Sich einmal fühlen wie Charlie in der Schokoladenfabrik, mit großen Augen durch die Produktionsstätte süßer Träume wandeln und wissen, dass dieses Erlebnis nur wenigen Außenstehenden zuteil wird. Gut, ich brauchte dafür keine goldene Eintrittskarte, aber als Eva Mura, Unternehmenssprecherin des weltweit bekannten Marzipanherstellers Niederegger, mich zur Führung durch „die heiligen Hallen“ abholt, bin ich schon ein wenig aufgeregt.

Gleich würde ich das Herzstück des Unternehmens betreten. Hier, in der Zeißstraße Lübeck, entsteht das einzigartige Lübecker Marzipan, das auf keinem Weihnachtsnaschteller fehlen darf, das man als Willkommensgeschenk aus der hanseatischen Heimat mitbringt, das für Tradition und Qualität steht und zu Lübeck gehört wie das Holstentor. Noch schnell den Kittel, eine Haube und Schutzschlappen über die Schuhe übergestülpt und los geht der Ausflug nach Marzipanien, wie ich es nenne.

Hygiene hat oberste Priorität in der Produktion. Daher passiert man zu allererst eine Hygieneschleuse, um in den offenen Produktionsbereich zu gelangen. Nagellack an den Fingernägeln ist verboten, genauso wie Schmuck und alles andere, was abblättern, abfallen, absplittern und versehentlich in der Marzipanmasse landen könnte. Auch ist das Probieren hier absolut untersagt. Schade eigentlich, es duftet alles so lecker. Wir sind gerade erst am Anfang der Rundführung und ich verspüre jetzt schon das Verlangen, alles zu kosten. „Wie halten die Mitarbeiter es aus, nicht mal nebenbei zu naschen?“, frage ich Eva Mura unverzüglich. Sie lacht und erklärt mir, dass dies sehr wichtig zur Einhaltung der Hygienevorschriften sei und dies allen bewusst sei. Außerdem würde es Extra Probierstationen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben.“ Aha, das macht es natürlich einfacher zu widerstehen, denke ich und lächle ihr zu. „Ich verstehe.“
Doch wie entsteht nun das berühmte Niederegger Marzipan? Ich befinde mich mittendrin, im Herzen der Produktion: der Rohmasseherstellung. Es pocht, zischt, rattert, die Temperatur steigt. Ich gehe einen Schritt auf das riesige Gerät zu, in dem Mandeln durch heißen Wasserdampf blanchiert werden. Danach werden ungeeignete Mandeln per Laserstrahl aussortiert und anschließend von routinierten MitarbeiterInnen in einer Endauslese per Hand nachsortiert, bevor die Mandeln per Hochdruckwasserstrahl in Rohren zur nächsten Station „geschossen“ werden.

Als Nächstes werden die Mandeln mit Zucker im Verhältnis Zweidrittel zu Eindrittel vermischt und dann gemahlen. Es entsteht eine feine, fast teigartige Masse, die mich daran erinnert, wie ich als Kind immer den übriggebliebenen Plätzchenteig mit den Fingern aus der Rührschüssel geschabt und genüsslich abgeschleckt habe. Das ist eine dieser Kleinigkeiten, die für Kinder etwas ganz Großes sind. Nun ja, jetzt wo ich dabei zusehe wie die köstliche Marzipanrohmasse in die offenen Röstkessel gegeben wird, würde ich mich auch am liebsten darauf stürzen. Aber ich kann mich beherrschen. Zumindest gebe ich mir alle Mühe, so zu wirken. In Willy Wonkas Schokoladenfabrik wäre dies der Zeitpunkt gewesen, an dem der gierige Junge in den Schokoladenfluss fällt. Aber wie Charlie halte ich allen Versuchungen stand.

Ein Röstmeister überwacht den Röstprozess in den rotierenden Kesseln. Er weiß genau, wie lange die Masse in den Kesseln bleiben muss. „So wird das Niederegger Marzipan schon seit Jahrhunderten hergestellt und an dieser Tradition wird sich auch nicht ändern“, versichert Eva Mura. Der Duft der freigesetzten Röstaromen ist unbeschreiblich. Mandeln und Zucker verbinden sich. Nach dem Rösten wird die Masse im so genannten Kühlschiff runtergekühlt. Fertig ist das Marzipan – fast. Denn jetzt folgt der entscheidende letzte Schritt: Das „süße Geheimnis“ wird hinzugefügt. Seit mittlerweile acht Generationen wir die geheime Zutat unter strengster Geheimhaltung in der Niederegger-Geschäftsleitung weitergegeben.

Erst nach der Zugabe der geheimen Zutat ist das Niederegger Marzipan vollkommen und kann zu insgesamt 300 verschiedenen Produkten weiterverarbeitet werden. Und das erfolgt nicht nur per modernen Hightech-Maschinen, sondern auch durch Menschenhand. Die ProduktionsmitarbeiterInnen bedienen Maschinen, sortieren, bestücken und verpacken Weihnachtssterne, Marzipanbrote, Marzipankartoffeln und alles, was gerade produziert wird. Dazu zählen auch die erlesenen Niederegger Trüffelpralinen und feinstes Nougats. Jede Bewegung, jeder Handgriff sitzt und das in einer Schnelligkeit – faszinierend!

Weiter geht es im Obergeschoss im handwerklichen Bereich. Hier sitzen wahre Künstler, die mit ruhiger Hand und viel Geschick Figuren aus Formen lösen, Kanten und Unebenheiten glatt „streicheln“, mit Pinsel und Lebensmittelfarbe die Figuren „schminken“ und filigrane Details wie die Augen der Glücksschweine mit Spritztüten per Hand aufbringen. In dieser Abteilung werden auch Torten, die Kunden bestellen, individuell gestaltet und Logos von Firmen oder Vereinen aus Marzipan erstellt. „Großartig!“ entweicht es mir vor lauter Begeisterung über diese eindrucksvolle Handwerkskunst. Ich hätte nicht gedacht, dass so vieles per Handarbeit gemacht wird, sowohl in der Produktion als auch bei der Dekoration. Langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, was Niederegger Marzipan so besonders macht. Es ist nicht nur die Qualität der Produkte und das seit über zweihundertjährige Bestehen des Unternehmens. Es ist vor allem auch die Besinnung auf traditionelle Werte, die es ermöglichen, dass manuelle Arbeitsprozesse und professionelle Handwerkskunst noch immer ihren Platz haben.

Mit vielen Eindrücken, neuen Ansichten und dem Duft von gerösteten Mandeln in der Nase verabschiede ich mich von Eva Mura, danke ihr nochmals für die interessante Produktionsführung und verlasse das Gebäude. Auf dem Weg zurück ins Büro ist alles wie immer. Staus, genervte Autofahrer, Fußgänger, die bei Grün hastig die Straße überqueren. Eigentlich ein ganz normaler Tag. Aber nicht für mich, denn ich komme gerade von meinem Ausflug nach Marzipanien. Und wer kann das schon von sich behaupten?