Wenn es ein Zuhause für meine Träume gibt, dann liegt es in der Stadt ohne Grenzen, in der Hauptstadt der Welt, in New York City. Nirgendwo sonst habe ich mich sofort so heimisch und zugehörig gefühlt wie in Manhattan.

Es war ein Kindheitstraum, New York City zu besuchen – und dann wurde er wahr. Das erste Mal flog ich mit meiner Mutter über den Ozean. Wir hatten uns vorab ein Hotel an der Upper West Side am Rande des Central Parks gebucht, und diese Idee erwies sich als fantastisch. Von hier aus starteten wir jeden unserer zehn Urlaubstage, spazierten durch den riesigen Park, vorbei am Jackie Kennedy Onassis Reservoir, beobachteten die geschäftigen New Yorker auf ihrem Weg zur Arbeit und fütterten die lebhaften und zutraulichen Eichhörnchen, bis wir zur legendären Fifth Avenue an der East Side gelangten. Fast jeden Kilometer erledigten wir zu Fuß, weshalb wir unglaublich viele Eindrücke dieser wunderbaren Stadt sammelten: die romantischen Kutschen im Park, die Cartoonisten und Künstler am Straßenrand, die unzähligen Food Trucks und kulinarischen Besonderheiten, Orte und Wolkenkratzer, die man aus Filmen kennt, das One World Trade Center, die High Line und den Hudson River, Greenwich Village und alle anderen Stadtteile, die Wall Street, die weltbekannten Museen… So viele Orte, Erlebnisse und Gefühle aus dieser Stadt gehören nun zu meinen Erinnerungen.

Im verregneten Madison Park am Flat Iron Building erlebte ich den echten New Yorker Alltag: Geschäftsleute bei ihrer Mittagspause, Nannys mit Kleinkindern und Hunde beim Gassi-Gehen.

Magische Momente

Manchmal geschehen im Leben so außergewöhnliche Dinge, dass man denkt: Das kann nicht wahr sein! Und genauso war es auch in New York. Hier reihten sich die magischen Momente nahezu aneinander. Dazu muss ich unbedingt das köstliche Frühstück im Café „Corner“ zählen, das wir uns jeden Morgen um halb sieben gönnten. Meine Mutter ist eine extreme Frühaufsteherin – noch vor fünf Uhr früh wurde ich vom sanften Summen der Kaffeemaschine im Hotelzimmer geweckt. Und auch wenn der künstliche Kaffeeweißer nicht unbedingt zauberhaft schmeckte, nahm ich das frische Heißgetränk immer gerne an und startete mit vollem Koffeinspeicher in den neuen Tag. 

Mitten im südlichen Stadtteil Little Italy entdeckte ich das XXL-Porträt von „Audrey of Mulberry“ des Streetart-Künstlers Tristan Eaton – ein ganz besonderer Moment!

Das Café „Corner“ lag auf der anderen Straßenseite und wir konnten von unserem Hotelfenster beobachten, wie die herzliche Bedienung Natalie das Café jeden Tag eröffnete. Kurze Zeit später waren wir ihre ersten Gäste. Nach einem riesigen Latte Macchiato, Obstsalat, einem Teller voll „bacon and eggs“ und einem himmlischen „red velvet cupcake“ ging es los Richtung City.

Den Großteil unseres Urlaubs erledigten wir wie gesagt zu Fuß. Ein paar Mal nutzen wir auch die U-Bahn, was ein unvergessliches Erlebnis war. Manhattan ist schließlich eine Insel und alles Leben darauf ist extrem komprimiert. Straßen, Häuser und Menschen können nicht zur Seite ausweichen, sondern nur nach oben wachsen. Die Subway verbindet alle Stadtteile mit geradlinigen Schienen, auf denen rüstige Metallzüge tief unter der asphaltierten Erdoberfläche entlang rasen. Bei jeder leichten Kurve ratterte und schüttelte es, Gleise quietschten und Türen sprangen auf – dennoch kamen mir die New Yorker U-Bahn-Passagiere dabei lässig und übertrieben ungestört vor. Da wurde lautstark während der Fahrt telefoniert, am Laptop gearbeitet oder an der Haltestange mitten im Zug getanzt. 

Die Stimmung in der U-Bahn war nicht offensichtlich freundlich oder einladend, aber trotzdem musste man sich als Beobachter unweigerlich zugehörig und auf seltsame Weise von den New Yorkern angenommen fühlen.

Eine echt filmreife Szene erlebten meine Mutter und ich im Central Park, durch den wir jeden Tag spazierten. Idyllische Sitzplätze unter altem Baumbestand, historische Brücken, weitläufige Grünflächen und tolle Aussichten… Hier gab es wirklich jeden Tag Neues zu entdecken. Ich habe mir oft vorgestellt, wer auf den schönen Wegen schon entlang gegangen ist – wichtige Leute und berühmte Personen, Menschen der Geschichte. Und bei dem Blick auf die dunkelgrauen Gesteinsbrocken, die hier und da aus dem Grund des Bodens ragen, habe ich sogar an die Native Americans gedacht, die die Insel Manhattan vor Jahrhunderten und Jahrtausenden in ihrer Ursprungsform bewohnten.

Eines schönen Nachmittages kehrten meine Mutter und ich also wieder im Central Park ein. Wir hatten den ganzen Tag in Downtown verbracht und waren durch die Straßenschluchten gewandert – jetzt hatten wir Hunger und wollten uns ein gemütliches Restaurant im Grünen suchen. Für die Jahreszeit war es noch überraschend warm und man konnte die Herbstsonne im Freien genießen. Auf einer Infotafel fanden wir einen Hinweis auf die Steakhouse-Kette „Blockhouse“, die es auch hierzulande gibt. Und wie die Deutschen nun mal so sind, wollten auch wir das Bekannte und zogen los gen „Blockhouse“. Doch je länger wir den Wegweisern folgten, desto weniger schienen wir uns dem Ziel zu nähern und desto größer wurde unser Hunger. Wo war dieses Restaurant bloß? In unserer Orientierungslosigkeit fielen wir irgendwann zwei Polizisten auf, die ihre Kontrolltour durch den Park drehten. Sie – zwei junge Officers, die offensichtlich einen guten Tag erwischt hatten oder einfach ihren Job liebten – boten sofort an, uns zum „Blockhouse“ zu chauffieren, denn es wäre wirklich schwer zu finden. Heute kann ich kaum glauben, dass ich das Angebot angenommen habe, aber damals stiegen wir ohne zu zögern in das Auto des NYPD. Und tatsächlich war das eine gute Entscheidung, wenngleich uns diese Fahrt nicht an das gewünschte Ziel bringen sollte. Das „Blockhouse“ war nämlich kein Restaurant, sondern die Ruine einer historischen Burganlage aus dem 18. Jahrhundert. Jene Steintürme, die als Aussichtspunkt und Verteidigungsanlage genutzt wurden, gab es damals zuhauf im Central Park. Man kann sich also vorstellen, dass meine Mutter und ich uns große Mühe geben mussten, uns unseren kleinen Fauxpas nicht anmerken zu lassen, als wir aus dem Auto stiegen und uns von den netten Officern verabschiedeten. Nicht, dass wir nicht interessiert an dem historischen Bauwerk waren – wir waren nur einfach so hungrig.

Der Flower District bietet ein unbeschreiblich buntes Meer aus Blumen – ein absoluter Geheimtipp!

Zu den magischen Momenten zählte auch der Besuch in der MET, dem weltberühmten Opernhaus am Lincoln Center. Das Metropolitan Opera House kennt man aus vielen Filmen, hier wurden zum Beispiel Szenen aus Blockbustern wie „Pretty Woman“ gedreht. Die Architektur ist schlicht und klassisch, bleibt aber dennoch gewaltig in Erinnerung. Das liegt aber auch an der einnehmenden Atmosphäre und dem Ruhm des Hauses, schließlich haben hier Weltstars gesungen – Maria Callas, Luciano Pavarotti, Montserrat Caballé, Placido Domingo, Anna Netrebko. Seit jeher bietet die MET Opera ein schier unerschöpfliches Repertoire an bekannten Klassikern und Stars der Musikszene, Geheimtipps und mehr. Dabei ist die MET dafür berühmt, nicht nur musikalisch auf höchstem Niveau zu sein, sondern auch atmosphärisch: Kunstvolle Kulissen entführen in zauberhafte Traumwelten, aus denen man als Besucher kaum aufwachen will. So zumindest ging es mir während meines Besuches der Oper „Don Giovanni“. Schon im Vorfeld unserer Reise hatte meine Mutter angekündigt, dass sie unbedingt eine Oper in der MET erleben wollte. Ich wiederum hatte vorher bereits gesehen, dass alle Termine während unseres Aufenthaltes in New York so gut wie ausverkauft waren und sah ihre Enttäuschung voraus. Wir probierten es dennoch spontan an der Konzertkasse der MET, wo uns doch tatsächlich eine freundliche Dame nicht nur zwei verfügbare Plätze anbot, sondern diese auch in der zehnten Parkettreihe, mittig und mit bester Sicht, und das zum stark reduzierten Studentenpreis. Die Dame hatte mich nicht einmal nach meinem deutschen Uni-Ausweis gefragt, der zu diesem Zeitpunkt längst abgelaufen war, sondern wollte uns offensichtlich einfach etwas Gutes tun. Wir erlebten Mozarts „Don Giovanni“ somit in herausragender Klangqualität und zum unglaublichen Schnäppchenpreis.

Chinatown ist wie eine fremde Welt – hier wirkt alles viel ärmer, einfacher und dreckiger als im Rest Manhattans, aber auch echt und ehrlich.

New York City 2.0

Ich bin dann noch einmal mit meinem Freund nach Manhattan geflogen. Wieder erlebte ich unvergessliche Tage, wenngleich die Kulisse diesmal ganz anders war. Mein Freund wählte eines der ältesten Hotels direkt am Times Square, der wohl lautesten, buntesten und künstlichsten Gegend in ganz Amerika. Täglich kämpften wir uns durch die dichte Menschenmenge an Touristen aus aller Welt, bewunderten die unzähligen Leuchtreklamen an den Häusern, die 24 Stunden lang geöffneten Geschäfte, Theater und Restaurants, Straßenkünstler und Maskottchen, blitzenden Handys und Selfie-Sticks. Wie das Herz der Stadt pulsiert der Times Square zu jeder Tageszeit. Obwohl jeder diese fantastischen Eindrücke von Fotos und Filmen kennt und sie untrennbar mit New York und dem Freiheitsgefühl der Stadt verbindet, waren mir die Momente im echten Stadtleben wertvoller: Ich erinnere mich an unsere Zeit im Washington Square Park – einmal wegen schlechten Wetters wie leergefegt, einmal bei schönster Sonne dicht an dicht mit Picknickern, Grills und Sonnenanbetern belegt –, an unsere Zeit im Madison Park nahe des Flat Iron Buildings, wo wir viele Nannys mit Babys in Kinderwägen spazieren oder New Yorker Geschäftsleute ihre Mittagspause verbringen sahen, an unsere Zeit in den gemütlichen Cafés und Restaurants der Stadt, in den Straßen von Chinatown und Little Italy, am Südhafen und in der Wall Street – alles unvergesslich.

Es war ein sonniger Tag, als ich das One World Trade Center besuchte, und doch fror ich bei dem Gedanken, dass hier vor rund 18 Jahren Tausende Menschen ihr Leben verloren. Das Memorial ist extrem eindrucksvoll und ein Muss auf der Sight-Seeing-Liste.

It‘s up to you, New York, New York

Das Leben in New York kennt keinen Stillstand. Jeder, der hier wohnt, scheint von etwas bewegt zu sein – von der Karriere, vom Erfolg, von Mitmenschen, vom Lifestyle. Das macht die New Yorker zu ruhelosen und wachsamen Wesen, zu Vordenkern und Machern – und ich beginne Frank Sinatras Worte „Wer es hier schafft, schafft es überall.“ zu verstehen. 

Für Urlauber ist dieser schnelle Lebensstil ein paar Tage lang interessant. Wer allerdings länger bleibt, fühlt sich schnell überfordert und vermisst die Ruhe der Heimat. Nur wer sich in der Enge des turbulenten Großstadtdschungels frei bewegen und zu entfalten vermag, kann hier glücklich werden. Ich weiß nicht mit Sicherheit, ob ich zur New Yorkerin tauge. Doch wurde ich durch meine „magischen“ Erlebnisse mehrfach so herzlich ins Leben dieser Stadt eingeladen, dass ich es unbedingt glauben möchte, und manchmal macht das den Unterschied.