In einer Welt voller Krisen scheint der Klimaschutz gerade in den Hintergrund zu rücken. Viele Menschen fühlen sich machtlos und machen letztendlich nichts. Doch gerade jetzt zeigt sich: Gemeinsam können wir etwas verändern – wenn wir uns vernetzen und gegenseitig stärken.
Betrachtet man die letzten sechs Jahre heruntergebrochen auf die großen Veränderungen in der Welt, wundert es kaum jemanden, dass die Plastiktüte im Supermarkt oder der To-go-Becher im Café nur noch selten Thema sind. Die globale Corona-Pandemie ab 2020, die Überschwemmung im Ahrtal 2021, der Krieg in der Ukraine seit 2022, die Sturmflut an der Ostsee 2023, Donald Trump, der 2024 erneut zum Präsidenten gewählt wurde, die Bundestagswahl 2025, die mit vorherigem Bruch der Regierung in Deutschland einen neuen Kurs einläutet, und jetzt – ganz aktuell – der Iran-Krieg. Im sogenannten Zeitalter der Multikrisen kommen wir aus dem Krisenmodus gar nicht mehr heraus. Scheinbare Luxusprobleme wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz haben keinen Platz mehr in den Köpfen der Menschen. Katrin Brinkmann aus Altenholz bei Kiel weiß, woran das liegt. Sie ist psychologische Psychotherapeutin und beschäftigt sich nicht nur beruflich mit der Psychologie der Menschen, sondern klärt auch in ihrer Freizeit über psychologische Mechanismen im Umgang mit der Klimakrise auf. Seit 2023 ist Katrin Brinkmann Mitglied bei „Psychologists/Psychotherapists for Future e. V.“ und gründete ein Jahr später gemeinsam mit anderen Engagierten die Regionalgruppe in Kiel. Psychologists for Future ist eine bundesweite Vereinigung von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, die darüber aufklärt, wie man mit dem menschengemachten Klimawandel psychologisch umgehen kann.

Ein Gefühl der Ohnmacht
„Diese Vermeidung des Problems, in manchen Situationen sogar Verleugnung, ist ein Schutzmechanismus unserer Psyche, damit besonders bedrohliche Situationen unserer Seele nicht zu nah kommen“, erklärt Katrin Brinkmann die Zurückhaltung im Hinblick auf Umweltschutz und ergänzt: „Diese Mechanismen sind sinnvoll, aber für die Bewältigung der Klimakrise eben kontraproduktiv.“ Wir kennen die Probleme. Sie kommen beispielsweise durch Extremwettersituationen immer näher an uns heran, und das führe zu einer gefühlten Ohnmacht und Hilflosigkeit, einer Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie eine Situation nicht bewältigen können und gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen, machen sie tendenziell eher nichts, erklärt die Psychotherapeutin. Viele kennen das vermutlich aus dem eigenen Alltag: Wenn bei der Arbeit zu viele Mails im Posteingang oder im Haushalt zu viele To-dos auf der Liste stehen, trinkt man erst mal einen Kaffee.
Gemeinsam mit anderen Menschen die Gesellschaftgestalten – das sind dieWirkmechanismen,die wir jetzt brauchen.
Katrin Brinkmann, psychologische Psychotherapeutin
Von Ausreden und Gruppenzwang
Ein weiterer Aspekt, der die geringe Aktivität im Klimaschutz erklärt, sei das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz: Wenn Einstellung und Verhalten eines Menschen stark auseinanderklaffen, werde die Einstellung eher dem Verhalten angepasst als umgekehrt, erklärt Katrin Brinkmann. Wenn ein Mensch also merkt, dass die eigenen Aktivitäten, wie zum Beispiel viele Flugreisen, dem Wunsch nach mehr Klimaschutz eher widersprechen, fängt er an, sich diesen Umstand schönzureden: „Es ist ja nur dieses eine Mal …“ So lasse sich die kognitive Dissonanz in den eigenen Gedanken minimieren.
Für eine Verhaltensänderung brauche es laut Katrin Brinkmann viel Durchhaltevermögen und Wiederholung, sprich eine grundlegende Einstellung, die sich langfristig ändert. Es benötigt aber auch einen gewissen Spielraum, denn es können nicht alle Menschen beispielsweise sofort ihr Auto verkaufen, um mehr für den Klimaschutz zu tun. Jeder Mensch setzt sich eigene Grenzen, denn man hat sich in seinem Alltag eingerichtet.
Auch sozialpsychologisch kann begründet werden, warum in manchen Kreisen weniger für den Klimaschutz getan wird als in anderen. „Wir verhalten uns so, wie sich unsere Bezugsgruppe verhält. Wenn meine Bezugsgruppe sehr klimafreundlich lebt, passe ich mein Verhalten dementsprechend an, weil ich zu dieser Gruppe gehören möchte. Wenn meiner Bezugsgruppe das Klima egal ist, dann ist es wahnsinnig schwer, mein Verhalten und meine Einstellung zu ändern, weil ich dann nicht mehr dazugehöre“, erklärt die Kielerin.

Selbst und wirksam
Doch wie kommen wir gegen die gefühlte Ohnmacht in Hinblick auf Klimaschutz an? Am besten ginge das, laut Katrin Brinkmann, gemeinsam, und sie ruft dazu auf, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und auf Mikroebene aktiv zu werden. Das beginnt schon damit, einen wiederverwendbaren To-go-Becher zu nutzen und dadurch auch Kolleg*innen und Freund*innen zu inspirieren. Denn auch kleine Veränderungen helfen und sind ein Schritt in eine langfristige Verhaltensänderung. „Ich glaube, dass es wirklich verbindend ist, im kleinen Kreis zu schauen, was man gemeinsam umsetzen kann, um klimafreundlicher zu leben“, sagt die Psychotherapeutin. Das geht in der Familie los und weitet sich über den Freundeskreis, den Kindergarten, die Schule und die Arbeitsstelle auf die Nachbarschaft, das Dorf oder den Stadtteil aus. Wer selbst aktiv wird und ins Handeln kommt, stärkt die eigene Selbstwirksamkeit. Und durch eine stärkere Selbstwirksamkeit reduzieren sich die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Konkrete Vorschläge sind die Gründung einer Initiative, die Organisation einer Veranstaltung oder ein Kulturprojekt.
Mit dieser Motivation „steuern wir in die Richtung, die die Gesellschaft jetzt braucht, nämlich Widerstandskraft und eine gute Vernetzung. Gemeinsam mit anderen Menschen die Gesellschaft gestalten – das sind die Wirkmechanismen, die wir jetzt brauchen“, fasst Katrin Brinkmann zusammen.
Fotos: Adobe Stock (2) / Psychologists/Psychotherapists for Future e. V. (1)







