Vom Bürgerkriegskind zur Bundeswehr-Reservistin, von der Erzieherin zur promovierenden Psychologin: Dr. Sanata Doumbia-Milkereit ist eine Frau, die keine Grenzen akzeptiert. In unserem ausführlichen Interview spricht sie über Sklavendienste in Deutschland, das Schweigen der Ärzte bei weiblicher Genitalverstümmelung und ihren Kampf gegen digitale Gewalt.
Lebensart: Sanata, du bist mit sechs Jahren aus der Elfenbeinküste nach Deutschland gekommen. Wenn du heute zurückblickst, was war das prägendste Gefühl dieser ersten Zeit?
Sanata: Es war ein Gefühl der totalen Fremdheit, das langsam einsickerte. Ich erinnere mich an die Kälte – es muss Mai gewesen sein, aber ich habe gefroren. Die Geräusche, die Sprache, selbst das Essen schmeckte anders. Ich habe anfangs nur überreife Bananen gegessen, weil das der einzige Geschmack war, den ich kannte. Aber gleichzeitig gab es da diesen inneren Kompass. Ich sah in Osnabrück Frauen, die Busse steuerten oder bei der Bank arbeiteten. In meiner damaligen Heimat war das undenkbar. Ich begriff als Kind: Hier ist für Frauen mehr möglich. Hier gibt es eine Freiheit, die ich noch nicht benennen konnte, aber die ich unbedingt wollte.
Lebensart: Diese Freiheit fand in deinem damaligen Zuhause jedoch nicht statt. Du beschreibst deine Kindheit in Deutschland als „Sklavendasein“. Wie meinst du das?
Sanata: Das ist leider keine Metapher. Während mein Vater oft unterwegs war, war ich im Haushalt meiner Stiefmutter vollkommen isoliert. Ich musste Fenster im vierten Stock putzen, den Müll schleppen, kochen, waschen – Schwerstarbeit für ein Kind. Ich wurde misshandelt, hatte gebrochene Finger, Narben im Gesicht und hinter den Ohren. Das Ungeheuerlichste war ein Moment im Treppenhaus: Eine Nachbarin fing mich ab, sah mich an und fragte: „Entschuldigen Sie, sind Sie eine Sklavin?“ Sie siezte mich, eine 13-Jährige. In diesem Moment wurde mir klar, dass mein Leben nicht normal war. Aber als Kind suchst du die Schuld bei dir selbst. Die Scham war mein Käfig.
Lebensart: Ein weiteres tiefes Trauma ist die weibliche Genitalverstümmelung (FGM), die du als Kind in Afrika erleben musstest. Wie hast du diesen Tag in Erinnerung?
Sanata: Ich wurde festgehalten, eine fremde Frau kam mit einem scharfen Gegenstand. Ich spürte diesen stechenden Schmerz, sah das Blut an meinem Bein. Danach war es still. Man sagte uns später, es sei „nichts passiert“. Und das Schlimmste: In Deutschland wurde mir dieses Trauma jahrzehntelang abgesprochen.
Lebensart: Wie kam es dazu? Haben die Ärzte hier nicht hingesehen?
Sanata: Genau das ist das Problem. Ich war bei mehreren Gynäkologen, erzählte von meinen Ängsten und Erinnerungen. Die Antwort war immer: „Da ist nichts.“ Meine Erinnerungen wurden als Einbildung abgetan. Erst mit 32 Jahren, als ich schwanger war, traf ich einen Arzt mit Erfahrung in Afrika. Er sah mich an und sagte: „Ich verstehe Sie. Ihnen wurde etwas genommen.“ Erst da, nach fast drei Jahrzehnten, wurde mein Schmerz validiert. Das ist der Grund, warum ich heute zu diesem Thema promoviere: Wir haben massive Lücken in unserem Gesundheitssystem, die Betroffene von Gewalt einfach übersehen.

Lebensart: Trotz dieser Lasten bist du 2013 zur Bundeswehr gegangen. Viele empfinden das als krassen Gegensatz zu deiner Biografie. War die Uniform für dich ein Schutzpanzer?
Sanata: Absolut. Ich brauchte nach dem Chaos meiner Kindheit Ordnung und Stabilität. Bei der Bundeswehr zählte die Leistung, nicht die Herkunft. In der Uniform fühlte ich mich das erste Mal im Leben sicher. Ich habe mich dort teilweise weniger rassistisch angefeindet gefühlt als im zivilen Leben, weil es klare Regeln und Konsequenzen gibt. Ich war dort eine „Brückenbauerin“. Einmal saß ich mit einem Divisionskommandeur – einem der höchsten Generäle – auf dem Boden seines Büros, wir tranken Kaffee und ich gab ihm Tipps zur Pflege seiner Aloe Vera. Meine Kameraden konnten nicht fassen, dass ich keine Angst vor Dienstgraden hatte. Aber für mich ist jeder Mensch ehrvoll, egal welches Abzeichen er trägt.
Lebensart: Du bist heute auch als Psychologin aktiv, promovierst und hast die Demonstration für Collien Ulmen-Fernandes in Hamburg moderiert. Es ging um digitale Gewalt. Warum ist dieser Kampf so wichtig?
Sanata: Digitale Gewalt ist kein „Internet-Problem“, es ist ein Sexualdelikt. Wenn Deepfakes erstellt werden, ist das eine Verletzung der Intimsphäre, die niemals endet. Ein Bild im Netz ist unendlich. Betroffene erleben einen totalen Kontrollverlust, der psychologisch mit physischen Übergriffen vergleichbar ist. Wir haben in Deutschland echte Strafbarkeitslücken. Es kann nicht sein, dass Opfern immer noch gefragt wird: „Was hattest du an? Warum warst du online?“ Die Scham muss endlich die Seite wechseln – weg vom Opfer, hin zum Täter.
Lebensart: Du setzt dich besonders für Kinder aus suchtbelasteten Familien ein und hast sogar ein Kinderbuch geschrieben. Woher nimmst du die Kraft für all diese Baustellen?
Sanata: Aus der Erkenntnis, was mir fast geraubt worden wäre. Wenn ich an meine Mutter in Afrika denke – sie ist Analphabetin, die dritte von vier Frauen eines Mannes, finanziell vollkommen abhängig. Sie kann nicht lesen, was ich schreibe. „Lesen ist Träumen mit offenen Augen“, heißt es. Meine Mutter konnte nie träumen. Ich möchte jede Chance nutzen, die ihr verwehrt blieb. Ich will den „Impact“ für verletzliche Gruppen erhöhen, weil ich weiß, wie es ist, übersehen zu werden.

Lebensart: Heute lebst du in Schleswig-Holstein, bist verheiratet und Mutter. Wenn du deinen Sohn ansiehst, was fühlst du in Bezug auf deine Familiengeschichte?
Sanata: Ich weiß, dass der Kreislauf der Gewalt durchbrochen ist. Er wächst in Freiheit auf. Mein Mann und ich haben ihm einen Doppelnamen gegeben – mit einem westafrikanischen und einem europäischen Teil. Die Namen bedeuten „Krone der Würde“ und „der mit dem Speer Herrschende“. Wir haben ihn bewusst so genannt, damit er überall bestehen kann, ohne Vorurteile. Er soll stolz auf beide Wurzeln sein, ohne die Kämpfe führen zu müssen, die ich führen musste.
Lebensart: Was möchtest du Frauen mitgeben, die heute in einer ähnlichen Situation feststecken wie du damals?
Sanata: Du bist nicht allein. Auch wenn die Scham dich isoliert: Das, was dir passiert, ist nicht deine Schuld. Fang an, dich mitzuteilen. Es muss kein großes Gespräch sein, oft hilft Schreiben oder ein anonymes Telefonat. Sobald man die Stimme erhebt, verliert die Gewalt einen Teil ihrer Macht. Dein Weg muss nicht dort enden, wo andere ihn für dich vorgesehen haben. Du darfst deine eigene Wahrheit finden und wieder anfangen zu leuchten.
Wer mehr über Sanatas beeindruckende Lebensgeschichte und ihr Engagement erfahren möchte, sollte den Fernseher einschalten:
- Wann? 20. Juni 2026
- Wo? In der Sendung „DAS! Rote Sofa“ im NDR Fernsehen
Zur Person:
Sanata Doumbia-Milkereit lebt in Schleswig-Holstein, ist Psychologin (M. Sc.) und promoviert aktuell. Sie engagiert sich aktiv gegen Gewalt an Frauen, ist Reservistin der Bundeswehr und setzt sich insbesondere für feministische Themen sowie den Kinderschutz ein. Zudem ist sie als Autorin tätig.







