Das Museum Tuch+Technik und die Herbert Gerisch-Stiftung Neumünster zeigen in einer Gemeinschaftsausstellung Werke von Jirí Tichý, einem der Gründer der Neuen Textilkunst.

Fern von traditioneller Webtechnik und früherer Textilkunst, frei von jeder Vorschrift oder Regel, gänzlich neu in Form, Farbe und Komposition – das sind die textilen Kunstwerke von Jiří Tichý. Der Tscheche, der von 1924 bis 2013 lebte, gilt als Revolutionär und künstlerisches Multitalent. Denn nicht nur bildgewaltige Tapisserien gehören zu seinem Repertoire, sondern auch Malereien und Grafiken. Eine Auswahl der textilen Werke des Künstlers und einige Kleinplastiken zeigt das Museum Tuch + Technik im Rahmen einer Kooperationsausstellung mit der Herbert Gerisch-Stiftung Neumünster. Dort steht sein malerisches und grafisches Schaffen im Mittelpunkt. Die Doppel-Ausstellung ist noch bis zum 20. September zu sehen.

Außergewöhnlich in Form, Farbe und Struktur

Jiří Tichý zählt zu den Gründern und Wegbereitern der Neuen Textilkunst, die seit den 1960er Jahren aus einem jahrtausende alten, traditionellen Handwerk eine innovative Kunstform entwickelte. Über Jahrzehnte fand diese Textilkunst ihr Weltzentrum in der „Biennale internationale de la tapisserie“ im schweizerischen Lausanne. Dort hat Tichý zwischen 1965 und 1971 regelmäßig ausgestellt. 

Seine Kunst hält sich nicht an das rechtwinklige Format traditioneller Weber, sondern entwickelt stattdessen dynamische, unregelmäßige und teils bizarre Formen mit völlig neuen Oberflächen: verstärkt, verdichtet oder die Fäden verdreht, mehrschichtig und überlappend. Tichý komponierte Arbeiten, die auf seine Wurzeln als Maler zurückgehen, und nutzte expressive Farben und Formen. Das Ergebnis sind komplexe, bildgewaltige Plastiken.

Mythen, Traditionen und Schmetterlinge

Inspirieren lässt sich der Künstler zum Beispiel durch die antike Mythologie. Das erste textile Hauptwerk beruht auf dem Marsyas-Mythos, einer tragischen Sage von Ovid, nach der Satyr Marsyas so lustvoll auf seiner Doppelflöte spielte, dass er den Gott Apoll zum Wettstreit herausforderte und besiegte. Dafür ließ ihn der verärgerte Apoll bei lebendigem Leib häuten. Der Marsyas-Mythos dient bis heute als Parabel über das Verhältnis von Schönem und Hässlichem, Ohnmacht und Macht.

Aber auch die Tapisserien des Mittelalters, Jugendstils und Bauhaus’ sowie volkstümliche Traditionen aus seiner Heimat fließen in die Arbeit Jiří Tichýs ein. Immer wieder taucht das Motiv des Schmetterlings auf – Tichý liebte Schmetterlinge.


Die Tapisserie aus Baumwolle und Wolle mit eingewebter Cellodecke trägt den Titel „Vox Coeli“. © Marie Kosmatov

Ausstellung bis 20. September
Die Ausstellung findet im Museum Tuch + Technik und in der Herbert Gerisch-Stiftung in Neumünster statt und zeigt das komplexe Kunstschaffen Tichýs erstmals in diesem Umfang: hochgebrannte Emailmalereien, Monotypien, Frottagen, Siebdrucke, Collagen, Xerografien, Buchkunst und Illustrationen sowie Beispiele aus der Zusammenarbeit mit Architekten. Exemplarisch und repräsentativ sind alle Schaffensperioden von 1940 bis 2008 vertreten, ein Großteil der Werke wird zum ersten Mal ausgestellt. 

Museum Tuch + Technik, Kleinflecken 1, Neumünster, www.tuch-und-technik.de (Di-Fr 9-17 Uhr, Sa+So 10-17 Uhr, montags geschlossen)

Herbert Gerisch-Stiftung, Brachenfelder Str. 69, Neumünster, www.gerisch-stiftung.de (Mi-So 11-18 Uhr)