von Nadine Sorgenfrei

„Drrrrrrrriiiiiiiiiilll…“ schrillte die Klingel. Als würde ein Presslufthammer sich mitten in sein Hirn bohren. Der Schmerz ließ seine schrumpeligen Augen zucken. „Hallöööööchen…!!!“, kreischte eine voluminöse Kundin mit knall-orangenem Schal und aufgetürmten, lila gesträhnten Haaren. „Hamm’se noch Marzipan-Stollen da?“ Leo dachte wirklich, sein Kopf würde platzen. Die lauten Geräusche hallten dumpf in ihm nach. Ihm wurde übel. Seit drei Wochen schon erlebte er die Hölle auf Erden.

Dabei hatte sein Leben so schön begonnen: Aus einem glatten, geschmeidigen Teig hatten feinfühlige, erfahrene Hände seinen Körper geformt. Bei angenehmen 180 Grad Celsius hatte er sich dann von einem blassen Jüngling in einen knusprigen, braunen Mann verwandelt. Eine zuckersüße Glasur brachte anschließend seinen Körper auf Hochglanz – stolz und aufrecht wurde er kurz darauf imRegal gleich links von der Tür aufgestellt. Dass dies der denkbar schlechteste Platz für einen Migräne-Leidenden war, stellte sich bereits am nächsten Morgen heraus: Die Türklingel von Fietes Backstube war nämlich genau über diesem Regal angebracht. Nur die dünne Pressholz-Platte des oberen Faches grenzte Leos empfindlichen Kopf von dem durchdringenden, metallischen Geräusch ab. Dazu flackerte die Neonröhre genau gegenüber von ihm schon seit zehn Tagen direkt in seine Rosinen-Augen. Auch nachts. Leider hatte Leo keine Augenlider, die er schützend hätte schließen können. Hätte er einen Magen, müsste er sich sicherlich übergeben vor Schmerz. Wahrscheinlich mitten auf die Spekulatius-Kekse, die hübsch verpackt in einem Körbchen vor dem Regal aufgestellt waren.

Das Gerücht
„Du bist vielleicht nicht mehr lange hier“, versuchte sein Nachbar Lennart ihn zu trösten. „Angeblich bringen die Kunden uns an einen besonderen Ort, wo alles ganz wunderbar ist! Wo es ganz sanft leuchtet und herrlich duftet. Wo es mollig warm ist und nachts immer dunkel! Ich habe gehört, dass dort die Türen nur ganz selten geöffnet werden. Und manchmal baden sie uns in Kaffee, Tee, Kakao oder Glühwein, das ist fast so herrlich heiß wie damals im Ofen.“
„Das sind doch alles nur Gerüchte“, knurrte Leo. „Oder kennst du jemanden, der wirklich schon mal an so einem Ort war? Ich glaub’ da jedenfalls nicht dran.“
„Das nun nicht“, gab Lennart zu. „Aber hier verschwinden doch täglich so viele aus dem Laden. Irgendwo müssen die doch hin. Und anscheinend ist es dort so toll, dass alle für immer da bleiben wollen. Oder hast du etwa schon mal erlebt, dass sich jemand hat zurückbringen lassen? Also, ich nicht.“

Doch abends, wenn es ganz ruhig wurde im Laden und das Pochen in seinem Kopf etwas nachließ, träumte Leo insgeheim auch von diesem magischen Ort. Wie es wäre, wenn er nicht immer vom flackernden Neonlicht und der schrillen Klingel gepiesackt würde. Wenn es auch mal ganz dunkel würde und er sich erholen könnte. Wenn da nicht ständig dieser kalte Luftzug um die Beine streifte. Sicher würde dann auch seine Migräne nachlassen. Und würde man ihn wirklich in heißem Kakao baden? Das wäre so entspannend …

Foto: avdeyukphoto

Die Hoffnung
Am nächsten Tag schrillte die Glocke und eine Frau mit wunderschönen langen, gold-braunen Locken betrat den Laden. „Moin Frau Wendler“, begrüßte Fiete sie. „Was darf es denn heute sein?“ „Ein Franzbrötchen hätte ich gern. Und vielleicht noch etwas für meine Kollegen…?“ Die Frau schaute sich im Laden um. Sie kam direkt auf Leo zu, sah ihn prüfend an. Leo versuchte, besonders grade zu stehen und – nun ja – irgendwie köstlich auszusehen. Die Frau streckte ihre Hand aus und … griff sich Lennart. „Tschüss Kumpel!“, rief dieser noch, bevor er in ihre Tasche wanderte. „Wir sehen uns im Paradies!“ Leo hatte das Gefühl, die Glocke schrillte besonders laut, als die hübsche Frau den Laden verließ.

In den kommenden Nächten ging es Leo immer schlechter. Sein Kopf pochte so stark im Rhythmus der fl ackernden Neonröhre, dass er glaubte, sein Schädel würde gleich zu Krümeln zerfallen. Mittlerweile glaubte Leo nicht nur an diesen magischen Ort, er sehnte sich so sehr danach, dort endlich Ruhe und Frieden zu finden. Und dann geschah eines Tages sein persönliches Wunder…

Die Rettung
Eine ältere Dame mit einem kleinen Mädchen betrat Fietes Backstube. Mit sanfter, ruhiger Stimmer bestellte sie sich eine Tüte Pfeffernüsse und ein wenig Schmalzgebäck, während die Kleine sich neugierig im Laden umsah. „Oma…“ fragte sie leise und deutete auf Leo. „Darf ich den haben…?“. Besäße Leo Lungen, so hätte ihm in diesem Moment der Atem gestockt. Das Gesicht des Mädchens war unglaublich süß: Die hellblauen Augen waren weit aufgerissen, die Wangen noch rosig von der Kälte draußen und ihr Mund zu einem staunenden „O“ geformt. Sie kreischte, nörgelte und quängelte auch gar nicht, wie die meisten Kinder es taten. Nein, ihre Stimme war genau so sanft wie die ihrer Großmutter. „Aber gern, meine Liebe“, antwortete die ältere Dame und legte ihre feinfühligen Finger um Leos Körper. Er warf noch einen letzten Blick auf Fiete, bevor dieser ihn in Papier einwickelte und es dunkel um ihn herum wurde.

Das Paradies
Es war wirklich das Paradies! Kein Gerücht, kein Mythos, kein Wunschdenken! Alles, was Leo sich in der Backstube erträumt hatte, war wahr geworden. Leo erlebte es nun seit sieben Tagen. Er lag in einem ruhigen, warmen Zimmer mit sanfter Beleuchtung. Das Einzige, was hier flackerte, war der Kerzenschein. Der Duft von Tannen und Bienenwachs durchströmte den Raum. Es war wunderbar ruhig, jedes Geräusch wurde von den flauschigen Teppichen gedämpft. Die Tür ging nur ganz selten auf, eine Klingel gab es nicht einmal. Nachts war es mucksmäuschenstill und dunkel. Leo ging es besser als je zuvor. Die Migräne hatte deutlich nachgelassen. Sein Kopf hatte sich endlich beruhigt, die Übelkeit war abgeklungen. Und es gab Musik: sanfte Klänge und süße Töne, wie er sie noch nie gehört hatte.

Die ältere Dame machte es ihm wirklich leicht. Sie hatte ihn an einen schönen Platz gelegt und dort ausruhen lassen. Ab und zu blätterte sie leise raschelnd in ihrer Zeitschrift, doch meistens schien sie sehr darauf zu achten, Leo die Erholung zu bieten, die er so dringend gebraucht hatte. Nur das süße, kleine Mädchen, das vermisste Leo. Wann immer er an sie dachte, pochte sein Herz. Nun ja, es würde pochen, wenn er eins hätte, da war er sich sicher. Immer wieder musste er an ihr Lächeln denken, an ihre glockenklare Stimme. Wie sie ihn angesehen hatte! Er wünschte sich so sehr, sie wiederzusehen…

Die Liebe
Ein paar Tage später – die Wohnung war ganz still und Leo hielt gerade ein Nickerchen – wurde er geweckt. Und zwar auf die schönste Art und Weise, die er sich nur vorstellen konnte. Ein helles Lachen klang durch den Raum. Eine engelsgleiche Stimme rief „Oma, Oma, wo ist er denn? Darf ich ihn endlich haben…?“ Sie war es! Die süße Enkelin war endlich da! Leo war plötzlich hellwach. Sie hatte ihn nicht vergessen, sie wollte ihn ebenso gern wiedersehen, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Nun würde alles absolut perfekt werden. Bestimmt kochte die Oma schon einen warmen Kakao, in den das Mädchen ihn tunken könnte. Und anschließend würde seine Liebste bestimmt bei ihm bleiben und sie würden für immer glücklich in dieser leisen, warmen, wohligen Wohnung zusammen sein.

Sie kam auf ihn zu. Ihre bildhübschen Augen leuchteten, er erkannte sofort genau die Liebe und Zuneigung darin, die er auch für sie empfand. „Oma, darf ich ihn mir nehmen…?“, fragte sie. „Aber gern, mein Schatz“, sprach die Oma genau das aus, was Leo selbst sagen wollten. Das Mädchen kam jetzt ganz nah zu ihm. Die kleinen, sauberen Hände umschlossen sanft seinen Körper. Sie waren endlich zusammen. Die Kleine lächelte Leo an, so süß, so liebevoll. Ihm war, als würde der ganze Raum, ach was, die ganze Welt golden leuchten! Er sah seine Zukunft strahlend und voller Glück vor sich. Dann biss sie ihm den Kopf ab.

Foto: Ardea-studio
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