VON HANNA WENDLER

Es ist ein klirrend kalter Samstag am 28. Februar 1981 – das Thermometer zeigt Minus 10 Grad an und ein eisiger Ostwind fegt über Norddeutschland. Trotz der extremen Wetterlage und eines in der Nacht verhängten Versammlungsverbotes machen sich Tausende von Menschen aus ganz Deutschland in Richtung Wilstermarsch auf, um in der Nähe des kleinen Ortes Brokdorf gegen den Bau eines Atomkraftwerkes zu demonstrieren. Mit bis zu 100.000 Teilnehmenden wird diese Demo als bis dahin größte in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen.

Ungefähr 35.000 Menschen kommen bis zum Baugelände durch.
Mit Wasserwerfern und Tränengas räumen die Einsatzkräfte das Gelände.

Schon als Anfang der 70er Jahre der geplante Bau eines Kernkraftwerkes in Brokdorf bekannt wird, regt sich Widerstand. Allerorts entstehen Bürgerinitiativen und Aktionsbündnisse mit einem gemeinsamen Ziel: Den Bau des Atomkraftwerkes zu verhindern. Dieses Ziel vereint verschiedene gesellschaftliche Gruppen ganz unterschiedlicher weltanschaulicher Überzeugungen: Landwirti*nnen und Anwohner*innen, Aktivist*innen aus dem linken und liberalen Spektrum, Umweltgruppen, engagierte Christ*innen und weitere atomkritische Bürger*innen aller politischen Richtungen aus dem gesamten Bundesgebiet. 1976: Baubeginn gegen Bürgerwillen Trotz zahlloser Bürgerproteste und gerichtlicher Klagen beginnen Ende Oktober 1976 ohne jegliche Vorankündigung die Bauarbeiten. Mitten in der Nacht rücken die Baufahrzeuge an. Der Platz wird eingezäunt – Stacheldraht, tiefe Wassergräben und ein hohes Polizeiaufgebot mit Hundestaffeln schützen die „Festung Brokdorf”. Die AKW-Gegner*innen sind entsetzt. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das Signal: Widerstand zwecklos.

Brokdorf – ein zweites Wyhl?

Ein Jahr zuvor hatten Bürger*innen im baden-württembergischen Wyhl den Bauplatz eines geplanten Kernkraftwerkes besetzt. Mit Erfolg: Das AKW wurde nie gebaut. Wyhl wird zum Symbol für die erfolgreiche zivilgesellschaftliche Einflussnahme auf die Politik und ein Vorbild für die Anti-AKW-Bewegung. Brokdorf – ein zweites Wyhl? Das wollen die regierende Politik und die Atomindustrie unbedingt verhindern. Trotzdem schaffen es Ende Oktober 1976 rund 2.000 Menschen nach dem Vorbild von Wyhl den Bauplatz in Brokdorf zu besetzen. Unter dem massiven Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas wird das Gelände geräumt. Der Konflikt zwischen Staatsmacht und Protestierenden spitzt sich zu.

1977: Baustopp durch Gerichtsentscheid

Nach zahlreichen gerichtlichen Einsprüchen der Atomkraftgegner*innen verhängt das Oberverwaltungsgericht Lüneburg 1977 einen vorläufigen Baustopp – vor allem, weil die Frage nach der Endlagerung des hochgiftigen Atommülls vollkommen ungeklärt ist. Sie ist es bis heute! Das Atomgesetz regelt, dass Kernkraftanlagen nur betrieben werden dürfen, wenn gesichert ist, dass der anfallende hochradioaktive Müll sicher entsorgt werden kann. Die ungelöste Endlagerfrage hätte zum Fallstrick der Atomindustrie werden können.
Doch es kommt anders.

1979: Die Entsorgungslüge

Ende September 1979 treffen Bund und Länder den „Entsorgungsvorsorgebeschluss”.
Damit entsteht eine neue Rechtslage: Jetzt reichen der Nachweis einer Zwischenlagerung der atomaren Abfälle für sechs Jahre und die Suche nach einem Endlager aus. Dass die Atomindustrie gegen jeden Widerstand durchgesetzt werden soll, wird spätestens jetzt offensichtlich. Die laufende Klage einer Klägergemeinschaft gegen das AKW Brokdorf ist damit zum Scheitern verurteilt. „Das war ein Schock!”, fasst der Anwohner Karsten Hinrichsen zusammen, der zwölf Jahre lang gegen die Inbetriebnahme des AKW Brokdorf geklagt hat. „Es war der Beginn der Entsorgungslüge. Bis heute hat sich daran nichts geändert.” Für einige ist das Vertrauen in die Demokratie nachhaltig erschüttert: „Da war der Traum vom demokratischen Rechtsstaat vorbei”, resümiert der Milchbauer Ali Reimers resigniert, der Teil der Klägergemeinschaft war.

Mit 10.000 Beamt*innen ist es der bis dahin größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik

Februar 1981: Demonstrationsverbot und Straßensperren

Als die Bauarbeiten für das AKW im Februar 1981 wieder aufgenommen werden, kündigen rund 50 Organisationen für den 28. Februar eine Großdemo an. Noch bevor es zur Anmeldung kommt, erlässt der Landrat des Kreises Steinburg eine Allgemeinverfügung, die jegliche Demonstration verbietet. Die Begründung? Weil mit Gewalt zu rechnen sei. Schon Wochen vorher wird in Politik und Medien Stimmung gegen die Atomkraftgegner*innen gemacht. So warnt der damalige schleswig-holsteinische Innenminister Uwe Barschel vor gewaltbereiten „Reisechaoten”.
Es wird massiver Druck ausgeübt – Schülerinnen droht man mit Schulverweis, wenn sie sich an der Demo beteiligen. Einen Tag vor der geplanten Demonstration hebt das Verwaltungsgericht Schleswig das Verbot größtenteils auf – setzt es aber in der Nacht zum 28. Februar wieder in Kraft. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits viele Menschen auf dem Weg in die Wilstermarsch. Um die Demonstration zu verhindern, hat die Polizei das Gebiet weiträumig abgeriegelt, bereits in Niedersachsen sind Autobahnen gesperrt.
Trotzdem werden am Ende 100.000 Menschen im Kreis Steinburg demonstrieren. Sie umfahren Straßensperren, klettern über Weidezäune und schlagen sich teils kilometerweit über die gefrorenen Felder durch.

Februar 1981: Großdemo in Brokdorf

Die Großdemonstration beginnt mit einer Auftaktkundgebung des Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) in Wilster. Anschließend setzen sich viele Demonstrierende in Richtung Brokdorf in Bewegung. Schätzungsweise 35.000 Menschen kommen bis zum Baugelände durch.
Über den Köpfen der Demonstrant*innen kreisen die Polizeihubschrauber im Tiefflug, der Lärm ist ohrenbetäubend. „Das war schon ein bisschen kriegsähnlich”, erinnert sich Karsten Hinrichsen im Rückblick. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot von 10.000 Beamt*innen im Einsatz. Ein Teil der Demonstrierenden versucht den Bauplatz zu besetzen. Mit Wasserwerfern und Tränengas räumen die Einsatzkräfte das Gelände.
Es kommt zu regelrechten Jagdszenen auf einzelne Demonstrant*innen. Es ist der bis dahin größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Fünf Jahre später wird das Bundesverfassungsgericht das Versammlungsverbot für verfassungswidrig erklären.

Stacheldraht, tiefe Wassergräben und ein hohes Polizeiaufgebot mit Hundestaffeln schützen die „Festung Brokdorf“.

1986: das AKW Brokdorf geht ans Netz – der Widerstand bleibt

Trotz weiterer Proteste in den nächsten Jahren wird der Bau fortgesetzt. Wenige Monate nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl geht das AKW Brokdorf im Oktober 1986 ans Netz. Auch nach der Inbetriebnahme setzen Kernkraftgegner*innen ihren Widerstand fort. Mit monatlichen Mahnwachen fordern sie beharrlich die vollständige weltweite Abrüstung und den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie – symbolträchtig jeweils am sechsten Tag eines Monats, um an den Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945 zu erinnern. „Wir wollen damit die enge Verzahnung von militärischer und ziviler Atomnutzung deutlich machen“, sagt Karsten Hinrichsen. Viele der Menschen, die sich gegen das AKW Brokdorf engagiert haben, opferten dafür einen erheblichen Teil ihrer Freizeit. Über viele Jahrzehnte den Widerstand aufrechtzuerhalten, erfordert viel Durchhaltevermögen.
Einige von ihnen empfanden es als persönliche Niederlage, dass das Kernkraftwerk trotz allen Widerstandes in Betrieb genommen wurde. Der Weg bis zum Atomausstieg war steinig, lang und umstritten.

Der lange Weg zum Atomausstieg

Im Jahr 2000 wird unter der rot-grünen Bundesregierung der Atomausstieg bis 2020 beschlossen. Als die folgende Regierungskoalition von CDU und FDP 2010 den Beschluss wieder rückgängig macht und eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke plant, gehen dagegen bundesweit wieder unzählige Bürger*innen auf die Straße. Im April 2010 bildet sich eine Menschenkette vom AKW Brunsbüttel über das AKW in Brokdorf bis zu dem AKW in Krümmel. 120.000 Menschen stehen dicht gedrängt auf 127 Kilometern, um gegen die Aufhebung des Atomausstiegs zu demonstrieren. Noch im selben Jahr tritt die Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke in Kraft. Nur wenige Monate später bebt in Japan die Erde.
Erst nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima wird 2011 endgültig der Atomausstieg bis 2022 beschlossen.

2021: Endlich ausgestrahlt?

Der Atomausstieg ist beschlossen, Brokdorf geht Ende 2021 vom Netz. Hat es sich damit also endlich ausgestrahlt? Keineswegs! Was bleibt sind rund 17.000 Tonnen hochradioaktiver Müll, den die Atomkraftwerke bis dahin produziert haben. Dieser muss mindestens eine Million Jahre sicher vor dem Eindringen
in die Biosphäre aufbewahrt werden. Wo und wie – das ist bis heute ungeklärt. Ein hochgiftiges Erbe, das an die kommenden Generationen weitergegeben wird. Und ein teures noch dazu: Die Kosten für die Lagerung allein bis Ende dieses Jahrhunderts werden auf rund 170 Milliarden Euro geschätzt. Nach dem Verursacherprinzip müssten dafür die Atomkonzerne aufkommen. Aber E.ON, Vattenfall & Co. haben sich freigekauft:
Rund 24 Milliarden Euro haben sie in einen Fonds eingezahlt, der durch Investitionen die Kosten für die Entsorgung erwirtschaften soll. Die Finanzierung der Endlagerung liegt seitdem in der Verantwortung der Allgemeinheit. Und derweil sich die Suche nach einem Endlager fortsetzt, wird der Atommüll auf den Geländen der Kernkraftwerke zwischengelagert – auf unbestimmte Zeit.

Nur wenige Monate nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl geht das AKW Brokdorf 1986 ans Netz. Bis Ende 2021 wird es stillgelegt
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