von Sebastian Schulten

Fünfeinhalb Monate reiste die Kielerin Eva Strehler mit ihrem Motorrad durch die USA und erfüllte sich mit der Reise einen Lebenstraum. In ihrem ersten Buch hat sie ihre Erlebnisse nun für die Nachwelt festgehalten.

Mit der Lederjacke auf der Höllenmaschine sitzen, die Pferdestärken auf dem Asphalt spüren und allein, nur mit sich und der Maschine, ins Blaue davondüsen – das ist die romantische Vorstellung, die viele Motorrad-Fans von einem monatelangen Trip auf dem Zweirad haben. Eva Strehler setzte diesen Kindheitstraum in die Realität um. 2013 machte sie mit 38 Jahren ihren Motorrad-Führerschein und brach vier Jahre später zu ihrem persönlichen Abenteuer in die USA auf. In 181 Tagen legte sie 27.000 Kilometer zurück, kämpfte sich durch Schlammwege, begegnete eifrigen Polizisten und übernachtete in ärmlichen Haushalten sowie in einer Millionärsvilla.

Einfach den Anlasser drücken

Ihre Leidenschaft für das motorisierte Zweirad entdeckte sie während eines Urlaubs in Südfrankreich. Als sie dort ein Paar aus dem deutschen Höxter traf und gemeinsam auf dem Rücksitz in den Sonnenuntergang fuhr, war es um sie geschehen. „Da war die Sache durch“, sagt Eva Strehler heute über die erste Begegnung mit dem Motorrad. Die Idee zu einem Nordamerika-Trip hatte sie bereits 16 Jahren. Drei Jahre später war sie zum ersten Mal dort – allerdings während eines Au-Pair-Aufenthaltes. Die Art und Weise, spontan und nur mit einem Zelt und dem Motorrad („George & Josi“) zu reisen, gefällt ihr besonders seit einer Tour durch Belgien und die Niederlande. 

Auch in der Hauptstadt Washington machte die Motorradfahrerin Rast

So wagte sie im Sommer 2017 den Schritt, sich ihren Jugendtraum einer Motorradreise durch die USA zu erfüllen. Über den Atlantik zu fliegen kam für die studierte Anglistin, Romanistin und praktische Theologin nicht in Frage. Stattdessen setzte sie mit einem Frachtschiff über. Zwei Wochen dauerte die Überfahrt. Dann begann das Abenteuer. Ohne sich im Vorfeld Gedanken über eine genaue Route zu machen, fuhr Eva Strehler einfach drauf los – teilweise ohne zu wissen, wo sie später übernachten würde. Nur wenige Orte, die sie unbedingt ansteuern wollte, hatte sie auf ihrer Liste.

Spontan mit George & Josi

Von der Ostküste erkundete sie in südwestliche Richtung das Land, bevor sie Richtung Nordwest durch die Staaten Tennessee, Missouri und Nebraska fuhr. Mit ihrem Zelt übernachtete sie mal hier und mal dort. Oft fragte sie Einheimische, ob sie auf deren Grundstück campen dürfe. „So kamen die tollsten Kontakte und Geschichten zustande”, erinnert sich Eva. Es sei eine so schöne Art, Land und Leute kennenzulernen, ganz anders als bei Übernachtungen in Hotels. Häufig schlug sie jedoch einfach in einem Park ihr Lager aus, wo sie am nächsten Morgen von Polizisten geweckt wurde. „Das ist bestimmt 12 bis 15 Mal vorgekommen“, erinnert sich die Vagabundin.

Beeindruckende Landschaft: Motorrad „Josi“ brachte Eva Strehler an die spektakulärsten Orte

An der Westküste angekommen, erkundete sie die Staaten Washington und Oregon, bevor sie den „Golden State Californien” in östliche Richtung verließ. 48 Jahre nachdem Dennis Hopper und Peter Fonda in Easy Rider die Route 66 unsicher machten, ließ auch Eva Strehler die Reifen auf der berühmte Straße qualmen und fuhr von Arizona über Utah und New Mexico nach Texas und Louisiana. In Florida angekommen, wurde sie schließlich Zeugin eines historischen Naturschauspiels: Erstmals seit 30 Jahren hatte es in dem Sonnenstaat wieder geschneit. „Aber es gibt auch keine gute Geschichte her, wenn alles glatt läuft”, scherzt die hartgesottene Motorradfahrerin.

Zurück in Deutschland, fasste sie den Entschluss, sich einen weiteren Traum zu erfüllen. Ihren Notizen, die sie bereits während ihrer Reise in einem Blog festhielt, dienten als Vorlage für ihr erstes eigenes Buch „Hin und weg. Als Motorrad-Vagabundin durch die USA”, das im  Juli 2020 erschien. Eva Strehlers Lebenseinstellung spiegelt sich in einem Zitat von Hunter S. Thomson wider, das sie auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat (frei aus dem Englischen übersetzt): „Das Leben sollte keine Reise zur eigenen Ruhestätte sein, mit der Absicht in einem möglichst schönen und gut erhaltenen Körper anzukommen, vielmehr sollte man in einer Rauchwolke auf der Breitseite ins Ziel schleudern, gründlich aufgebraucht, völlig abgenutzt und laut verkünden: Wow! Was für eine Fahrt!”

Hin und weg.
Als Motorrad-Vagabundin durch die USA, 309 S., 17,95 € (1 Euro wird für die medizinische Versorgung obdachloser Menschen gespendet)
www.eva-hin-und-weg.de