Ein Bilderbuchsommer auf Amrum. Halb Fredenbüll vergnügt sich ausgelassen am Strand – bis eine Welle dem kleinen Finn plötzlich einen abgetrennten Frauenfuß auf seine Schaufel spült. Statt ausgelassener Ferienstimmung herrscht jetzt Massenpanik. In Krischan Kochs neuntem Küsten-Krimi sucht das eingespielte Ermittler-Duo Detlefsen & Stappenbek zwischen Touristenmassen, demonstrierenden Umweltaktivist*innen, exzentrischen Starköchen, rachsüchtigen Immobilienmaklerinnen und einem verirrten Riesenraubfisch fieberhaft nach einem Frauenmörder.

Krischan Koch hat sich die für einen Autor üblichen Karrierestationen als Seefahrer, Rockmusiker und Kneipenwirt geschenkt. Stattdessen arbeitet er als Filmkritiker für den NDR und DIE ZEIT, macht Kabarett und Kurzfilme und ist erfolgreicher Krimiautor. Er lebt mit seiner Frau in Hamburg und auf der Nordseeinsel Amrum, wo er mit Blick auf das Watt seine beliebten Insel-Krimis schreibt. Im Interview erzählt er von seinen knallharten Recherchearbeiten, ungewöhnlichen Mordmethoden und dem Leben an der Nordsee.

Polizeiobermeister Thies Detlefsen aus Fredenbüll an der nordfriesischen Küste hat jetzt schon seinen neunten Mordfall zu klären. Und seine Familie und sein Freundeskreis ist natürlich auch wieder mit von der Partie. Als Leser*in glaubt man ja, solche Typen wie den gutmütigen Thies, die resolute Imbisswirtin Antje oder den etwas langsamen Postboten Klaas schon immer zu kennen. Wie sind Sie auf Ihre Romanfiguren gekommen?

Ich muss auf der Fahrt von Hamburg nach Amrum nur mal kurz Pause im Imbiss machen. Da stehen meine Romanfiguren dann am Tresen. Naja, in Wahrheit ist das natürlich knallharte Recherchearbeit. Um die Szenen in dem Stehimbiss „De Hidde Kist” zu schreiben, habe ich sämtliche Imbisse die Nordseeküste rauf und runter abgeklappert. Immer wieder Sauerfleisch, Fischbrötchen und „Putenschaschlik Hawaii”, obendrauf Rote Grütze und dann erst die begleitenden Getränke, das liegt abends beim Schreiben dann reichlich schwer im Magen.

Sie leben in Hamburg und auf Amrum. Nicht umsonst bevorzugt auch Thies die idyllische Nordseeinsel als alljährliches Urlaubsziel. Wie finden das die Amrumer*innen, dass sie einen Krimi-Autor auf ihrer Insel haben, der sie vielleicht auch mal in seinen Romanen einbaut?

Das ist höchst unterschiedlich. Bei den einen genieße ich seitdem Vorzugsbehandlung. Da gibt es bei der Fischersfrau schon mal einen besonderen Fisch, und das Stück Friesentorte im „Friesencafé” kommt mir seitdem irgendwie ein bisschen größer vor. Andere wiederum grüßen nicht mehr oder sind auf der Flucht. Das hat vielleicht tatsächlich damit zu tun, dass es bei meinem ersten Krimi „Flucht übers Watt” reale Vorbilder gab. Es gibt ja im wirklichen Leben immer wieder Leute, die einem gehörig auf die Nerven gehen. Zwei von denen habe ich in meinem ersten Buch genüsslich über die Klinge springen lassen. Das war irgendwie befreiend. Nun ist etwas Seltsames passiert: Die beiden sind seitdem auch in Wirklichkeit von der Bildfläche verschwunden. Das hat mir doch zu denken gegeben. Seitdem denke ich mir meine Mordopfer lieber aus.

Die Mordmethoden in Ihren Büchern sind recht ungewöhnlich. Da verbrutzelt schon mal jemand auf einer Sonnenbank oder wird in einem Kochtopf mit Labskaus ertränkt. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Ja, stimmt, irgendwie schon ein bisschen seltsam. Wie ich darauf komme, möchte eigentlich selbst gar nicht so genau wissen. Schon unheimlich. Nächste Frage, bitte.

Sind die Norddeutschen besonders komisch?

Es ist zumindest eine Komik, die ich mag: knapp und trocken. Der echte Norddeutsche ist eben kein Schnacker. Und wenn dann übermotivierte Mafiosi, die hippe Medienschickeria aus der Stadt oder Schamanen mit esoterischem Kauderwelsch auf meine Helden im Stehimbiss treffen, dann… ja, da wird dann eben nicht lange geschnackt.

Ihre Lesungen auf Amrum verbinden Sie gerne auch mal mit einer Fahrradtour. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu den Leser*innen?

Als Autor sitzt man ja ziemlich einsam an seinem Schreibtisch. Bei einer Lesung bekommst du dann auf einmal ein Gefühl dafür, ob ein Gag oder eine spannende Szene funktioniert oder nicht. Das ist wie beim Kabarett. Entweder die Leute lachen oder nicht. Mir macht das viel Spaß, meinen Figuren durch die Stimme noch mal einen eigenen Charakter zu geben. Und diese Fahrradtouren auf Amrum, bei denen ich mit einer Gruppe über die Insel radle und an verschiedenen Originalschauplätzen lese, sind noch mal etwas Besonderes, das zu meinem Amrumer Sommer mittlerweile dazugehört. Während der Radtour erzählen mir die Leser zwischendurch alte Urlaubsgeschichten und neusten Inseltratsch. Herrlich.

Krischan Koch: Der weisse Hellbutt dtv2021,3205, 10,95 €

Vorheriger ArtikelGlasklare Sache
Nächster ArtikelFriedrichsstadt