Mit ihrem Debütroman „Stumme Zeit“ entführt die Sylter
Gästeführerin Silke von Bremen Leser*innen in die dunkle Vergangenheit
einer Insel, die sehr viele Gemeinsamkeiten mit Sylt hat.
Die geborene Altländerin Silke von Bremen kam 1989 der Liebe wegen nach Sylt und setzte sich über die Jahre vielseitig für die Insel und ihre Bewohner*innen ein. Sechs Jahre lang, bis 1995, leitete sie hier das Heimatmuseum in Keitum und ließ die großen Knochen eines gestrandeten Pottwals als Empfang errichten. Seit 1999 ist sie als Gästeführerin unterwegs und zeigt Teilnehmer*innen ihrer Führungen die Insel, betätigt sich als Heimatforscherin und veröffentlicht regelmäßig Texte und Bücher über Sylt. Mit dem Roman „Stumme Zeit“ feiert sie jetzt auch ihr Debüt als Romanautorin.
Was lieben Sie denn eigentlich besonders an Sylt?
Mein Verhältnis zu Sylt ist durchaus ambivalent. Ich habe nie zu den Menschen gehört, die unbedingt am Meer leben wollen oder womöglich auf einer Insel. Vor der Nordsee habe ich mehr Respekt, als dass ich sie lieben könnte. Der Strand, die karge Dünenlandschaft, die zerzausten Bäume und Büsche – das ist nicht die Landschaft, die mich Purzelbäume schlagen lässt.
Also gar nicht so Ihr Geschmack?
Ich habe wirklich lange gebraucht, um darin auch eine Schönheit zu entdecken. Insofern hat das, was mir an Sylt lieb und teuer ist, mit der Insel selbst gar nicht so viel zu tun. Denn das sind mein Mann, meine Freunde, mein intaktes soziales Umfeld, ein Beruf, mit dem ich happy bin. Das ist das Glück, das ich hier gefunden habe.
Was hat Sie dazu inspiriert, anderen Ihre Insel zu zeigen?
Das ist eine klassische Nischenbesetzung. Als Diplomgeografin – meinen Sylter Mann habe ich im Studium kennengelernt – kam ich Ende der 80er Jahre auf die Insel und es war schnell klar, dass ich besser etwas mit Gastronomie oder Hotellerie hätte lernen sollen (lacht). Ich habe dann das Glück gehabt, das Museum in Keitum betreuen zu dürfen, damals hieß es noch klassisch „Heimatmuseum“, und in diesen Jahren habe ich festgestellt, dass ich etwas vermitteln kann. Wenn eine Schulklasse vor mir stand, sind die Kiddies nicht gleich weggerannt, wenn ich angefangen habe, ihnen zu erzählen, warum man früher Wale jagte.
Was ist Ihnen bei Ihren Führungen wichtig zu vermitteln?
Sie können nur Dinge vermitteln, für die sich ihr Gegenüber auch interessiert. Das heißt, ich schaue, wo ich anknüpfen kann. Wenn ich die Landfrauen aus Heide auf einer Tour habe, dann reden wir natürlich über andere Dinge, als wenn mich eine Gruppe von Architekten bucht.
Haben Sie eine Tour, die Sie besonders gerne mögen?
Alle meine Touren liegen mir am Herzen, in jeder steckt viel Zeit und Engagement für ein Thema. Für den einen ist dann der Rundgang durch Westerland interessant, der sich mit dem Dritten Reich beschäftigt, die nächste findet es spannender, etwas über die wilden 60er und 70er Jahre in Kampen zu hören. Und Frauenleben im 18. Jahrhundert, eine Tour durch Keitum, ist auch beeindruckend.
Geschichte erleben
Sylt und seine faszinierende Geschichte macht Silke von Bremen seit über 20 Jahren anhand verschiedener spannender Touren anschaulich und erlebbar. Ob zu Fuß, auf dem Rad oder auf einer Rundfahrt per Taxi, Bus oder Privatauto: Es geht zurück in die Vergangenheit der Insel, zurück zu den Menschen und ihrem Leben, ihren Sorgen und Nöten, ihrem Alltag, Freud und Leid. Mehr Infos zu den Touren und zur Buchung finden Sie unter www.guideaufsylt.de.

Ihr Engagement für Sylt geht weit über Gästeführungen hinaus. Museumsarbeit, Engagement für Sylter*innen und die Geschichte der Insel: Ihr Einsatzbereich ist weit gefasst. Wie wählen Sie Themen aus, denen Sie sich widmen wollen?
Ich bin ein neugieriger Mensch. Und wenn man die Augen und Ohren offen hält, sieht man, welche Dinge funktionieren und welche nicht. Und wenn etwas nicht „rund“ läuft, habe ich schnell das Gefühl, hier kannst du dich engagieren. Das ist dann immer Arbeit – vieles davon zudem ehrenamtlich –, aber Arbeit, zu der man Lust hat, bringt ja erfahrungsgemäß Spaß!
Welche Projekte verfolgen Sie aktuell?
Aktuell bin ich bei dem Bürgernetzwerk „Merret reicht’s – aus Liebe zu Sylt“ engagiert. Es haben sich in den letzten Jahren sehr viele Themen angehäuft, die gelöst werden müssen, damit die Insel für die Einheimischen lebenswert bleibt und die Gäste einen Urlaub verbringen können, der sie nicht unzufrieden entlässt. Auch wenn hier auf Sylt nicht alle davon begeistert sind, dass sich „normale“ Bürger*innen einmischen, die Landespolitik hat erkannt, dass wir Lösungen erarbeiten, die insular gedacht sind. Wir haben unsere Innenministerin Frau Sütterlin-Waack in Kiel besuchen dürfen und sie hat uns anschließend auf Sylt einen ganzen Tag geschenkt, um sich vor Ort zu informieren.
Haben Sie auch schon Projekte für die Zukunft im Auge?
Wir haben auf Sylt ein großes Defizit an bezahlbarem und schönem Wohnraum. Ich bin der Ansicht, auch Sylter haben das Recht, adäquat zu leben. Und ich plane, eine Stiftung auf den Weg zu bringen, die Häuser verwaltet, in denen nur Sylter leben dürfen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben.

Mit „Stumme Zeit“ veröffentlichen Sie jetzt Ihren ersten Roman. Wie war das für Sie, jetzt Ihr Wissen über Sylts Geschichte mit Ihrer eigenen, fiktionalen Handlung zu verbinden?
Zunächst einmal hätte ich nicht gedacht, wie schwer es ist, eine Erzählung zu schreiben. Ich meine, die wunderbare Schriftstellerin Dörte Hansen hat mal gesagt: „Wenn du eine Grenzerfahrung machen möchtest, schreib einen Roman.“ Das würde ich sofort unterschreiben. Dass ich gut über die Geschichte der Insel informiert bin, war hilfreich, weil manche Recherche dadurch nicht mehr so aufwendig war. Aber Recherche ist das Schönste und Einfachste, wenn man schreibt.
Was (oder vielleicht auch wer) hat Sie zu Ihrem Roman inspiriert?
In diesem Falle haben mich Schicksale inspiriert. Wir alle kennen Menschen, die besondere, auch besonders schwere Dinge erlebt haben. Spannend ist, wie sie damit umgehen und was das mit ihnen macht.
Welche Rolle spielt hier der Tourismus?
Die Haupthandlung spielt Mitte der 1970er Jahre. Das ist eine der ganz großen Boomzeiten, in denen die Weichen für das gestellt wurden, wie die Insel heute funktioniert. Allerdings ist die Handlung in einem Dorf angesiedelt. Und auch wenn die Metropole der Insel nur wenige Kilometer von den Dörfern entfernt liegt, das Leben auf dem Land und das der Städter war in dieser Zeit in manchen Dingen Lichtjahre voneinander entfernt.
Finden Sie sich auch selbst in einer oder mehreren Figuren Ihres Romans wieder?
Autoren werden ja immer gerne gefragt, was an ihrem Buch autobiografisch ist. Tatsächlich kann man ja nur aus seinem eigenen Erfahrungshorizont heraus schreiben. Selbst wenn ich eine Handlung auf dem Mars ansiedeln würde, wären die Reaktionsmuster meiner Protagonisten ja immer mit dem verknüpft, was ich selbst an Erfahrungen und Wissen habe. Insofern hat jede Figur sicher etwas von mir. Aber ich bin weder Helma, Rudi, Sönnich, Gondel oder Alwine.
Was sind für Sie selbst die zentralen Themen des Romans?
Es gibt mehrere Erzählebenen mit ihren Personen, wie den verrückten Hauke, der das Glück beim Schopfe packt, als die goldenen Zeiten des Tourismus beginnen, aber das Hauptthema ist Verlust und Traumata. Auch wenn der Zweite Weltkrieg lange zurückliegt, spüren wir heute noch die Auswirkungen. Meine Protagonisten sind noch etwas dichter dran an dieser Zeit, sie leben in einer scheinbaren Idylle, aber irgendetwas stimmt nicht. Aber dann passiert etwas und sie fangen an zu fragen. Dabei stoßen sie auf seltsame Dinge und Zusammenhänge und dann beginnt sich ihr Leben zu verändern.
Sie engagieren sich auf Sylt für Geschichte und Vergangenheit, zählt „Stumme Zeit“ auch dazu?
Eigentlich ist es eine besondere Art Liebeserklärung an die Insel und ihre Bewohner. Mit dieser Geschichte möchte ich etwas erzählen, von dem kaum jemand weiß, dass so etwas in Schleswig-Holstein passiert ist. Und dass Schweigen niemals eine Lösung sein kann, wenn es schwierig wird, sondern dass man miteinander reden und voneinander erzählen muss.

Ein dunkles Kapitel
Als Sönnich Petersen stirbt, ist niemand im Dorf am Watt traurig, am wenigsten seine Tochter Helma. Er war kein liebevoller Vater, der Krieg hatte ihn hart gemacht. Doch da ist noch etwas, was sie beschäftigt: Über ihre früh verstorbene Mutter wurde immer eisern geschwiegen. Auch um die Mutter ihres Kindheitsfreundes Rudi gibt es ein Geheimnis, sie wurde während des Krieges abgeholt und kam nie zurück. Wie konnten die Frauen einfach so verschwinden? Warum fragte niemand nach ihnen? Die Suche nach Wahrheit führt Helma und Rudi in dunkle Kapitel der Geschichte ihrer Insel.
Silke von Bremen: Stumme Zeit, Dörlemann. 400 S., 25 Euro