„Ich tauche meine Hände lieber in Öl statt in Blut“ – ein Zitat aus einem Thriller- oder Horrorroman? Nein.
Es war die klare Ansage des Dithmarschers Matthias Urbahns an seinen Vater. Der hätte es nämlich lieber gehabt, seinen Sohn Wild statt Schrott jagen zu sehen. Doch schon als kleinen Jungen faszinierten ihn alte, fahrende Maschinen – insbesondere Trecker. Und auch im Erwachsenenalter ließ ihn diese Leidenschaft nicht los. So verbrachte er nicht selten seine freie Zeit auf Schrottplätzen, fuhr mit dem Fahrrad durch Dörfer oder reiste ins Ausland, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Fang. 

Er steht auf Rost: Matthias Urbahns sammelt alte Trecker wie diesen Moorbulldog des früheren Landmaschinenherstellers Lanz. (Foto: Nicole Groth)

Den Stein ins Rollen brachte Urbahns Ur-Großvater. „Ich habe ihn selbst nie kennengelernt. Aber ich fand es toll, was und wie von ihm erzählt wurde“, sagt Urbahns. Der Großvater war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der eine Baufirma und einen Handel für Landmaschinen des Herstellers Lanz in Heide betrieb. Beeindruckt von den Schilderungen wurde der Mann zum Vorbild für Matthias Urbahns und so wuchs auch seine Leidenschaft vor allem für Lanz-Trecker. Der junge Dithmarscher wollte nun selber ran an die Maschine – reparieren, basteln, sich ausprobieren. Mit seinem Fahrrad zog er durch die Dörfer und hielt Ausschau nach ausrangierten, alten Treckern. Um an sein Ziel zu kommen, nahm es der junge Urbahns auch nicht immer so genau mit der Wahrheit: „Ich habe einfach behauptet, dass ich Trecker reparieren kann. Ein alter Opa hatte zwei Lanz-Bulldogs und ich durfte einen haben, wenn ich den anderen wieder für den alten Mann in Gange bekomme“, erzählt der Dithmarscher. Ein Mann ein Wort. Die beiden wurden sich einig, der junge Urbahns nahm die Herausforderung an und erhielt seinen eigenen Bulldog. Doch dann die Nachricht: „Min Jung‘, da musst du wohl nochmal ran.“ Schon auf der ersten Fahrt blieb der alte Mann mit seinem Trecker stehen.

Früh übt sich, wer ein Trecker-Narr werden will:
der kleine Matthias Urbahns (li.) und sein erster Trecker. 

Der Schein trügt

Über die Jahre wurde Urbahns jedoch geschickter und erfahrener im Umgang mit den Maschinen. Er reparierte oder verbesserte die alten Schätzchen und brachte sie bisweilen sogar auf Hochglanz. Viele seiner Sammlungsstücke sehen jedoch alt und verrostet aus. „Patiniert“ wie der Fachmann sagt – eine auf künstliche oder auch natürliche Art gealterte Oberfläche. Letzteres bevorzugt Urbahns. Mittlerweile werden schon neue Trecker hergestellt, die aussehen wie wahre Oldies. „Das finde ich aber doof. Es macht keinen Spaß, wenn man erst herausfinden muss, ob die Maschine ein Original ist“, sagt der Sammler. Auf seinem Hof in Linden stehen sicherlich nur echte alte Maschinen – und das Tolle ist: Mit jedem Trecker verbindet Urbahns ein spannendes, trauriges oder auch lustiges Erlebnis.

Zu jedem seiner Sammlungsstücke weiß Matthias Urbahns eine Geschichte zu erzählen.  (Foto: Nicole Groth)

Schätze aus aller Welt

Wer die Halle direkt neben dem Wohnhaus betritt, sieht sie sofort in ihrer ganzen alten, rostigen Pracht: die Dampflokomobile Floether von 1912 – ein Zufallsfund aus Chile. Urbahns Schwägerin war beruflich in Südamerika unterwegs, schickte Fotos, auf denen der Dithmarscher seinen neuen Schatz ganz klein im Hintergrund des Bildes entdeckte. „Ich kann doch jetzt nicht in Chile anrufen“, dachte sich Urbahns, brachte nach einiger Zeit dann doch den Mut dazu auf. Denn es stellte sich heraus, dass die Besitzer deutschsprachig waren. Und so wurde Urbahns vom anderen Ende der Welt begrüßt mit den Worten: „Ach, du bist der Bekloppte, der Schrott sammelt.“ Man wurde sich einig und per Container fand der Floether dann den Weg nach Linden. Auch der große, grüne Deutz, nur ein paar Meter weiter, hat Auslandserfahrungen gesammelt. Zu Kriegszeiten wurde der Traktor einem hiesigen Bauern entwendet und von der Wehrmacht in Russland als Zugmaschine eingesetzt. Das Gefährt blieb trotz Fronteinsatz unbeschadet und steht nun gut behütet in Urbahns Halle. Den wohl beeindruckendsten Auftritt hat der Moorbulldog von 1929. Perfekt in Szene gesetzt steht das mächtige Gerät am Ende der Hofauffahrt, geschützt von einem Carport. Die breiten, mittlerweile stark rostigen Räder verhinderten ein Einsinken des Gefährts auf sumpfigem Untergrund. Der Trecker ist dazu noch einer der ersten mit eigenem Kühlsystem. Die vorherigen Modelle mussten noch per Hand mit Wasser nachgefüllt werden.

Bub-bub-bub – so geht der Herzschlag des bereiften Oldies. Ein Sound, den Matthias Urbahns liebt. (Foto: Nicole Groth)

Ein Sound zum Verlieben

Seine motorisierten Modelle hat Urbahns auf zwei Hallen auf seinem Hof in Linden verteilt – darunter auch Motorräder von prominenten Persönlichkeiten wie „Dexter“ aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Denver-Clan“ oder auch ein in die Jahre gekommenes Feuerwehrauto, was jedoch im Verhältnis zum Alter nur wenige Tausend Kilometer geschafft hat. „Ein Feuerwehrauto fährt ja nun mal nicht viel herum“, sagt Urbahns und fängt an zu lachen. Doch seine Lieblinge sind und bleiben die alten Trecker. „Die Technik ist einfach faszinierend und sie machen einen Höllenlärm – einfach ein super Sound“, sagt der Liebhaber, schmeißt einen Lanz-Bulldog von 1958 an und lauscht dem langsamen Bub-Bub-Bub des Motors …  

Trecker mit Auslandserfahrung: Der Deutz diente im Krieg der Wehrmacht in Russland. (Foto: Nicole Groth)