von Malin Schmidt

Fast sein gesamtes Leben stand er auf der Bühne, verkörperte mehr als 100 Rollen und war neben Heidi Kabel, Helga Feddersen und Otto Lüthje zu sehen. Engagements im Ohnsorg Theater machten in nicht nur zum Hamburger Urgestein, sondern auch deutschlandweit berühmt. Seine lange künstlerische Karriere begann der Volksschauspieler Henry Vahl in Kiel.

Er spielte zumeist die einfachen Leute, die Handwerker und Arbeitnehmer, die kleine Fluchten aus dem Arbeitsalltag suchten. Seine Paraderolle war der alte Schustergeselle Matten in der Komödie „Meister Anecker“ von August Lähn. Immer angetüdert und noch vom Vortag betrunken, verkörperte Henry Vahl den urigen Gesellen so echt und komisch, dass ihm die Herzen des Theaterpublikums reihenweise zuflogen. Übertragungen im publik werdenden Fernsehen machten ihn für viele zu einer Gallionsfigur des Ohnsorg Theaters und zur ersten Erinnerung auf der Mattscheibe.
Tatsächlich hatte Henry Vahl zu Zeiten seiner größten Erfolge bereits eine jahrelange Schauspielerlaufbahn in ganz Deutschland hinter sich. Erst die Rollen des kauzigen Alten, der immer wieder verschmitzt ins Publikum schmunzelte, verhalfen ihm zur Karriere.

Aufwachsen in schweren Zeiten

Henry Vahl wurde 1897 in Stralsund geboren, zog aber schon 1906 nach Kiel. In der Landeshauptstadt begann der Junge früh zu arbeiten, um seine Eltern zu unterstützen und die drei kleineren Geschwister zu ernähren – zunächst in einer Molkerei, dann als Liftboy im Hansa Hotel und später auch bei den Howaldtswerken, um den Dienst im Ersten Weltkrieg zu umgehen. In dieser schwierigen Zeit, in der es nicht nur an der Front ums tägliche Überleben ging, war es ein glücklicher Zufall, dass Henry Vahl als Schauspieler entdeckt wurde. Karl Alving, damaliger Direktor des Kieler Stadttheaters, war ein regelmäßiger Gast im Hansa Hotel. Ihm sollen die schelmische Mimik und lebhafte Art des jungen Liftboys sofort aufgefallen sein. 1914 engagierte er Vahl und verschaffte ihm nur zwei Jahre später seine erste Hauptrolle am Kieler Theater. 

Als der Krieg endlich vorüber war, folgte Henry Vahl einem Engagement am Hansa-Theater Lübeck, wo er seine Frau Germaine kennenlernte. Die beiden heirateten 1925 und zogen über Umwege nach Berlin. Der Schauspieler arbeitete immer, allerdings eher in kleineren Produktionen. Dann wurde Vahls Karriere erneut von einem Krieg überschattet, der diesmal noch weitreichendere Folgen für seine private Zukunft hatte. Denn Germaine wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs als „Halbjüdin“ eingestuft, bald verfolgt und tauchte über Jahre unter. Ihr Ehemann kannte ihren Aufenthaltsort nicht, wurde aber mehrfach von der Gestapo vernommen und unter Druck gesetzt. 1943 zog man Vahl zum Kriegsdienst ein und schickte ihn an die Ostfront. Wie durch ein Wunder überlebte er und fand seine Frau unversehrt wieder. Später sagte er, es sei nicht leicht, das Leben mit Humor zu nehmen, aber es sei bedeutend schöner. 

Am Hamburger Ohnsorg Theater wurde Henry Vahl zum Volks- schauspieler und war vielfach neben Heidi Kabel zu sehen.(© Ohnsorg-Theater/Archiv (Richard Ohnesorge))

Im Rentenalter zum Fernsehstar

Nach Jahren als Statist und Nebendarsteller auf deutschen Bühnen kehrte Henry Vahl in den 1950er Jahren in den Norden zurück. In verschiedenen Hamburger Häusern, u. a. am Theater Neue Flora und am heutigen Ernst-Deutsch-Theater, spielte er wechselnde Rollen, bis er 1958 am Ohnsorg Theater für einen erkrankten Kollegen einspringen sollte. Der mittlerweile über Sechzigjährige spielte spontan die Titelrolle im „Meister Anecker“. Derbe und ironisch überzeichnete er die Figur des „komischen Alten“ und holte einen bahnbrechenden Erfolg ein. Er blieb als Star am Ohnsorg Theater und spielte in den folgenden Jahren mehr als 100 Rollen, vielfach neben Heidi Kabel. 

Er hat gern Menschen um sich gehabt, er hat gern Leben um sich gehabt. Wo er war, da war immer Fröhlichkeit.

Heidi Kabel

Menschlichkeit als Markenzeichen

Oftmals improvisierte Henry Vahl auf der Bühne, weil er sich seine Texte im fortgeschrittenen Alter nicht mehr gut merken konnte. Doch das schien sein Publikum kaum zu stören. Im Gegenteil, viele liebten seine lebhaften Auftritte und spontanen Ausrufe. Legendär ist bis heute vor allem ein Vorfall: Henry Vahl, der sich mittlerweile nicht mehr auf eine Souffleuse aus der Kulisse verlassen musste, hatte einen Audioknopf ins Ohr bekommen, der den Text per Funk übertrug. Leider kam es dabei zu einer Überschneidung der Frequenz und der Schauspieler erhielt nicht seinen Bühnentext, sondern den Hamburger Polizeifunk. Immer wieder hörte er die Worte eines Kommissars „Peter zehn, bitte kommen“. Schließlich wurde es dem vergesslichen Vahl zu bunt und er rief laut aus: „Peter, nun geh doch endlich mal ran, damit wir weitermachen können!“

In der NDR-Musiksendung „Haifischbar“ war Henry Vahl bis zu seinem Tod 1975 zu sehen. (Photo by Siegfried Pilz/United Archives via Getty Images)

Unvergessene Auftritte

Nicht nur auf der Theaterbühne war Henry Vahl ein beliebter Star. Fernsehaustrahlungen von „Meister Anecker“ oder „Tratsch im Treppenhaus“ machten ihn deutschlandweit zum Volksschauspieler. Die NDR-Unterhaltungsshow „Haifischbar“, in der Henry Vahl regelmäßig zu Gast war, wurde sogar in Österreich und der Schweiz gezeigt. Bis 1975 besetzte er noch drei Jahre lang die „Zitronenjette“ am St. Pauli Theater, eine Frauenrolle, die in der Regel von Männern verkörpert wird. Mit 78 Jahren hörte er am Theater auf, weil seine Frau starb. Vahl erholte sich nie wieder und verschied zwei Jahre später selbst.

Neue Gedenktafel für Henry Vahl in Kiel-Gaarden

Heute erinnern mehrere Orte in Hamburg an den Schauspieler Henry Vahl, ebenso die zahlreichen TV-Mitschnitte seiner Theaterauftritte. Die Landeshauptstadt Kiel hat den norddeutschen Künstler nun besonders gewürdigt und Gedenktafeln im Stadtteil Gaarden errichtet. Hier, an Vahls ehemaligen Wohnhaus in der Iltisstraße 49 und direkt am 2014 eingeweihten „Henry-Vahl-Platz“, weist die Erinnerung auf die kleinen Anfänge eines großen Schauspielers.