Musik kann über schwere Zeiten hinweghelfen. Doch wie soll das funktionieren, wenn gemeinsames Spielen und Singen nicht möglich ist? Musikschulleiter Marian Henze verriet Lebensart-Redakteurin Nicole Groth, welche Antwort er für das Oldesloer Haus gefunden hat und wie die aktuelle Stimmung unter den Kulturschaffenden im Norden ist.

Herr Henze, aktuell befinden wir uns im zweiten Lockdown, doch die Erinnerungen an den ersten sind Ihnen noch sehr präsent, nicht wahr?

Ja, das stimmt. Wir, also meine Kollegen und ich, haben die Schließung im März zwar erwartet, denn wir haben immer auch das internationale Geschehen verfolgt, und deswegen bereits „Was-wäre-wenn“-Gespräche geführt, aber doch war es für uns ein Schock. Plötzlich war es still. Sonst hört man den ganzen Tag Musik durch das Haus schallen. Schon morgens früh, wenn in den Eltern-Kind-Gruppen mit den Kleinsten musiziert wird, wie auch nachmittags, wenn Kurse stattfinden. Aber nun war da nur diese gespenstische Ruhe.

Hatten Sie zu dem Zeitpunkt schon geahnt, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Kulturbranche haben wird?

Nein. Für diese Überlegungen war aber auch gar kein Raum, denn wir haben im Frühjahr nur punktuell reagiert. Das kam natürlich durch die eher verkürzte politische Informationslage. Mittlerweile hat sich der Ablauf verbessert, aber im Frühjahr mussten wir uns doch immer recht schnell auf neue Maßnahmen einstellen. Uns war vor allem wichtig, alle, Lehrer wie Schüler, immer zeitnah und ausführlich über den aktuellen Stand zu informieren. Das hielt uns gut auf Trab.

Haben Sie durch den Lockdown Mitglieder verloren?

Glücklicherweise kaum. Tatsächlich haben sich von rund 2.000 Schülern nur 15 abgemeldet. Somit ist nicht mal 1 Prozent der Mitglieder gegangen.

Das ist natürlich ein erfreulicher Umstand. Wie haben Sie es geschafft, so stabil durch die Krise zu kommen?

Ich habe beobachtet, dass andere Musikschulen in Deutschland Online-Modelle angeboten haben und diese Alternative für uns übernommen. Durch intensive Gespräche haben mein Team und ich es geschafft, gut 80 Prozent der Lehrerschaft von der digitalen Variante zu überzeugen. Nicht immer ist ein Online-Unterricht möglich, aber größtenteils funktioniert es ganz gut, jetzt im zweiten Lockdown auch.

Und wie genau läuft das ab?

Schüler und Lehrer treffen sich auf einer Online-Plattform, meist zu den üblichen Unterrichtszeiten. Über mobile Endgeräte sehen und hören sie sich und tatsächlich verläuft diese Art des Unterrichts erstaunlich gut ab. Das hat natürlich auch mit der Motivation aller Beteiligten zu tun. Denn Schüler und Lehrer haben ein Bedürfnis zu singen, zu tanzen und zu musizieren, auch wenn das zu Hause vor dem Bildschirm passieren muss. So trifft sich auch die Mutter-Kind-Gruppe mittlerweile im digitalen Raum.

Wird dieses Modell den Präsenzunterricht auch in Zukunft ersetzen?

In erster Linie ist diese Form des Unterrichts ganz klar ein Übergangsmodell, um gemeinsam durch die Krise zu kommen, nicht nur für Schüler, sondern vor allem auch für die Lehrer, die dadurch in der Lage sind, ihre Arbeit weiter ausführen zu können. Doch ein Onlinekurs ersetzt nicht einen vollwertigen Unterricht. Der Klang kommt nicht immer so gut rüber und nicht jeder Fehler wird bewusst wahrgenommen. Nichts ersetzt meiner Meinung nach den direkten Kontakt zwischen Menschen.

Wo sonst den ganzen Tag über Musik und Gesang zu hören ist, herrscht aktuell eher eine gespenstische Stille – im Kultur- und Bildungszentrum in Bad Oldesloe, dem Sitz der dortigen Musikschule für Stadt und Land.

Von Normalität im Kulturalltag kann also nicht die Rede sein. Welche Stimmung nehmen Sie aktuell unter Musiker*innen und Künstler*innen wahr?

Grundsätzlich ist viel Leid und Kummer wahrzunehmen. Wir merken das als Musikschule vor allem in den Bereichen, in denen sonst gemeinsam musiziert wird. Ensembles im Land, Orchester, aber auch andere Musik-Gruppen leiden. Die Beschränkungen hemmen den sozialen Austausch, verhindern aber vor allem die Möglichkeit sich auszuleben und nicht zuletzt kommen finanzielle Einbußen auf Künstler zu. Leider fallen auch einige durchs Förderraster. Diese Menschen machen sich natürlich Gedanken darüber, aufzugeben oder haben es schon längst getan.

Sicherlich keine Entscheidung, die man leicht trifft.

Ganz und gar nicht. Künstler handeln aus einem inneren Antrieb heraus. Sie wollen etwas vermitteln, den Menschen etwas mitgeben und sich natürlich auch auf der Bühne präsentieren. Das ist für die meisten nicht nur eine Arbeit, sondern ihre Berufung, die sie nun mitunter aufgeben müssen.

Die Branche ist also geschwächt. Denken Sie, dass durch die Pause auch beim Publikum das Interesse abnimmt?

Nein. Die Menschen vermissen kulturelle Veranstaltungen. Ich habe das selbst gemerkt, wie froh man ist, wenn die Möglichkeiten wieder gegeben sind. Nach dem ersten Lockdown habe ich eine Ausstellung besucht und es wirklich genossen! Diesen inneren Hunger haben viele und so warten sie nur darauf, dass der Kulturbetrieb endlich wieder aufgenommen wird.

Einschränkungen, Hilflosigkeit und Frust – alles Auswirkungen der Pandemie. Entnehmen Sie dem Ganzen dennoch etwas Positives?

Ja, denn jede Krise birgt auch eine Chance. Der Fokus auf die Digitalisierung hat den Musikschulen im Land den Impuls gegeben, sich dem Projekt „MS-digital“ noch stärker zu widmen. Hierfür wird je eine Lehrkraft der 22 VdM-Mitgliedsschulen in einer landesweiten Fortbildung als Mobile-Music-Mentor weitergebildet, um dann in Zusammenarbeit mit dem Kollegium der eigenen Musikschule, digitale Angebote, etwa in Form von Apps, noch stärker in den Unterricht zu integrieren. Darüber hinaus nutzen wir die Zeit, um gut vorbereitet ins nächste Jahr zu starten. Wir überlegen, welche neuen Zielgruppen wir wie erreichen können und wie etwa neue Online-Modelle noch besser mit traditionellen Unterrichtsformen zusammenpassen. Nicht alles können Musikschulen finanziell alleine tragen. Deswegen hoffe ich, dass die Politik ihr Bewusstsein für die Sicherheit auch dieser Einrichtungen schärft.

Es geht also immer weiter. Wie blicken Sie auf 2021?

Ich bin froh, dass 2020 bald vorbei ist. Wir haben das Jahr geschafft und dabei immer das Maximum des Möglichen herausgeholt. Ich hoffe nun, dass mit einem baldigen Impfstoff wieder Normalität einkehrt und wir auf einen entspannten Frühling zusteuern.

Das hoffen wir auch!

Marian Henze, Leiter der Oldesloer Musikschule für Stadt und Land, sieht in jeder Krise auch eine Chance. Zusammen mit seinem Team setzte er schon im Frühjahr 2020 auf Onlinelösungen für Schüler*innen und Lehrkräfte.

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