Als feststand, dass Redakteurin Maya und ihr Partner die Stadt Kiel gegen das Dorfleben eintauschen würden, fiel die Reaktion aus dem Freundeskreis ungefähr so aus: „Ihr wollt WAS?!“ Verständlich, denn es ist doch eher ungewöhnlich, wenn man als (Vor-)Stadtkind mit Mitte zwanzig beschließt, in die sprichwörtliche Wallapampa zu ziehen.
Unsere Entscheidung für das Dorfleben reifte langsam und hatte mehrere Gründe. Wir wollten uns vergrößern: Nach drei Jahren fühlten sich 48 Quadratmeter schlicht zu klein an. Die Geräusche der Stadt wurden für uns von Tag zu Tag präsenter, die Parkplatzsituation war sowieso herausfordernd. Mein Freund, der ebenfalls drei Jahre lang fünfmal die Woche aus Kiel zur Arbeit pendeln musste, sagt rückblickend, er habe sicher ein halbes Jahr Lebenszeit damit verbracht, einen Parkplatz zu finden – kein Scherz!
Na, und sowieso schien dieses Dorfleben ein ganz romantisches zu sein, zumindest wenn man den Beatrix-Potter-inspirierten Reels auf Instagram traut – Nebel über den Wiesen, jemand backt ein Brot in einer mintgrünen Landhausküche, Laufenten spazieren durch einen verwunschenen Blumengarten. Suchen Sie einfach mal in der App nach „Beatrix Potter“, dann wissen Sie, was ich meine. Demnach standen also alle Zeichen auf Grün für unseren Umzug. Zweifel gab es trotzdem: Was, wenn es uns doch zu einsam wird? Was, wenn wir keinen Anschluss finden? Was, wenn unsere Freundschaften in Kiel darunter leiden? Zum Glück konnten wir uns bald von diesen Sorgen verabschieden.



Ankommen und Anschluss finden
Zugegeben: Wir hatten im wahrsten Sinne des Wortes einen echten Heimvorteil. Unsere neue Wohnung ist Teil einer kleinen Hofgemeinschaft – zwei weitere Parteien plus unsere Vermieter*innen. Die haben zum Glück gar nicht lange gefackelt und uns direkt in die wichtigsten Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppen geworfen und dort kurz vorgestellt. Und plötzlich wirkte das gemeinsame Weihnachtsbaumschmücken auf dem Dorfplatz mit der Nachbarschaft viel weniger einschüchternd. Wir wurden super herzlich empfangen und wussten nach der ersten halben Stunde, wer zu wem gehört, wer wo wohnt und wer sich wo engagiert. Unsere Nachbar*innen von gegenüber (inzwischen enge Freund*innen) hatten diesen Kickstart nicht und sind kreativ geworden: An Silvester sind sie nach Rummelpott-Tradition durchs Dorf gezogen, haben an den Türen geklingelt, einen Spruch aufgesagt und den ein oder anderen Kurzen abgestaubt. So haben auch wir uns kennengelernt. Der Abend endete um vier Uhr morgens in ihrer Küche – wie sich das eben für den Start einer guten Geschichte gehört. Heute kochen und grillen wir regelmäßig zusammen, machen Ausflüge und gehen gemeinsam zum Sport. So kann man’s halt auch machen! P. S.: Mittlerweile sind sie über die Connection zu uns natürlich auch in den elementaren WhatsApp-Gruppen gelandet. Am Ende findet sich eben alles.
Dorffeste feiern, wie sie fallen
Topografisch wohnen wir jetzt im reinsten Bullerbü: Wald und Naturpark quasi vor der Haustür, ideal für eine kurze Feierabend-Radtour, einen Spaziergang oder sogar zum Pilzesammeln und Himbeerenpflücken. Pure Landidylle eben! Was uns bei all der Romantik aber komplett entgangen ist: Das Dorfleben ist zwar entschleunigter und ruhiger, aber definitiv nicht unspektakulär. Jedenfalls nicht, wenn man den Veranstaltungskalender ernst nimmt. Denn: Hier steppt regelmäßig der Bär: Maifeuer, Dorffest, Sportwoche – you name it. Ich muss aber gestehen: Bisher haben wir es nur auf eine von etlichen Dorffeten geschafft – Asche auf unsere städtischen Häupter. Dafür ist unsere Dorffeten-Bucket-List für 2026 verheißungsvoll: Eine 80er-Jahre-Mottoparty und das alljährliche Dorffest in unserer Straße haben wir uns schon dick im Kalender markiert. Apropos: Ganz stilecht haben wir bereits einen Discofox-Tanzkurs im Nachbarort absolviert, um dorffetenfest zu sein – und beim Maifeuer mit einer fulminanten Pur-Hitmix/Wolfgang-Petry-Einlage geglänzt (das hoffe ich zumindest). Generell sind wir hier aktiver, als wir es in der Stadt jemals waren. Klar gab’s dort von allem viel: Kulinarik, Kultur, Sport, Shopping. Selbst der pickepackevollste Dorfkalender kann da nicht mithalten. Vielleicht ist dies aber genau das Geheimnis. Denn wie sagt man so schön: „Weniger ist mehr.“ Man informiert sich viel öfter über das, was im Dorf und in der Umgebung passiert, nimmt Vereinsangebote wirklich wahr und geht einfach hin.

Eine*r für alle, alle für eine*n
Beeindruckend ist für mich auch der Zusammenhalt im Dorf. In den WhatsApp-Gruppen greift man sich selbstverständlich unter die Arme: „Wer hat Kinderschminke?“, „Kann mir jemand zwei Eier leihen?“, „Möchte jemand Erdbeerpflanzen-Ableger?“ – und zack, steht jemand vor der Tür. Und wenn ausnahmsweise mal Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen und niemand aushelfen kann, gibt es einen Self‑Service‑Dorfladen: 24/7 geöffnet, mit allem Nötigen (und, ehrlich gesagt, noch deutlich mehr). Außerdem kommen die Menschen im Dorftreff zusammen, es gibt Sportgruppen, Aktionen, Netzwerke, die Freiwillige Feuerwehr, eine Dorfhilfe, um Unterstützung für hilfsbedürftige Menschen in herausfordernden Lebenssituationen zu leisten, und so viel mehr. Übrigens verfügt das Dorf sogar über eine eigene App sowie eine Bikesharing-Station.


Zwischen Stadt und Land: Von Sehnsucht und Zufriedenheit
Sicher, die Stadt hat uns viel gegeben: Spontanität, kurze Wege, Auswahl bis zur Überforderung. Und ja, manchmal erwische ich mich beim Vermissen. Ich mochte es, in unter zehn Minuten bei meiner besten Freundin auf der Matte zu stehen. Ich mochte es, mir praktisch an jeder Ecke einen Kaffee holen zu können, ich mochte die Nähe zum Meer, die vielen Restaurants und Bars … Das fehlt mir gelegentlich. Tauschen möchte ich gerade trotzdem nicht. Denn das Landleben gibt uns Raum, Ruhe und neue Routinen, die richtig guttun. Der Kopf ist aufgeräumter, die Wohnung auch. Es ist schon ein Unterschied, ob sich der Krimskrams auf 48 oder 100 Quadratmetern verteilt. Am Ende hat sich Gott sei Dank auch gezeigt: Eine echte Freundschaft hält eine Distanz von 45 Kilometern locker aus. Mehr noch: Wir haben sogar neue, ganz wundervolle Freund*innen dazugewonnen. Aus unserem Umzug ins Blaue ist ein Zuhause im Grünen geworden. Und das fühlt sich gerade genau richtig an.
Text und Fotos: Maya Schukies







