Ob Seeadler, Ringelnatter oder Wintergoldhähnchen – wenn Wildtiere Hilfe brauchen, landen sie oft auf dem Behandlungstisch von Dr. Sophie Budde. Die Tierärztin aus Bordelum hat sich auf Exoten spezialisiert und kümmert sich mit großem Engagement auch ehrenamtlich um verletzte Wildtiere.
Wussten Sie eigentlich, dass Eiderentenmännchen ordentlich beißen und kratzen können? Dr. Sophie Budde hat diese schmerzliche Erfahrung schon einige Male gemacht. Das hält die Exotentierärztin aber nicht davon ab, 50 bis 100 Wildtiere im Monat medizinisch zu behandeln. In dem kleinen Örtchen Bordelum bei Bredstedt hat Sophie vor sieben Jahren ihre eigene Praxis eröffnet und inzwischen ist sie eine wichtige Ansprechpartnerin für Exoten in Schleswig-Holstein. Teilweise kommen ihre Patienten auch aus Hamburg und Dänemark. Um die zahlreichen kranken und verletzten Wildtiere kümmert sie sich zusätzlich zum Praxisalltag ehrenamtlich, finanziert durch Spenden.
Eine Schlange in der Kita
Angefangen hat ihre Begeisterung bereits im Kindergartenalter. Nachdem ein Mann mit einer Boa zu Besuch war, wollte sie unbedingt Schlangenärztin oder -forscherin werden. Während der Schulzeit absolvierte sie ein Praktikum bei einer Schlangenfarm und merkte im anschließenden Veterinärstudium schnell, dass sie sich auf Reptilien spezialisieren möchte. Auch Vögel, die den Reptilien anatomisch sehr ähneln, interessierten sie im Studium besonders. So ergab sich die ungewöhnliche Spezialisierung ihrer Praxis auf den gesamten tierischen Komplex, bevor die Evolution der Säugetiere begann. Kurz gesagt: Sie behandelt alle Tiere, die kein Fell haben: Ringelnattern, Frösche, Vögel etc.

Dr. Sophie Budde und Tierärztin Sabrina Erdmann versorgen die Wildtiere mit viel Engagement.
Herausforderung Exot
Aus medizinischer Sicht findet sie die Exoten spannender, weil sie noch weniger Symptome zeigen als Säugetiere und vieles unerforscht ist. Dadurch muss man oftmals ausprobieren, was funktioniert. „Man versucht zum Beispiel, sich an der Kleintier- oder auch Humanmedizin entlangzuhangeln und überlegt sich, welche Behandlung bei einem Vogel oder Reptil sinnvoll sein könnte. Nicht zu allen Problemen findet man Beispiele in der Literatur.“
Die medizinische Behandlung der Wildtiere sieht sie schlicht als ihre moralische Verpflichtung, weil sie das Know-how hat. „Es ist so ein Glücksgefühl, wenn man ein geschwächtes Tier aufpäppelt oder erfolgreich operiert, sodass es wieder wildbahntauglich wird und man es in die Freiheit entlassen kann“, erzählt die aufgeschlossene Frau begeistert. Auch Stadttauben respektiere und behandle sie so wie Tiere, die eine*n Besitzer*in haben. „Auch wenn es für meinen Geldbeutel nicht das Beste ist“, ergänzt sie lachend.

Besondere Gäste der Praxis
In der Praxis an der Westküste waren schon beeindruckende Tiere zu Gast. Der größte Patient sei ein Seeadler gewesen. Drei bis fünf Fälle kommen pro Jahr zu ihr, weil sie Opfer von Windkraftanlagen werden. Die großen Vögel fliegen sehr langsam und genau auf der Höhe der rotierenden Blätter. In Erinnerung blieben ihr fast alle Fälle, aber einer hat sie besonders beschäftigt. Dieser Seeadler hatte einen gebrochenen Flügel, aber schien auf den ersten Blick erfolgsversprechend, sodass sie sich für eine OP entschied, um den Flügel mit Metallpins wiederherzustellen. Als der Vogel allerdings narkotisiert war, stellte sich heraus, dass der Bruch an einer kleinen, von außen nicht sichtbaren Stelle offen war und in der Tiefe bereits Maden das Gewebe zersetzten. Wegen dieser Infektion musste sie die schwere Entscheidung treffen, ihn gehen zu lassen.
Ein anderer, emotionaler Fall ist ihr ebenfalls sehr nahgegangen. Im vergangenen Jahr ist ein Krabbentaucher bei Bordelum angespült worden. Diese niedlichen Vögel sehen aus wie Pinguine und leben eigentlich im nordatlantischen Eismeer. Im Winter ziehen sie in Richtung Island, Großbritannien und Skandinavien. Der schwarz-weiße Vogel wurde nach einem großen Sturm angespült und war bereits stark abgemagert, weil er vermutlich über Tage hinweg versucht hatte, wieder auf Kurs zu kommen. Er wog nur noch 80 Gramm und ist trotz schneller Behandlung nach zwei Stunden verstorben.
Es gibt aber auch Fälle mit einem guten Ende. Der leichteste Patient war ein Wintergoldhähnchen, der kleinste in Deutschland lebende Vogel. Der fünf Gramm leichte Vogel ist gegen eine Scheibe geflogen und war aufgeplustert. Mit Schmerzmitteln und einigen Stunden Ruhe konnte er wieder in die Freiheit entlassen werden.

Auswildern im eigenen Garten
Ursprünglich kommt die Tierärztin aus Stendal in Sachsen-Anhalt. Ein Roadtrip entlang Deutschlands Küsten führte sie an die Nordsee: „Ich fand es hier in Nordfriesland so schön und die Leute sind so nett, weil jeder per Du ist. Und da habe ich mir gesagt: Hier bleibe ich.“
Das Landleben hat für die Exoten- und Wildtierärztin enorme Vorteile. In ihrem großen Garten kann sie mit Wildvögeln besser agieren und sie direkt vor Ort wieder freilassen. Außerdem wollte sie schon immer auf einem Bauernhof leben und hat jetzt einen Gnadenhof mit Hühnern und Gänsen, Katzen, Hunden, Papageien aus dem Tierschutz, Waschbären und vielen mehr. Auf einer Koppel hinter dem Haus möchte sie bald eine noch schönere Umgebung schaffen zum Auswildern.
Ihre Arbeit für die Wildtiere finanziert sie über Spenden von den Menschen, die die Wildtiere vorbeibringen. Damit sie zukünftig auch Spendenbescheinigungen ausstellen kann, ist sie dabei, einen Verein zu gründen. Im Gegensatz zu klassischen Wildtierhilfen kümmert sie sich aber nur um die medizinische Versorgung der Tiere. Um sie im Anschluss päppeln zu lassen, arbeitet sie mit vielen Wildtierhilfen im Umkreis zusammen, die ihr wiederum Patienten zur Behandlung vorbeibringen. Damit die Zusammenarbeit funktioniert, ist viel Vernetzungsarbeit notwendig, um beispielsweise über das Wildtiertaxi eine Fahrkette zu organisieren.
Was kann man tun, um Wildtieren zu helfen?
Wenn man zum Beispiel einen Vogel gefunden hat, kann man diesen in einen Karton mit Löchern setzen und an einen kühlen und luftigen Ort stellen. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Gerne Futter und Wasser anbieten, aber nichts einflößen, denn die Wildtierfütterung kann schnell falsch sein. Unter www.wildvogelhilfe.org kann man herausfinden, um welches Tier es sich handelt und wie man ihm helfen kann. Wenn sich der Vogel berappelt, kann man ihn in die Freiheit entlassen. Wenn nicht, kann man sich Hilfe bei Wildtiervereinen oder Tierärzten für eine erste Einschätzung holen.
Text: Mirjam Stein
Fotos: Dr. Sophie Budde







