Klimaschutz ist der beste Küstenschutz! Doch selbst wenn der Mensch jetzt radikal CO2 reduziert, steigt das Meer und Sturmfluten nehmen zu. Blicken wir an die Nordseeküste: Sind XXL-Deiche und andere harte Barrieren unsere einzige Rettung? Nein, es gibt auch sanftere Lösungen. Wir sollten mit der Natur zusammenarbeiten, um das Wattenmeer – und uns selbst – zu schützen.

Es fällt schwer, sich an diese neue Form von „Schietwetter“ zu gewöhnen: Dürre, schon den dritten Sommer in Folge! Zu wenig Wasser von oben, dafür immer mehr vor unseren Küsten. Der Meeresspiegel steigt, weil sich wärmeres Wasser ausdehnt und weil Gletscher und die Eispanzer Grönlands und der Antarktis ins Meer schmelzen. 

St. Peter-Ording, Luftbild vom Schleswig-Holsteinischen Nationalpark Wattenmeer

Der Weltklimarat prognostiziert in seinem Sonderbericht über Ozeane und Kryosphäre (Eis): Würde der Mensch mit dem Ausstoß von Treibhausgasen so weitermachen wie bisher, könnte der Pegel bis zum Jahr 2100 im globalen Mittel um 60 bis 110 Zentimeter steigen. Gelingt es, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, wie im Pariser Klimavertrag vereinbart, könnten es „nur“ 30 bis 60 Zentimeter sein. Darauf sollten wir uns nicht verlassen. Hinzu kommt: Sturmfluten werden nicht nur höher auflaufen, sondern auch viel öfter auftreten. 

Was heißt das für unsere Nordseeküste? 

Einerseits müssen die rund 150.000 Bewohner der Küstenmarschen, Inseln und Halligen, ihre Siedlungen, Äcker und weiteren Werte geschützt werden – andererseits die Natur, unser aller wertvollster Schatz! 

Das Wattenmeer braucht mehr Platz

„Unser Weltnaturerbe Wattenmeer droht allmählich zu ,ertrinken‘: Wenn der Meeresspiegel durch den Klimawandel schneller ansteigt, könnten zunehmend Wattflächen ständig unter Wasser liegen“, sagt Jannes Fröhlich vom WWF-Wattenmeerbüro in Husum. „Damit schrumpft das reich gedeckte Buffet für jährlich viele Millionen rastende Wat- und Wasservögel. Denn sie suchen vor allem auf den Wattflächen nach Muscheln und Würmern.“ Brutvögel wie Austernfischer und Rotschenkel seien doppelt bedroht, sorgt sich der Umweltwissenschaftler: „Durch immer häufigere Sommersturmfluten werden ihre Nistplätze in den Salzwiesen überspült.“ 

Übrigens hilft das flache Küstenmeer, Sturmflutschäden zu mildern, da es die Wucht der Wellen bremst. Auch diesen Service würde es bei stark erhöhtem Pegel einstellen. Ein Ausweg wäre, die Watten und Salzwiesen könnten sich landeinwärts ausbreiten – doch die hart fixierte Küste verhindert das.

„Klimadeich“ heißen die modernsten Barrieren gegen den blanken Hans, die zum Beispiel in Büsum und Dagebüll zu sehen sind. Das Profil ist zum Meer hin flacher als bisher und die Krone breiter, sodass später noch ein Stück aufgestockt werden kann. Insgesamt 93 Kilometer Landesschutzdeiche werden laut Generalplan Küstenschutz auf diese Art verstärkt. Das Land will die erste Deichlinie so lange wie möglich halten. Stellenweise Rückdeichungen, die dem Meer mehr Raum geben würden, seien an Schleswig-Holsteins Küste nicht vorgesehen, heißt es aus dem Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN.SH). 

Einen zumindest „durchlässigen“ Deich gibt es am Beltringharder Koog bei Husum. Erst 1987 dem Meer abgerungen, wurde er 1991 zum Naturschutzgebiet erklärt – nach starken Protesten gegen die Eindeichung der Nordstrander Bucht. Durch Siele ist der Koog heute kontrolliert an die Tide angebunden, so kann sich hinter dem Deich eine etwa 380 Hektar große Salzwasser-
lagune mit Salzwiesen entwickeln. 

Blick vom Büsumer Deich auf Watt und Nordsee

Das Wattenmeer braucht mehr Sediment

Wenn sich unser Welterbe nicht verlagern darf – dann muss es eben in die Höhe wachsen! 2015 beschloss die Landesregierung die „Strategie für das Wattenmeer 2100“. Für das Papier hatten sich Fachleute aus der Küstenschutz- und Nationalparkverwaltung des Landes mit Vertreterinnen und Vertretern der Schutzstation Wattenmeer, Insel- und Halligkonferenz und des WWF zusammengesetzt. Man kam überein: Neben dem technischen Hochwasserschutz sei es notwendig, das durch den Meeresspiegelanstieg entstehende Sedimentdefizit im Wattenmeer auszugleichen, und zwar sowohl für den Erhalt des Naturraums mit seiner charakteristischen Dynamik, als auch für den Schutz der Küste. Sedimente sind abgelagerte Teilchen, im Wattenmeer vor allem Sand aus Quarzkörnern und Schlick aus feinen Tonpartikeln. 

Das Material müsste aus tieferen Nordseeregionen mit Baggerschiffen herbeigeschafft werden. Abgelagert an geeigneten Stellen im Wattenmeer, könnte es sich durch die natürliche Strömung ausbreiten und „sandhungrige“ Wattflächen versorgen. Klar ist solch ein Sandraub auch ein starker Eingriff in die Natur, daher gilt es, die Entnahmestellen sorgsam auszuwählen. Hierzu gibt es auch schon Pilotprojekte. „Aktuell erkunden wir ein Gebiet in der Nordsee vor Eiderstedt, das außerhalb des Nationalparks Wattenmeer liegt und ausreichend tief ist, sodass das Wattenmeer im Fall einer Sandentnahme nicht beeinträchtigt wird“, berichtet Birgit Matelski, Direktorin des LKN.SH. Erste Erkundungsbohrungen seien im Frühjahr 2020 durchgeführt worden. 

Lokale Sandaufspülungen praktiziert man schon länger, etwa vor Sylts Westküste: Rund eine Million Kubikmeter werden vor die Sylter Strände verfrachtet, jedes Jahr! Vielleicht wären größere, dafür seltenere Maßnahmen nachhaltiger? „Testweise haben wir im Rahmen des EU-Interreg-Projekts ,Building with nature‘ 2017 und 2019 jeweils 400.000 Kubikmeter Sand zusätzlich in den Vorstrand bei Hörnum eingebracht, der sich nun über den großen Priel ,Hörnumtief‘ auch im Wattenmeer verteilt“, sagt Matelski. „Über ein umfangreiches Monitoring werden die Umlagerung des Sandes und auch die biologischen Auswirkungen untersucht.“ 

In den Niederlanden startete 2011 ein Experiment im Mega-Maßstab: Ein Strand bei Den Haag bekam den „Zandmotor“ verpasst, eine 128 Hektar große Halbinsel aus 21,5 Millionen Kubikmetern Sand. Dieser hat sich inzwischen weiträumig verteilt, „füttert“ die angrenzende Küste und schützt das Land dahinter. Hoffentlich noch viele Jahre.

Austernfischer beim Watt-Picknick

Überflutungen als Flutschutz

Auch für die Rettung der Halligen spielen kleine Körnchen eine große Rolle. Land unter gehört zum Leben auf Hooge, Langeneß und Co. dazu, doch nur bei Extremhochwasser und Sturmfluten reicht das Meer bis an die Warften heran. „Um mit dem Meeresspiegel besser in die Höhe zu wachsen, müssten die Halligen öfter überflutet werden. Denn jedes Mal gelangen Sand, Schlick und Muschelschalen auf die Halligsalzwiesen und bleiben nach Ablaufen des Wassers teilweise zurück“, sagt Jannes Fröhlich. Die Außenkanten der Halligen sind durch Sommerdeiche und Deckwerke (Uferbefestigungen aus Steinen, Asphalt oder Beton) geschützt. Siele in den Bauwerken schließen automatisch bei Flut; geöffnet helfen sie bei der Entwässerung der Flächen, sofern der Wasserstand draußen niedriger ist als auf der Hallig. Jene Siele könnten künftig Teil der Lösung sein: In der Halligstudie „Land unter im Wattenmeer“ schlägt der WWF vor, die Siele so umzubauen, dass sie aktiv steuerbar sind. „So könnte man im Herbst und Winter, außerhalb der Vogelbrutzeit und wenn kein Vieh auf den Flächen steht, ab und zu Meerwasser auf die Salzwiesen strömen und für einige Zeit stehen lassen, um die Sedimentation zu fördern“, erklärt Fröhlich, Co-Autor der Studie. Zudem bekämen die Salzwiesen wieder eine Prise mehr Salz, was spezialisierte Pflanzen wie die Strandaster zum Leben bräuchten. 

Was halten die Halliglüüd davon? Zwei Stimmen: Für Katja Just, Bürgermeisterin von Hooge, steht fest: „Unser Halligland muss wachsen! Deshalb werden wir die vorgeschlagenen Ideen in der Gemeindevertretung diskutieren, und sie sollten auch getestet werden.“ Auf Nordstrandischmoor testet Nommen Kruse schon seit ein paar Jahren verschiedene Methoden in der Praxis. Er ist Landwirt und beim LKN.SH angestellter Wasserbauer. Für ein Experiment hat er einen Abschnitt eines steinernen Deckwerks entfernt und die Lücke mit Holzbalken verschlossen. Die nimmt er im Winter weg, sodass ein kleiner Teil der Hallig überflutet wird: „Das hat dort einen Sedimentzuwachs von circa 10 Millimeter pro Jahr gebracht, damit übertreffen wir den derzeitigen jährlichen Pegelanstieg!“ Kruse ist überzeugt: „Mehr Land unter muss sein, auch wenn es das Leben und die Arbeit hier erschwert.“

Vorbereitung auf den Klimawandel in SPO 

St. Peter-Ording ist durch seine riesige Sandbank geschützt. Doch im Bereich Ording holt sich das Meer pro Jahr etwa acht Meter Strand, daher muss die Strandbar „54° Nord“ in einen neuen Pfahlbau ziehen, 230 Meter landeinwärts! Das gerade gestartete Projekt „Sandküste“ mit Beteiligung von Gemeinde, Verbänden, Behörden und zwei Universitäten will mehr zu dieser Erosion herausfinden. Dazu wird die „geomorphologische Entwicklung“ der Sandküste untersucht. „Geplant ist auch, die Hochwasserschutzfunktion der Dünen in einem Bereich ohne Deich zu erforschen. Und die Dünenlebensräume sollen wieder besser miteinander vernetzt und von eingeschleppten Pflanzen befreit werden“, kündigt Jannes Fröhlich an, der das Projekt beim WWF koordiniert. Die Menschen vor Ort und Gäste werden eingeladen, sich aktiv einzubringen. Ziel sind Maßnahmen, die Naturschutz, Küstenschutz und Gemeindeentwicklung unter einen Hut bringen. Auch mit der Nordsee sollten wir uns arrangieren, nutzen wir ihre Kräfte positiv!