und genügend Idealismus, um zu wissen, dass jeder die Welt ein klein wenig besser machen kann. Deshalb habe ich viele Jahre für die Telefonseelsorge gearbeitet und dann den Förderverein gegründet, damit wir finanziell unabhängiger werden. Mache ich Führungen, geht es mir auch immer um die Brüche in der Geschichte. Wenn der Titel in Kampen auch heißt „abgedreht – die wilden 60er Jahre“ dann stehen vor den 1960er Jahren der Krieg und das Dritte Reich. Und das sind die Gründe für die 68er Bewegung, die sexuelle Befreiung in dieser Zeit und den starken Alkoholkonsum auf den legendären Partys. Im Moment setze ich mich dafür ein, dass dort, wo einst in Westerland das Kriegsgericht der Marine stand, eine Hinweistafel angebracht wird, damit sichtbar wird, dass mitten in der Stadt junge Männer noch im April 1945 in den Tod geschickt wurden, obwohl sie aus heutiger Sicht gar kein Verbrechen begangen haben.

Ihre Führungen blicken teilweise noch weiter in die Vergangenheit zurück. Was fasziniert Sie so sehr an der Historie der Insel und wie haben Sie begonnen, Gästeführungen in dieser Richtung anzubieten?

Ich bin einfach keine ideale Angestellte. Also, vom Engagement sicherlich, aber ich halte viel von Mitbestimmung, und die gibt es in vielen Betrieben natürlich eher nicht. Als Gästeführerin ist man in der glücklichen Lage, selbstständig schalten und walten zu dürfen, ohne das große Risiko einer Geschäftsgründung. So etwas hätte ich mir in den 1990er Jahren, als ich gestartet bin, schlichtweg nicht leisten können. Durch meine Tätigkeit im Sylt Museum, das damals noch Heimatmuseum hieß, hatte ich gelernt, dass ich in der Lage bin, komplexe Sachverhalte unterhaltsam zu vermitteln. Und warum ich mich für Geschichte interessiere, ist mir selbst ein Rätsel. In der Schule habe ich nichts davon gemerkt!

St. Severin in Keitum ist eine der ältesten Kirchen Sylts. © Nicolas Rexin

Was können Teilnehmer*innen Ihrer Touren erleben? Was nehmen sie mit?

Alles, was von Herzen kommt, geht zu Herzen und ich mache meinen „Job“ wirklich mit Leidenschaft. Es sind bei mir keine klassischen Stadtrundgänge, sondern ich biete ausschließlich Themenführungen an, die sich mit Frauenleben, III. Reich, den 60er Jahren, den Lebensproblemen früherer Zeiten und so weiter beschäftigen. Und meine Gäste merken vermutlich, dass das kein 08/15 Angebot ist, sondern sehr viel Engagement dahinter steckt.

Was genau verbirgt sich hinter „Living History“?

Living History ist der Knaller! Zunächst einmal geht es natürlich darum, Geschichte zu vermitteln. Aber die Art und Weise sucht seinesgleichen und ist einzigartig in ganz Deutschland. Denn bei uns schlüpfen ehrenamtliche Laienschauspieler (die von professionellen Regisseuren angeleitet wurden) nicht nur in historische Kostüme und erzählen irgendetwas von früher. Living History ist so aufgebaut, dass verschiedene Szenen in Keitum zur Aufführung kommen. Die Sylter, die hier mitmachen, stellen Personen dar, die tatsächlich einst gelebt haben. Und zwar an oder vor ihren einstigen Häusern und teilweise mit genau der Stimme der früheren Bewohner. Wenn es Briefe oder Ähnliches gibt, dann können wir diesen originalen Inhalt nehmen, um authentische Geschichte nachzuspielen. Das ist wirklich unglaublich!

Ihre Tour durch Keitum erzählt auch die Geschichte von Karen Erken. Was interessiert Sie an dieser Figur? Welche Rolle spielten Frauen Ihrer Ansicht nach in der Geschichte Sylts?

Karen Erken ist mir bei einer meiner Recherchen sozusagen in die Hände gefallen und ich habe nur gedacht „Meine Güte, was für ein Schicksal! Und keiner erinnert sich an dich, keiner weiß, dass du gelebt hast, es gibt nichts mehr von dir. Kein Bild, keinen Brief, keine Kindeskinder.“ Aber sie steht stellvertretend für die vielen Frauen, die hier früher ihren Mann stehen mussten, um unter widrigsten Bedingungen leben zu können. Sowas muss doch erzählt werden!

Sie sind nicht nur Geschichtsexpertin und Gästeführerin, Sie sind auch Bestseller-Autorin! Ihr Reiseführer „Gebrauchsanweisung für Sylt“ gilt als eines der unterhaltsamsten und informativsten Bücher über die Insel. Der Klappentext besagt, dass Sie Ihre Leser*innen dahin führen, wo sich Sylt am besten anfühlt – welcher Ort ist das für Sie?

… das versucht ja interessanterweise jede Journalistin und jeder Journalist. Die Insidertipps zu erfragen, wo geht der Sylter hin… Glauben Sie wirklich, dass ich meine Lieblingsplätze verraten würde, damit ich dann all die Lebensart-Leserinnen antreffe…? Meine „Gebrauchsanweisung für Sylt“ ist im Übrigen gerade im „Relaunch“ für die 11. Auflage – das ist in diesen Coronazeiten einen wirklich schöne Nachricht.

Welche Spuren hinterlässt Corona denn auf der Insel?

Bei den Menschen vor Ort hat meiner Einschätzung nach ein Wandel eingesetzt. Sie haben die Insel in ihrer ganzen Pracht und Schönheit erleben dürfen und sind vermutlich nicht mehr so schnell bereit, „business as usual“ wieder aufzunehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Malin Schmidt

Gästeführungen mit Silke von Bremen

• Karen – Kostgängerin aus Keitum

• Westerland – Auf den Spuren des III. Reiches

• Zufallsfunde der Sylter Geschichte

• Kampen: „Abgedreht“ – Die wilden 60er Jahre

• Keitum – Living History

Es gibt noch Termine für Oktober auf: http://www.guideaufsylt.de

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