Es ist schnell daher gesagt, aber jemanden oder einen Zustand als „wonnig“ zu bezeichnen, ist nicht ohne. Das sagt man nicht einfach so daher. Dafür liegt in dem Adjektiv zu viel Kompliment, zu viel Anerkennung. Entsprechend verantwortungsvoll sollte man mit solchem Lob umgehen.

Welcher Monat ist „wonnig“?

Es ist kein Zufall, dass nur ein Monat im Jahr diese Bezeichnung trägt: der Mai. Für mich ist wonnig bereits ein Superlativ. Wonnig ist zu 100 Prozent positiv belegt. Es hat etwas Verniedlichendes, es will niemandem etwas Schlechtes nachsagen. Kein anderer Monat als der Mai trägt diese Eigenschaften normalerweise so gut sichtbar hochschwanger vor sich her und lässt uns an ihnen teilhaben. Alle Zeichen stehen auf Grün. Alles wächst, gedeiht und sprießt.

Die Natur strahlt mit leuchtenden Farben nur so um sich. Er ist der Monat, der mit großer Wahrscheinlichkeit den Frost, der Vegetation größter Feind, in die Wüste schickt. Im Mai haben die Eisheiligen ihren letzten Auftritt – wenn überhaupt. Manchmal fällt ihr Gastspiel auch einfach aus. Vielleicht in diesem Jahr? Ganz so weit sind wir jetzt noch nicht, das zu proklamieren. 

Wetter auf der Überholspur

Was aber, wenn das Wetter auf der Überholspur ist? Wenn die Vegetation drei Wochen schneller unterwegs ist, der Raps schon im April um die Wette blüht, das Blattgrün an den Bäumen deutlich vor dem Vormonatsende strahlt? Dieses Jahr haben wir so einen Fall. Die Natur ist schon drei Wochen früher in die Gänge gekommen. Da könnten sich Bonifatius und seine Kameraden neulich im Frostüberfall in der letzten April­woche versteckt haben – sie sind bereits Vergangenheit und wir warten vergeblich auf sie.

Damit sind wir, was die Vegetation betrifft, dem Juni jetzt näher als dem Mai und stecken damit ein bisschen in einem Dilemma. Dann nämlich klaut uns der April die Schau und wir müssten ehrlicherweise vom Wonnemonat April sprechen. Viele würden es begrüßen.

MEENO SCHRADER

Schon seit seinem 15. Lebensjahr ist das Wetter für Meeno Schrader weit mehr als nur Small Talk. Er hat es an den unterschiedlichsten Plätzen der Welt „getestet“ und lebte und arbeitete unter anderem in Australien, Korea, der Karibik und den USA. Seit 2002 ist er der „Wetterfrosch“ des Schleswig-Holstein-Magazins beim NDR. In der Lebensart verrät er jeden Monat einen Gedanken aus seinen Wetterwelten.

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