Gegen alles ist ein Kraut gewachsen

von Eileen Lohf

Schaute man in die Gärten auf dem Land, sah man angepflanzte Kartoffeln und Möhren, hier und da einen Apfel- oder Pflaumenbaum, vielleicht sogar eine gackernde Hühnerschar. Mit dem Wachstum des Wohlstands in der Gesellschaft Anfang der 60er Jahre verschwanden Nutzgärten nach und nach aus dem Landschaftsbild. Unsere Nahrung stammt nicht mehr aus dem eigenen Garten oder vom Bauern im Nachbardorf. Die klassischen Bauernhöfe, wie wir sie kennen und lieben, geraten aufgrund dieser Entwicklungen zunehmend unter Druck.

Kräuterduft mit nach Hause nehmen: Hier werden Webebilder aus herrlich duftenden Wildkräutern gezaubert.

Seit einigen Jahren erleben wir jedoch einen Wandel. Die Menschen interessieren sich wieder vermehrt dafür, woher ihre Kartoffeln und Möhren, Äpfel und Pflaumen sowie von welchen Hühnern die Frühstückseier kommen. Dieser Trend birgt Chancen für die kleineren landwirtschaftlichen Betriebe. Der Einfallsreichtum an alternativen Konzepten für den Hof reicht dabei von „Ferien auf dem Bauernhof“ bis hin zu individuellen Hofläden und -cafés. Auch im Bereich der Bauernhofpädagogik gibt es kreative Ideen. Auf dem ersten großen Kräutertag Ende Juni auf Hof Viehbrook erhielten auch Direktvermarkter, Betreiber von Hofläden und -cafés, Touristiker oder Pädagogen neue Impulse, ihr bisheriges Angebot um Vielerlei rund um Kräuter zu ergänzen.

Kräuter in Öl und Essig einlegen: In ihrer Kräuterwerkstatt zeigt Elisabeth Kreimer, wie es geht.

So wie einst der klassische Bauerngarten in Frauenhand lag, ist auch ein Großteil der 170 Kräuterinteressierten an diesem Tag weiblich. Ein Drittel der Anwesenden hebt die Hand, als Bettina Watermann vom Bildungszentrum für Natur, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (BNUR) fragt, wer am Kurs „Qualifizierung Kräuterkunde“, der einmal jährlich in Zusammenarbeit mit dem LandFrauenVerband Schleswig-Holstein angeboten wird, teilgenommen hat. Mittlerweile zählt unser Bundesland dadurch über 300 Kräuterkundige und jedes Jahr werden es mehr. Viele der ausgebildeten Kräuterkundigen sind Mitglied in einem LandFrauenVerein bei sich in der Region. Auch wenn die Landlust das ist, was die 34.000 LandFrauen Schleswig-Holsteins verbindet, so sind die Wege vielfältig, wie sie ihre Liebe zum Land zum Ausdruck bringen.

Kräuter für Körper, Geist & Seele

Gisela Wroblewski entdeckte die Kräuter 2011 für sich. In ihrem Haus in Lilienthal bei Kiel baute sie sich ihr eigenes Standbein als ärztlich geprüfte Gesundheitsberaterin GGB auf. Eine gute Lebensführung fängt bei gesunder Ernährung an. Im großen Kräutergarten vor ihrem Haus ist alles zu finden, was für gesunde Tees, Dressings, Öle, Aufstriche & Co. benötigt wird. Kaum einer hätte gedacht, dass die Workshops im Dorf an der Schwentine so großen Anklang finden würden. „Ich weiß noch, wie mich Bekannte ansprachen, felsenfest davon überzeugt, dass solcherlei Ideen doch nur in der Nähe von Hamburg funktionieren würden“, sagt Gisela Wroblewski schmunzelnd. Die Vorträge, die sie heutzutage aus außerhalb Schleswig-Holsteins hält, beweisen das Gegenteil. Beim großen Kräutertag teilt sie ihr Wissen mit den TeilnehmerInnen ihrer Kräuterwerkstatt. Aus ätherischen Ölen wird ein herrlich duftendes Pfefferminz- oder Lavendel-Roll-on zur Erfrischung beziehungsweise gegen Kopfschmerzen hergestellt.
In der Kräuterwerkstatt von Petra Lentfer wird es essbar. Ihre große Leidenschaft ist die Herstellung kandierter Blüten und Blätter. Sie schwärmt von gezuckerten Lavendelblüten zum Nachtisch und gesalzenen Salbeiblättern zur herzhaften Käsevariation. Die KursteilnehmerInnen machen sich eifrig daran, ihr erstes süßes (oder salziges) Kunstwerk aus der Natur selbst zu kreieren. Naja, die Hochzeitstorte schmückt die hier versüßte Rose wohl noch nicht, aber in einem von Petra Lentfers Workshops, die sie in ihrem Heimatdorf Kükels in der Nähe von Bad Segeberg gibt, kann dies durch ein wenig Übung ja noch werden. Wem der Umgang mit den zarten Blüten und Blättern nicht liegt, der kann Petra Lentfers hübsch dekorierte Köstlichkeiten erwerben. Im Sortiment von Hofläden sind die kleinen Kunstwerke ebenfalls vorzügliche Hingucker.

Der Große Kräutertag soll alle zwei Jahre stattfinden; immer im Wechsel mit dem Netzwerktreffen der Kräuterkundigen. Weitere Infos, u. a. auch zum Kurs „Qualifizierung Kräuterkunde“, unter www.landfrauen-sh.de oder www.schleswig-holstein.de/BNUR.

Rundum Genuss, Geschichte und Gebräuche werden NaturliebhaberInnen zusätzlich auf dem Kräutermarkt fündig, denn Kräutersalze, -öle und -essige, edle Liköre aus Wildobst und Blütenpostkarten werden angeboten. Auch Kräuter- und Staudengärtnerin Ulla Hasbach ist mit einer Auswahl aus ihrem Sortiment vor Ort und weiß, welche Kräuter im eigenen Garten nicht fehlen dürfen. Auch Wildkräutern sollte man in seiner grünen Oase eine Chance geben. „[Schließlich] ist [es nur] der grenzenlose Hochmut des Menschen, Alles als Unkraut zu bezeichnen, was ihm nichts nützt“, wie es der französische Biologe Jean Rostand formulierte. Warum also nicht (Un)kräuter als Verbündete sehen und die Brennnesseln, eine zu Unrecht gemiedene Pflanze, ebenso wie die Dahlien hegen und pflegen?

Mit Kräutern durch’s Jahr

Kräuter verbinden Natur und Mensch schon seit Jahrtausenden. Gegen alles ist ein Kraut gewachsen, heißt auch ein altes Sprichwort. Echte LandFrauen gehen mit diesen Kenntnissen durch die Jahreszeiten: Der erste frische Salat im Frühling aus Spitzwegerich mundet sehr, an orangefarbenen und gelben Ringelblumen kann man sich im Sommer nicht satt sehen, Fenchel bringt den Herbst zum Leuchten und Salbei tut bei Erkältungen im Winter gut. An diesem Tag geben die Kräuterkundigen dieses alte Wissen über die Bestimmung, Wirkung und Zubereitung der am Wegesrand wachsenden Wildkräuter an Interessierte weiter.
Auch Dr. Astrid Hadeler, LandFrau aus Daldorf, kennt die Mythen und Bräuche im Zyklus der Jahreszeiten. Der große Kräutertag findet knapp eine Woche nach der diesjährigen Sommersonnenwende statt. Die Natur steckt zu dieser Zeit regelrecht in der Blüte ihres Lebens. Alles wächst und gedeiht; so leuchten auch die Blüten des Johanniskrauts in grellem Gelb. Nicht einmal der Teufel käme gegen die starke Heilwirkung dieses Krauts an, so heißt es. Vor lauter Wut habe er mit seinem Dreizack auf dessen Laubblätter eingestochen … „Die kleinen Löcher, eigentlich die Öldrüsen der Blätter des Johanniskrauts, sollen das Überbleibsel dieses Wutanfalls sein“, erklärt die Naturwissenschaftlerin, die auch Seminare zu den Jahreskreisfesten beim BNUR anbietet. Ein Blumenkranz ist das pflanzliche Must-have zum Mittsommerfest. Die Frauen bedienen sich hierfür an Frauenmantel, Schafgarbe & Co. – eben an den farbenprächtigen Blüten des Sommers. Voller Lebenslust wird ausgelassen getanzt, gegessen und getrunken. Beim Sprung des jungen Liebespaares über das Sonnenwendfeuer band sich die Frau einen Gürtel aus Beifuß um den Unterleib. Und mit etwas Glück konnte der Nachwuchs dann schon im nächsten Jahr sein erstes Sommerfest erleben.

„Die Brennessel, meine brennende Liebe“, heißt Martina Lange-Görns Kräuterwerkstatt. Unter anderem wird hier köstliche Brennesselbutter selbst zubereitet.

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Der für den Kräutertag gewählte Veranstaltungsort ist ein gutes Beispiel dafür, wie einem in Vergessenheit geratenen Schmuckstück mitten im Grünen neues Leben eingehaucht wurde. Im 17. Jahrhundert war Hof Viehbrook bereits Anlaufstelle für die Menschen aus der Region. Während Ernst Voß, der Ururgroßvater der Hofbesitzerin Kirsten Voß-Rahe, die Pferde neu beschlug, kehrten die Handwerker und Bauern in der Gastwirtschaft bei Ururoma Magda Dora ein. Heute werden in der ehemaligen Schmiede, dem heutigen Trauzimmer, stattdessen eiserne Bande zwischen Brautpaaren geschmiedet. Ururomas traditionelle Kochkunst lebt weiter, denn im Hof-Restaurant werden weiterhin ländliche Speisen aus hofeigenen und regionalen Produkten serviert.
Als Kirsten Voß-Rahe gemeinsam mit ihren Eltern 2008 mutig mit Herz und Hand zur Tat schritt, das Erbe ihrer Vorfahren aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken, ahnten sie nicht, welchen Erfolg sie mit ihrem Konzept haben sollten. Doch die Dinge nahmen ihren Lauf, bis Hof Viehbrook schließlich auf Initiative des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein zum Leuchtturmprojekt im ländlichen Raum wurde. Von Freizeitgestaltung über Angebote für Touristen und Bauernhofpädagogik – das Kultur-, Bildungs- und Erlebniszentrum Hof Viehbrook ist mit seinen vielen Facetten heute wie damals ein Ort der Begegnung.

Das eigene Kräuterparadies

Kräuterliebe kann ganz unterschiedlich gestaltet werden. Essbar, heilsam, mystisch – der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Vielleicht schmiedet der ein oder andere Naturfreund schon jetzt Pläne, seinen Garten in ein Paradies aus nützlichen Pflanzen zu verwandeln. Denn: Gegen alles ist bekanntlich ein Kraut gewachsen – vielleicht auch gegen die Krise in der Landwirtschaft?

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