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Ein handyfreier Abend mit einem der größten Künstler der Gegenwart: Bob Dylan spielte am 22. Oktober in der Barclays Arena – ein Konzert, das einige verstörte und andere zutiefst berührte. 

Ich habe es wirklich getan: Ich habe Bob Dylan live gesehen. 84 Jahre alt, seit über sechs Jahrzehnten auf den Bühnen dieser Welt, Literaturnobelpreisträger und ewiger Mythos. Und doch wirkt er wie ein Fremder im eigenen Kosmos – jemand, der einfach macht, worauf er Lust hat. Genau das habe ich erwartet. Und genau das hat er geliefert.

Die Barclays Arena in Hamburg war voll. Und ungewöhnlich ruhig. Keine Handys, kein Flimmern, kein digitales Dauerrauschen – alle Mobiltelefone mussten am Einlass in versiegelte Beutel. Erst irritierend, dann befreiend. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so konzentriert und gegenwärtig einem Konzert gelauscht habe.

Ein Abend ohne Show – aber mit Gänsehaut

Dylan betritt die Bühne, ohne Begrüßung, ohne Blick ins Publikum. Wie ein eigenwilliger Gast, der sich wie im eigenen Wohnzimmer an sein Klavier setzt und einfach loslegt. Und das ist wörtlich zu nehmen: „I’ll Be Your Baby Tonight“ macht den Anfang, gefolgt von „It Ain’t Me, Babe“. Klassiker, ja – aber ohne nostalgische Attitüde. Dylan spielt, was ihm wichtig ist. Die Stimme rau, brüchig, manchmal klagend – aber immer: unverkennbar.

Zwischen Piano, Gitarre und Mundharmonika entfaltet sich ein Sound, der irgendwo zwischen Blues, Folk und amerikanischem Dämmerlicht liegt. Seine Band bleibt im Hintergrund, meisterhaft zurückgenommen. Höhepunkte? Für mich ganz klar: „When I Paint My Masterpiece“ mit kraftvollem Mundharmonika-Einsatz, und das fast zärtliche „To Be Alone With You“, bei dem Dylan zur Gitarre greift – selten genug in diesen Tagen.

Kein Konzert wie jedes andere

Dylan spricht nicht mit seinem Publikum. Er kommuniziert in Songs, Pausen und Blicken. Dass das nicht allen gefällt, bekam ich am Getränkestand mit: „Der kommt raus und sagt nicht mal Hallo“, polterte ein Zuschauer, der über 400 Kilometer angereist war. Ich fragte mich: Wissen Sie, bei wem Sie hier sind? Denn da vorne saß Bob Dylan. In echt. Keine Doubles, keine Projektionen. Wer sich auch nur wenige Minuten mir Dylan und seiner Person, Eigenart und Verschrobenheit auseinandergesetzt hat, weiß, dass er heute kein Entertainment-Feuerwerk erwarten sollte.

Keine Zugabe, ungläubige Blicke

Nach knapp zwei Stunden endet das Konzert mit „Every Grain of Sand“ – und Bob Dylan verschwindet, wie er gekommen ist: wortlos, fast beiläufig. Keine Zugabe, kein Winken. Das Licht geht an. Manche rufen „Zugabe“, andere schauen ungläubig. Ich bin still – und tief bewegt. Dylan war da. Und ich war da. Das reicht.

Kein Spektakel. Kein Pathos. Kein Hit-Feuerwerk. Aber ein Abend, der unter die Haut ging. Bob Dylan ist kein Showman. Er ist Künstler. Und wer das verstanden hat, ging mit genau dem nach Hause, was bleibt: einem Gefühl von Geschichte und Echtheit.

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