Starke Frau auf starkem Kurs: Manja Weihe (31) aus Rendsburg ist Steuerfrau auf dem Containerschiff „Tukuma Arctica“ der Royal Arctic Line. Mit uns spricht sie über Freiheitsmomente, Leben und Arbeitsalltag an Bord, Risiken auf See – und verrät, welche Seefahrtsklischees voll zutreffen.
Lebensart im Norden: Manja, du bist praktisch auf See groß geworden – dein Großvater war Kapitän, die Kindheit hast du zum größten Teil auf dem Familienschiff „Carmelan“ verbracht. Ab wann war für dich klar: Ich will selbst zur See fahren?
Manja Weihe: Eigentlich schon immer. Mich reizten von Anfang an die Abwechslung, der Blick aufs Wasser und die Begegnungen mit neuen Orten und Menschen. Zwischendurch stand auch Erzieherin auf meiner Liste – am liebsten hätte ich beides kombiniert. Tatsächlich habe ich drei Jahre nebenbei im Kindergarten gearbeitet. Das hilft mir heute an Bord enorm: Ruhe bewahren, wenn’s ruppig wird. Manchmal ist ein Schiff eben auch ein großer Kindergarten – im besten Sinne.
Wie wohnt und lebt man an Bord der „Tukuma Arctica“ – und wie steht’s ums Internet? Jeder hat eine eigene Kabine mit Bett, Schreibtisch, kleinem Sofa, TV und Bad – also einen richtigen Rückzugsort. Außerdem gibt es an Bord Internet; pro Person stehen täglich 2 GB zur Verfügung. Sind diese verbraucht, wartet man einfach bis zum nächsten Tag. Ich finde das Prinzip toll, denn ich kenne es so, dass man auf See gar keinen Internetzugang hat. Das habe ich immer genossen. Für die jüngeren Kollegen an Bord ist das teilweise herausfordernder (lacht).
Wie oft stehst du in Kontakt mit Familie und Freundeskreis, wenn du auf See bist?
Dadurch, dass ich mit der Seefahrt groß geworden bin, fällt es mir nicht schwer, ein bis zwei Wochen keinen Kontakt zu haben. Für mich ist klar: Wenn ich auf dem Schiff bin, dann bin ich auf dem Schiff – und wenn ich zu Hause bin, dann bin ich zu Hause. Natürlich meldet man sich zwischendurch, aber es gibt keine Erwartungshaltung, ständig erreichbar zu sein.

Wie lange bist du auf See unterwegs und wie lange anschließend zu Hause?
Ich bin sechs Wochen an Bord und anschließend sechs Wochen zu Hause. Startpunkt ist immer Aarhus in Dänemark; von dort geht es zunächst nach Reykjavík in Island und weiter nach Nuuk in Grönland. Dort wird das Schiff komplett geleert und wieder beladen. Anschließend fahren wir zurück nach Reykjavík, dann weiter nach Reyðarfjörður. Von dort aus geht es nach Tórshavn auf den Färöer-Inseln, weiter nach Bremerhaven, dann nach Helsingborg in Schweden und schließlich zurück nach Aarhus. Eine solche Rundtour dauert etwa drei Wochen.
Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Hat man irgendwann das Gefühl, dass einem die Decke auf den Kopf fällt?
Überhaupt nicht. Abseits der Wachen gibt es viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Wir haben etwa einen Fernsehraum mit großem Sofa, in dem wir uns treffen, Filme schauen oder Brett- und Gesellschaftsspiele spielen – eine PlayStation und einen Fitnessraum gibt‘s auch. Natürlich gibt es Tage, an denen man nach der Arbeit kaum jemanden sieht; meistens kommen wir jedoch zusammen oder gehen im Hafen gemeinsam ein Bier trinken. Außerdem kann man in der Freizeit in den Häfen von Bord gehen und die Stadt oder Natur erkunden. Man muss lediglich rechtzeitig und nüchtern sein.

Haben die Fahrten zwischen Aarhus und Nuuk für dich noch immer einen besonderen Charakter oder stellt sich irgendwann eine Routine ein?
Es ist die gleiche Route. Und dennoch: Jeder Sonnenaufgang, jeder Sonnenuntergang ist unterschiedlich, kein Tag ist wie der andere. Wolken und Wasser bewegen sich anders, die Schiffe sind andere – ebenso die Lebewesen, die man sieht. Es gibt stürmische Tage und Tage, an denen das Wasser spiegelglatt ist und die Sonne scheint. Manchmal sieht man Wale, manchmal passiert tagelang nichts. Das finde ich entschleunigend. Ich liebe es, aufs Wasser zu gucken oder nachts in den Sternenhimmel zu schauen. So einen Sternenhimmel vom Wasser aus zu beobachten, ist unbeschreiblich.
Welche Rolle spielt die Royal Arctic Line für die Versorgung in der Arktis?
Die Royal Arctic Line hat in der Arktis nahezu eine Monopolstellung. Wir sind das größte Schiff in der Flotte – 179 Meter lang, knapp 31 breit – und bringen die meisten Container in die Arktis. Gleichzeitig betreibt die Reederei auch kleinere Einheiten, zum Beispiel Buchtenschiffe, die ausschließlich in Grönland fahren.
Welche Güter überführt ihr?
Alles. Wir sind ein normales Containerschiff. Von Kühlcontainern mit Fisch über kleine Boote und LKWs bis zu Umzugskartons wird alles aufgeladen, was von A nach B muss.

Wie sieht dein Arbeitsalltag als 2. Offizierin/Steuerfrau aus?
Wir arbeiten im Dreischichtsystem. Meine Wache läuft von 8 bis 12 Uhr und abends von 20 bis 24 Uhr. In dieser Zeit sitze ich auf der Brücke und fahre das Schiff – bei guter Sicht allein, nachts oder bei eingeschränkter Sicht mit Ausguck. Hinzu kommen regelmäßige Kontrollen von Feuerlöschern, Rettungsringen und Co.. Im Hafen wechseln wir auf 6‑Stunden‑Wachen. Dann überwachen wir das Be- und Entladen, prüfen Containerpositionen und kontrollieren die Festmacherleinen.
Wie unterscheidet sich deine Jobbeschreibung von der des Kapitäns?
Der Unterschied liegt vor allem in der Verantwortung. Diese trägt letztlich der Kapitän. Wenn ich mich unsicher fühle, rufe ich ihn zur Hilfe. Heutzutage macht ein Kapitän viel Büroarbeit und ist eigentlich nur zum An- und Ablegen auf der Brücke.

Manja nimmt‘s mit nordischer Gelassenheit.
Wie ist euer Team an Bord aufgebaut und wie verständigt ihr euch untereinander?
Bei uns ist besonders, dass Dänisch die Bordsprache ist. Unsere Crew setzt sich aus Grönländern, Dänen sowie Färingern zusammen – und dann bin da noch ich als Deutsche. Da ich eine dänische Schule besucht habe, ist die Verständigung für mich kein Problem.
Wie sehr beschäftigt euch die geopolitische Lage rund um Grönland im Arbeitsalltag?
Ehrlich gesagt: kaum. Für uns hat sich operativ nichts geändert. Wir arbeiten ohnehin strikt nach dem ISPS*‑Sicherheitsstandard; im ISPS‑Level‑1‑Bereich wird jede Person beim Betreten des Schiffes kontrolliert. Natürlich sprechen wir an Bord über die aktuelle Lage – zumal mehrere Grönländer Teil der Crew sind. Ich persönlich halte mich dabei eher zurück. Ich bin ein Mensch, der im Hier und Heute leben möchte. Würde ich mir über jedes Thema Gedanken machen, könnte ich nachts nicht mehr schlafen.
Jeder Sonnenaufgang, jeder Sonnenuntergang ist unterschiedlich, kein Tag ist wie der andere. Wolken und Wasser bewegen sich anders, die Schiffe sind andere – ebenso die Lebewesen, die man sieht.
Was sind die größten Risiken, denen ihr auf See begegnet, und wie schützt ihr euch davor?
Vor allem das Wetter. Heutzutage gibt es viele Messmöglichkeiten, sodass man vorbereitet ist. Meist wird die Route geändert und das Wetter umfahren. Manchmal funktioniert das nicht. Im schlimmsten Fall kann man nicht fahren – in unserer Branche der Worst Case, weil die Güter natürlich ankommen müssen.
Kannst du eine Situation schildern, in der es auf See kritisch wurde?
Ja, Ende letzten Jahres. Wir mussten drehen, bekamen Wind und Welle aus der falschen Richtung, drei Container wurden zerdrückt, ein paar Materialschäden. Verletzt wurde zum Glück niemand.
Maritime Berufe gelten oft als Männerdomänen: Welche Erfahrungen machst du in deinem Arbeitsalltag? Unterstützung, Vorurteile …?
Vorurteile gibt’s vereinzelt noch, nach dem Motto, eine Frau schaffe bestimmte Dinge aufgrund ihres Geschlechts nicht – die werden schnell widerlegt. Ich als Frau hatte in der Branche nie Probleme. Der Ton kann mal rau sein; dann hilft es, klar zu sagen, wenn einem etwas zu viel wird. Und: Die Branche wandelt sich. In meiner Klasse an der Seefahrtsschule waren drei von zehn Klassenmitgliedern Frauen, beim Küstenskipper-Lehrgang war zuletzt die Hälfte weiblich – und auch auf unserer Brücke sind wir mittlerweile drei Frauen. Vor allem jüngere Männer in der Branche empfinden diese Entwicklung als sehr positiv und unterstützen den Wandel.


Welchen Rat möchtest du Mädchen und jungen Frauen geben, die ebenfalls von der Arbeit auf See träumen?
Wagt es! Natürlich sollte man sich vorher gut informieren, aber grundsätzlich ist der Beruf auch mit Familienplänen machbar. Eine Kollegin von mir hat zum Beispiel zwei Kinder zu Hause; in ihrem Fall hat der Mann die Betreuung übernommen. Es gibt also unterschiedliche Modelle – und am Ende findet man seinen Weg.
Sprechen wir noch mal über Vorurteile und Klischees: Dass nicht alle Seefahrenden bärtig sind und Pfeife rauchen, beweist du uns am besten. Gibt es Seefahrtsklischees, die tatsächlich zutreffen?
Ich kann bestätigen, dass Seeleute ein trinkfreudiges Volk sind, wenn man sie einmal loslässt. Es gibt natürlich auch den einen oder anderen an Bord, der in jedem Hafen eine andere hat. Viele meiner Kollegen widerlegen das Klischee und sind in Langzeitbeziehungen. Es sind eher die jungen Kollegen, weil die sich noch austoben müssen (lacht).
Das Interview führte Maya Schukies
Fotos: privat







