Neulich, Anfang Dezember, habe ich etwas getan, was ich sonst so gut wie nie mache. Weil das so etwas Seltenes war, weiß ich auch noch genau, wann es passierte: am 11. Dezember. Das Datum spielt dabei keine Rolle. Wichtiger ist in diesem Fall die zeitliche Distanz zu Weihnachten. Es waren noch 13 Tage bis Heiligabend, und es ging damals mal wieder um die Frage der Fragen: Weiße Weihnachten – ja oder nein?

Sich ganze 13 Tage im Voraus mit einer klaren Ansage zu trauen, das war schon eine Hausnummer und zeugte von Selbstbewusstsein. Schließlich müssen Wettervorhersagen über solche Abstände sehr vorsichtig formuliert werden. Denn genau dieses Szenario ist stark emotional geprägt – es geht um Weihnachten, es geht um Schnee. Da kann man schnell große Enttäuschung erzeugen. Aber ich blieb stur. Ich lehnte mich aus dem Fenster und ließ die Fernsehzuschauer*innen wissen, was ich glaubte zu wissen: Tauwetter, tagsüber plus 6 Grad, in der Nacht plus 3 Grad. Ergo: grüne Weihnachten! Und das, obschon zwölf Tage vor dem Fest Winter mit allem drum und dran über uns hergefallen war: strenger Frost, 10 bis 25 Zentimeter Neuschnee, zweistellige Minusgrade. Damals hatte alles nach weißer Weihnacht aus ausgesehen. Aber dann passierte, was passieren sollte: ein Wetterumbruch mit plus 5 bis 7 Grad tagsüber, auch die Nächte frostfrei, Regen. Winter adé.

Was aussah wie Magie, waren die Auswirkungen einer sogenannten Singularität, die ich mir bei der Vorhersage zu Hilfe nahm. Das ist ein Wetterereignis mit großer Wiedereintrittswahrscheinlichkeit. Das Phänomen heißt Weihnachtstauwetter, die Trefferquote liegt in Schleswig-Holstein bei rund 80 Prozent, der Klimawandel addiert noch circa zehn Prozent dazu. Da steckt eine Menge Nachhaltigkeit drin, mit der sich planen und entscheiden lässt. Das wird uns im Januar und Februar allerdings nicht vergönnt sein. Dann fehlen die Singularitäten als Fahrwassermarkierungen, und wer versucht, von einem Monat auf den nächsten zu schließen, erleidet in den allermeisten Fällen Schiffbruch. Das Wetter ist in der Regel wenig nachhaltig. Es verflüchtigt sich zu schnell – bis auf die Eigenschaft der Luft, Wärme zu speichern. Das fühlt sich zwar zunächst und gerade im nasskalten Winter nach etwas Gutem an. Doch die langfristigen Folgen haben es nicht verdient gepriesen zu werden. Aus Wärme wird Überhitzung – diese Nachhaltigkeit kann nicht gemeint sein, auch wenn ich schon jetzt das nächste Weihnachtswetter treffsicher prognostizieren könnte.

Meeno Schrader: Schon seit seinem 15. Lebensjahr ist das Wetter für Meeno Schrader weit mehr als nur Small Talk. Er hat es an den unterschiedlichsten Plätzen der Welt „getestet“ und lebte und arbeitete unter anderem in Australien, Korea, der Karibik und den USA. Seit 2002 ist er der „Wetterfrosch“ des Schleswig-Holstein Magazins beim NDR. In der Lebensart verrät er jeden Monat einen Gedanken aus seinen Wetterwelten.

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