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Mark wurde 1972 in Husum geboren. Entsprechend gibt es ihn schon ein paar Tage länger, aber seit dem 2. Oktober 2025 ist er offiziell eine sie, heißt Mara Sophie und ist –
auch rechtlich gesehen – eine Frau. Im Gespräch mit
Marion Laß erzählt sie über ihren Weg dorthin.

Juckreiz am ganzen Körper und Depressionen. Mit diesen Symptomen fing im Sommer 2024 alles an. Es folgte ein erster Hörsturz, der zunächst einmal der lauten Musik ihrer Band geschuldet wurde, und ein weiterer im November, der wie aus dem Nichts kam. „Ich hatte keine Ahnung, was mit mir los ist, ich weiß nur, dass ich nicht mehr konnte und keine Kraft mehr hatte“, erzählt Mara. 

Viele weibliche Eigenschaften

Zusammen mit Ehefrau Daniela sitze ich mit Mara in der Stube und höre mir ihre Geschichte an. „Mara hat nie das klassische Männertum gelebt. Fußball, Saufen oder Rummackern gab es nicht. Sie hat schon damals viele weibliche Eigenschaften mitgebracht, zu ihren Hobbys gehören unter anderem Häkeln und Nähen“, sagt Daniela. „Und sie hatte immer schon ein Faible für schöne Klamotten.“ Seit 2008 ist Daniela mit der Mediengestalterin zusammen und fand genau diese Eigenschaften anziehend. „Ich suchte damals einen Partner, der Gefühle zeigen kann und mit dem ich tiefe Gespräche führen kann; einen Feingeist, der Musik und Konzerte liebt.“ Und genau das fand Daniela in dem damaligen Mark. 


„Was stimmt nicht mit mir?“ Bis aus Mark Mara wurde, war es ein langer Weg.

Was stimmt nicht mit mir?

Für ein Gothic-Konzert im Herbst 2024 wollten sich die beiden entsprechend kleiden und kauften schwarze Schminkutensilien für den Abend. „Das war das erste Mal, dass ich Mark mit kajalbetonten Augen gesehen habe. Er hatte sehr viel Spaß dabei, sich zurecht zu machen“, erinnert sich Daniela. Nach diesem Konzertwochenende folgte der Hörsturz. „Wir haben alles Mögliche versucht – Kortison-Therapie, Osteopathie, nichts half.“ Später kam eine schwere Depression hinzu. „Ich konnte zwar arbeiten, aber danach war ich zu nichts mehr zu gebrauchen“, erinnert sich Mara. „Daniela musste zu Hause alles alleine regeln.“ Beim Arzt gab es zunächst einmal Medikamente, die das Leben erträglicher machten, aber die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet. „Was stimmt nicht mit mir?“

Unzertrennlich: Ehefrau Daniela (links) stand Mara während des gesamten Prozesses zur Seite. Heute sagt sie: ‚Ich habe mich in meine beste Freundin verliebt.

Transsexualität 

Daniela ist Hypnose-Coach mit eigener Praxis und vielen Tabu-Themen gegenüber aufgeschlossen. Als Mara zunehmend schwächer wurde, machte sie sich große Sorgen und viele Gedanken. Zu diesem Zeitpunkt lernten Daniela und Mark eine Transfrau kennen und kamen das erste Mal persönlich mit dem Thema Transsexualität in Kontakt. Das sind Menschen, die ihr körperliches Geschlecht als nicht stimmig empfinden und den Wunsch haben, in einem anderen Körper zu leben. „Mark hatte bis dahin keinen persönlichen Bezug zur Transsexualität. Nach außen gab er den ‚männlichen Mann‘ mit Vollbart und Undercut und füllte seine Rolle perfekt aus. Aber man konnte mit ihm tiefgehende Gespräche führen und wie mit der besten Freundin durch Dick und Dünn gehen“, erzählt Ehefrau Daniela. „Irgendwie habe ich immer öfter gespürt, dass da ‚was‘ ist. Aber was genau wusste ich nicht. Wir mussten der Sache nachgehen, denn ich hatte das Gefühl, es ist fünf vor zwölf.“

Seit 30 Jahren eine Rolle gespielt

Beide sind spirituelle Freigeister und als sie ein Medium kennenlernten, das ihnen den Rat gab, nach innen zu schauen, beschritten sie den Weg der Sinnfindung. Von Vorteil war, dass Daniela als Hypnose-Coach schnell helfen konnte. „Wir haben auf hypnotischer Basis Blockaden gelöst. Das hat dafür gesorgt, dass viele kleine Impulse an die Oberfläche kamen“, erläutert Daniela.

Mara nickt. „Es war eine unglaubliche Erfahrung. Mir wurde immer klarer, dass ich seit 30 Jahren eine Rolle spiele und schon genau so lange an Depressionen leide – und am Ende wusste ich, dass ich in Wirklichkeit eine Frau bin“, sagt sie. 

Doch es mussten noch viele Fragen geklärt werden. Um herauszufinden, ob es sich bei der Sehnsucht nach Weiblichkeit um einen Fetisch, Crossdressing oder Transidentität handelt, bestellten die Eheleute Damenbekleidung in Maras Größe. Rock, Bluse, Kleid, Strumpfhosen, Plateau-Schuhe, vor allem figurbetonte Kleidung. Wie würde es sich anfühlen? Was würde es mit Mara machen? Als Mara bei der Anprobe sagte „Es fühlt sich endlich richtig an“, brach für Daniela eine Welt zusammen. „Ich hatte Angst, meinen Lebenspartner zu verlieren“, gesteht sie. 

Mara Sophie ist seit dem 2. Oktober stolz auf ihre offizielle Beurkundung als Frau.

„Erstes Outing galt mir selbst“

„Das Paket mit der Kleidung war die Büchse der Pandora“, erinnert sich Mara. „Ich war immer schon traurig, dass es mir nicht vergönnt war, schöne Kleider anzuziehen. Dass ich das jetzt leben darf, ist wie eine Befreiung, und diese Freiheit möchte ich nie wieder hergeben.“ 

Doch war Maras Faible für weibliche Kleidung „nur“ ein Fetisch oder ging das Ganze tiefer? „Ich bin durch viele Prozesse gegangen“, erzählt Mara. „Neben Gruppensitzungen beim Psychotherapeuten haben Daniela und ich jeden Abend gesprochen, oft bis in die Nacht hinein. Während dieser intensiven Gespräche wurde mir immer klarer, dass ich eine Frau bin. Dieses erste Outing galt mir selbst.“ 

Viele Dinge aus der Kindheit sind in den Gesprächen an die Oberfläche gekommen. Mara zeigt mir ihre kleinen Kinderschühchen. Es sind rote Lackschuhe. „Das waren meine ersten festen Schuhe und ich habe darauf bestanden, dass es genau diese sein müssen“, sagt sie. Es sind Mädchenschuhe. Auch erinnert sie sich, dass sie früher öfter die Schminksachen ihrer Mutter ausprobiert hat. „Da war ich vielleicht 12 bis 14 Jahre alt.“ Kinderfreundschaften hegte sie meistens zu Mädchen. Ihre Hobbys wie Nähen und Häkeln trugen weibliche Züge, zeigten, dass Mara anders tickte. Aber wie sollte sie das wissen? Zu der Zeit waren Themen dieser Art selten und oft auch tabu, vor allem im ländlichen Raum. 

So, Wie die Gesellschaft es erwartet hat

Diese Tabuisierung hat möglicherweise auch dazu geführt, dass Mara den männlichen Weg gegangen ist. „Ich habe eine Rolle gespielt“, sagt sie heute. Damit meint sie ihre erste Ehe, den Hausbau, die Kinder, die Vaterrolle. „Ich habe alles gemacht, wie es von der Gesellschaft erwartet wurde.“ Und sie betont: „Es ist nicht so, dass ich meine Kinder nicht liebe. Im Gegenteil. Aber mein Weg wäre mit dem Bewusstsein von heute wahrscheinlich anders verlaufen.“ Nach siebzehneinhalb Jahren Ehe kam es zur Scheidung. 

Danach lernte Mara Daniela kennen, mit der sie seit 2008 zusammen und auch glücklich verheiratet ist. Trotz allem blieb eine Traurigkeit und eine Leere, die mit wechselnden Hobbys gefüllt wurde. „Angeln, Werkzeuge, Motorrad, Kameras – es war wie eine dauerhafte Suche nach mir selbst“, erklärt Mara. „Manches Mal bin ich auf dem Motorrad mitgefahren, weil ich Angst um meinen Mann hatte“, berichtet Daniela von Maras depressiver Phase. 

Es musste ein Abschluss her 

Zu wissen, dass sie eine Frau im Körper eines Mannes ist, war eine Zäsur in Maras Leben. Am 2. Oktober 2025 beantragte Mark eine Namens- und Personenstandsänderung beim Standesamt. „Ich habe mir den Namen Mara Sophie ausgesucht“, blickt Mara glücklich auf ihren zweiten Geburtstag. Sie fühlt sich angekommen. „Ich freue mich jeden Morgen, mich zurecht zu machen. Ich gehe glücklich durch die Stadt, genieße das Leben.“ Die alten Mark-Klamotten wurden inzwischen aus der Wohnung entfernt. Stattdessen haben Glitzer, Handtaschen und Schminke Einzug gehalten. „Es musste ein Abschluss her“, sagt Mara.

Das Umfeld

Und das Umfeld? „Meine Kinder haben großartig reagiert“, erzählt sie. „Meine Tochter hat queere Freundinnen, für sie war das Thema nicht neu. Und mein Sohn hat mich umarmt und gefragt, wie er mich nennen darf. Auch er kennt Homosexuelle und Transmenschen.“ Die größte Freude aber hat ihr Vater Mara gemacht, als er zusammen mit seiner Tochter in Schleswig am Christopher Street Day (CSD) teilnahm. „Da wusste ich, dass ich akzeptiert werde – so wie ich bin.“

Leuchten in den Augen

Ehefrau Daniela kommt zu ihrem eigenen Erstaunen gut mit der neuen Situation zurecht. „Manchmal denke ich, das Leben hat mich darauf vorbereitet“, sagt sie. „Ich wurde schon oft mit solchen Themen konfrontiert. Aber ich wollte ein normales Leben und hatte Angst, Mara zu verlieren“, resümiert sie die vergangenen Monate. „Mein Wertesystem ist mir komplett um die Ohren geflogen. Aber ich wusste auch, dass Mara Hilfe braucht.“ Sie erinnert sich noch gut an die Zeiten, an denen sie alleine auf einer Bank saß und sich den Sonnenuntergang angesehen hat. Mark war wegen seiner Depression nicht ansprechbar. „Aber seit vergangenem Sommer sitzen wir wieder zusammen auf der Bank und genießen das Lichtspiel am Himmel. Mara hat wieder ein Leuchten in den Augen. Wenn man den geliebten Menschen wieder aufblühen sieht, ist das so wertvoll.“ Und sie ergänzt: „Auch ich habe mich neu gefunden, nicht nur Mara.“

Viele erste Male

Die beiden leben heute ein anderes Leben. Es ist inniger. Sie stehen früh auf, genießen schon morgens die Zweisamkeit. „Ich brauche jetzt ein bisschen länger im Bad“, schmunzelt Mara und freut sich darüber, wenn Daniela ihr die Haare macht. Nach wie vor steht Mara auf Frauen. Das wird auch bleiben. Aber durch die Östrogenzufuhr und den Testosteronblocker verändert sie sich jetzt zunehmend. „Ich lerne meinen Körper komplett neu kennen“, sagt sie. Gefühlstechnisch passiert sowohl innen als auch außen gerade sehr viel. Sie ist froh, in Daniela eine Partnerin zu haben, die nicht nur versteht, sondern auch alles zusammen mit ihr durchlebt. „Es gab in den letzten Monaten viele erste Male“, berichtet Mara. „Das erste Mal durch eine Einkaufsstraße bummeln oder über den Weihnachtsmarkt. Das erste Mal gemeinsam essen gehen, und vor allem die ersten Male auf der Damentoilette. Das alles als Frau, das war wirklich besonders“, sagt Mara. Und mit jedem Mal wird sie sicherer.

Endlich ankommen dürfen

Was jetzt noch ansteht, ist die entscheidende OP. Im März stehen Gespräche mit den Ärzten an, dann wird der Antrag auf eine Geschlechtsangleichung gestellt. Danach wird der Medizinische Dienst der Krankenkasse seine Empfehlung aussprechen. Nach dieser OP gibt es kein Zurück mehr. Da muss „frau“ sich sicher sein. „Das bin ich, und ich freue mich darauf, endlich ankommen zu dürfen“, sagt Mara.

Und Daniela? Die lächelt: „Für mich fühlt sich alles richtig an. Ich habe mich in meine beste Freundin verliebt.“ Mehr über Mara auf YouTube @mara_mein_leben2.0.

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