Die Lassens von Sylt

von Malin Schmidt

Was für die Ostküste Amerikas die begehrten Hamptons sind, ist für uns Norddeutsche die Insel Sylt. Egal ob Sommer oder Winter, Jahresurlaub oder Kurztrip – die Nordseeinsel ist eines der beliebtesten Reiseziele im Norden. Auf der einen Seite von einem traumhaft weißen, kilometerlangen Sandstrand umrandet, auf der anderen Seite dem Wattenmeer geöffnet, ist Sylt zu jeder Jahreszeit ein Idyll für Spaziergänger und Naturliebhaber. Vornehme High-Class-Hotels und Sterne-Restaurants, Edelboutiquen und unzählige Neubau-Villen im traditionellen Reetdach-Look sorgen an Land für einen exklusiven Aufenthalt. Sylt ist lecker, angesagt und reich, Sylt ist Luxus. Doch das war nicht immer so. Was heute zum teuren Image der Insel gehört wie die Gischt zum Meer, war früher gänzlich anders. In ärmeren Zeiten lebte hier eine Familie, die die Geschichte und das Leben auf der Insel bis heute prägt und deren Ahnen das Erbe bis heute bewahren: die Lassens von Sylt.

Merret Lassen im Alter von 80 Jahren

Einfache Zeiten

Früher war Sylt arm und karg und die Einwohner mussten ständig um ihr Überleben kämpfen. Naturgewalten, Sturmfluten, Wanderdünen und Hunger bestimmten den Alltag. Die Insulaner wohnten in kleinen Katen, die mit Reet eingedeckt waren. Das war die günstigste Bedachung, denn von dem getrockneten Schilf hatten die Sylter allemal genug. Während viele der Männer zur See fuhren und wochenlang auf den Meeren der Welt fischten, arbeiteten die Frauen und Alten gemeinsam mit ihren Kindern auf dem Land und bewirtschafteten kleine Ackerflächen und versorgten das Vieh.

Es war dieser harte Alltag, in den ein Mädchen hineingeboren wurde, das später die Sylter Urfamilie Lassen mit 21 Kindern gründen sollte: Merret Claasen. Ihre Familie lebte abgeschieden im kleinen Örtchen Rantum an der schmalsten Stelle der Insel. Hier wirkte das Meer besonders stark auf das Land ein. Auch die Kindheit von Merret war geprägt von ihrer rauen Umgebung. Nicht nur viel körperliche Arbeit und materielle Entbehrungen gehörten dazu, sondern auch der frühe Verlust des Vaters. Peter Jakob Claasen war wie die meisten Männer von damals Seefahrer. Er hatte Merrets Mutter Gondel Johannsen 1787 kennengelernt und zügig geheiratet. Zwei Jahre später kam Merret als einziges Kind des Paares zur Welt. Weil die jungen Eheleute lieber einen Sohn bekommen hätten, wurden sie von der Nachbarschaft schnell zurechtgewiesen. „Seid dankbar und zufrieden, dass ihr ein kleines Mädchen habt! Ein Mädchen bleibt länger als ein Junge und muss nicht hinaus in die gefahrvolle Welt.“ Nur wenig später sollte Merrets Mutter dies zu schätzen wissen, als sie ihren Mann 1792 an die See verlor.

Einen vom Strand

Merret wuchs fortan größtenteils bei den Großeltern auf, inmitten von viel Liebe und viel Arbeit. Sie wurde eine tüchtige junge Frau, die auf der ganzen Insel für ihre Schönheit und ihren Witz bekannt war. Schon als 20-Jährige wusste Merret: Sie würde nur einen Seefahrer heiraten, einen „vom Strand“. Schnell sollte dies wahr werden. Im Jahr 1809 tobte ein Krieg zwischen Großbritannien und Dänemark. Die Insel Sylt geriet aufgrund ihrer Lage zwischen den verfeindeten Küsten ständig unter Beschuss. Eines Tages lief ein dänisches Kaperschiff am Weststrand auf Grund, verfolgt und beschossen von einer britischen Brigg. Der Prisenmeister des Schiffes war ein junger und stattlicher Norweger namens Peter Nicolai Lassen. Er schaffte es an Land, wo er von Merrets Großvater, der die Kriegsszenen wie viele Sylter vom Strand aus beobachtet hatte, in Empfang genommen wurde. Den folgenden Sommer verbrachte Peter Nicolai Lassen in Merrets Zuhause, so lernten sich die beiden kennen. Als er zum Herbstbeginn erneut zur See fahren musste, verlobte er sich vorab mit der jungen Sylterin und schwor, so schnell wie möglich zurückzukehren. Das Schicksal war den Verliebten gnädig, Peter Nicolai kam zurück – als einziger seiner Besatzung – und die beiden heirateten im Jahre 1810 in Westerland.

21 Kinder

Wenn wir heute „Großfamilie“ sagen, meinen wir eine Familie mit mehr als zwei Kindern. Auch wenn der Kinderdurchschnitt früher deutlich höher lag, kam die Familie Lassen schon damals auf einen Rekordwert: Mit 21 Kindern schufen Merret und Peter Nicolai eine Art Supergroßfamilie, die ihre Bekanntheit sogar über die Grenzen der Insel hinaus erlangte. Zumindest erzählen sich die Sylter heute noch von der kuriosen Begegnung Merrets mit dem dänischen König Frederik. Dieser besuchte die Insel im Sommer 1825 und erfuhr währenddessen von der kinderreichen Sylter Familie Lassen. Die Mutter, so hörte der hohe Gast, sei eine ansehnliche Frau, eine richtige Friesin eben. „Die möchte ich zu Gesicht bekommen“, sagte der König. Es wurde also sofort nach Merret Lassen geschickt, die sich jedoch wie selbstverständlich entschuldigen ließ, mit den selbstbewussten Worten: „Wenn der König mich sehen will, möge er nach Rantum kommen“ – und so geschah es. König Frederik ließ sich nach Rantum kutschieren und nahm Platz in der Stube der Lassens. Nach geraumer Zeit erschien Merret im Türrahmen, machte einen Knicks und sagte: „Majestät wollten mich sehen. So sehe ich von vorne aus…“ – sie drehte sich um – „… und so von hinten!“ Mit diesen Worten stolzierte sie wieder zur Tür hinaus. Zunächst waren alle sprachlos, ehe der König – glücklicherweise – in schallendes Gelächter ausbrach.

Im Lauf der Gezeiten

Nicht alle von Merrets 21 Kindern überlebten. Vier von ihnen starben in frühen Jahren. 17 jedoch wurden zu kräftigen und selbstständigen Menschen erzogen, die teilweise auf der Insel blieben, teilweise wie der Vater zur See fuhren oder in die Welt hinauszogen. Heute sind die Nachfahren auf dem ganzen Globus verstreut. Sie tragen die starken Gene der Lassens in sich, ihre Stärke, immer wieder dem Wetter und der Natur zu trotzen, ihren Gemeinschaftssinn und ihre Nächstenliebe.

Sylt ist heute eine beliebte und vielbesuchte Luxusinsel. Kaum eine Reetdachvilla, die hinter den Dünen auftaucht, hat einen Marktwert von unter zehn Millionen Euro. Nur ab und an zeigt sich eine ursprüngliche Kate, zum Beispiel in Keitum, wo auch das Heimatmuseum steht. Hier lassen sich jene vergangenen Zeiten erahnen, in denen die schöne Merret Lassen über die Insel lief. Ihre Geschichte spiegelt auch die Chronik der Nordseeinsel und zeichnet den Charakter des Insellebens, das dem Meer und der Natur in allen Gewalten trotzt, ausharrt und widersteht.