Zwei Wochen Zeit, ein schmales Budget und riesige Lust auf neue Eindrücke: Eine Camping-Reise durch das Baltikum überraschte Volontärin Maya mit einem Mix aus Natur und Kultur – bezahlbar, nah und abenteuerlich.
Erst kürzlich fragte mich eine Kollegin: „Wie kommst du eigentlich auf deine Reiseziele? Das Baltikum hatte ich gar nicht auf dem Schirm.“ Die Antwort war hier recht einfach: Mein Freund und ich hatten ein schmales Budget, ordentlich Fernweh und teilten den Wunsch, in kurzer Zeit möglichst viel zu sehen. Nach etwas Recherche und dem Konsum einiger Reise-Vlogs war klar: Für uns gehts ins Baltikum! Zwischen Mooren, Wäldern, Küsten und geschichtsträchtigen Städten lockt die Region mit reichlich Kultur, vergleichsweise niedrigen Preisen und vielen Spots, an denen das Wildcampen erlaubt ist – oft sogar mit Plumpsklo und Feuerstelle. Passt perfekt, denn seit drei Jahren touren wir ohnehin leidenschaftlich gerne mit Auto und Dachzelt umher. Also los: drei Länder, zwei Wochen. Von Kiel rollen wir über Mecklenburg-Vorpommern und Polen nach Litauen. Erster Halt: Nähe Kaunas. Über Siauliai tuckern wir nach Lettland, kreuzen Jurmala und Riga und ziehen küstennah nach Norden. Ein Schlenker über die Insel Saaremaa, dann der Wendepunkt: Tallinn. Eine Route voller Natur- und Kulturhöhepunkte – einige davon blieben besonders in Erinnerung:


Städte-Dreiklang – Vilnius, Riga, Tallinn
Jede der drei baltischen Hauptstädte lohnt sich – auf ihre Art. Vilnius überrascht uns mit Uzupis, dem Künstlerviertel, das sich zur freien Republik erklärt hat. Die Verfassung glänzt auf Spiegeltafeln in vielen Sprachen an der Mauer. So hat hier etwa jeder Mensch das Recht, zu lieben, sowie auch eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.


Riga punktet mit einer Altstadt voller Gotik-, Barock- und Romantikbauten, gekrönt vom Schwarzhäupterhaus. Auf unserer Stadttour stolpern wir ins Café Parunasim kafe’teeka. Kuchen und Limonaden überzeugen, die Kulisse packt uns noch mehr: Hinterhof-Romantik samt bepflanzter Ape, Lichterketten und Vintage-Leuchtreklamen – fast zu schön, um echt zu sein. Tallinn hält uns am längsten fest. Die Altstadt, von der Mauer umarmt, wirkt wie ein real gewordenes Bild aus dem Geschichtsbuch – heute ergänzt um Concept-Stores, Cafés, Bars, Restaurants. In allen drei Städten, besonders aber in Tallinn, lohnt der Blick in Gassen und Höfe: Keramikwerkstätten, Chocolaterien, Läden mit echter estnischer Handarbeit. Oben auf dem Domberg thront die Alexander-Newski-Kathedrale mit ihren Zwiebeltürmen.


Gang übers Hochmoor im Kemeri Nationalpark
Wer in den Badeort Jurmala kommt, lässt den Kemeri Nationalpark nicht links liegen. Über Holzbohlen stapfen wir durchs scheinbar endlose Hochmoor. Jeder Aussichtspunkt übertrumpft den vorherigen. Spiegelglatte Tümpel, Moos und Flechten in verschiedenen Farbtönen zeichnen ein von oben fast surreales Bild.


Muhu und Saaremaa: Reif für die Inseln
Von Virtsu setzen wir nach Muhu über. In Liiva stoppen wir kurz für Vorräte – und stolpern gegenüber des Supermarkts über eine bunte Meile aus Foodtrucks. Auf dieser kleinen Insel: unerwartet. Noch überraschender: Hier bekommen wir eine der besten Pizzen unseres Lebens serviert – Schmand, Lachsforelle, Dill. Über den Damm rollen wir weiter nach Saaremaa, Estlands größter Insel. Hier ticken die Uhren anders: kleiner, leiser, entspannter. Die Küsten locken, länger zu bleiben als geplant. Im Süden ragt der Sõrve-Leuchtturm 52 Meter in den Himmel. Der Aufstieg brennt in den Waden, der Rundumblick belohnt: freie Sicht auf Meer, Insel und die Landzunge zu seinen Füßen.


seine Geschichte aber reicht viel weiter zurück …
Der vielleicht schönste Campingplatz des Baltikums
Eigentlich suchen wir nur einen zivilisierten Stellplatz: duschen, Wäsche waschen, Batterien laden. Wir landen auf dem Campingplatz Marika Puhkeküla bei Nõva im Nordwesten Estlands. Vielleicht die beste Entscheidung der Reise. Gastgeber Michael, ein deutscher Auswanderer, erfüllte sich hier einen Traum. Die Holzhütten baute er selbst, ein Teich lädt zum Baden ein, und jeder Gast wird empfangen wie ein alter Freund. Wir sitzen bei kühlen Getränken, lauschen Geschichten über Land und Leute – Stoff, der so selten im Reiseführer steht. Michael zeigt Aufnahmen seiner Wildkameras: Bären, Marderhunde, Füchse streifen regelmäßig durch den Wald. Abends springt er mit uns in seinen alten Land Rover. Über Schotter, durch zugewachsene Waldwege rumpeln wir rein in Estlands Natur, die er wie seine Westentasche kennt. So hält er etwa beim Moor an und zeigt uns eine heimische fleischfressende Pflanze, an der wir sicher vorbeigestapft wären: den Sonnentau.
Im Baltikum wechseln Kulturen, Landschaften und Städte nahezu im Stundentakt. Wir streifen Moore, Küsten, Inseln, Altstädte, tauchen in die Geschichte ein, kosten neue Küche, lauschen anderen Sprachen. Trotz der Nähe zur Heimat wirkt dieser Urlaub wie eine Fernreise. Ein Volltreffer auf ganzer Linie: fürs Weltenbummlerherz, fürs Fotoalbum – und für den Geldbeutel.

Volontärin Maya macht am liebsten Camping-Urlaube mit Dachzelt: Diesmal im Baltikum.
Fotos: Maya Schukies (6) / Mona Krüger | thelightart (1)







