Mystische Orte an der Nordsee

Auf den Spuren geheimnisvoller Geschichten

Eines von insgesamt 50 Großsteingräbern auf Sylt (© Frank/ Adobe Stock)

Die Nordsee hat nicht nur endlose Strände und erholsames Urlaubsglück zu bieten, sondern auch mystische Orte fernab des Trubels, die geheimnisvolle Geschichten erzählen.

Spuren der Vergangenheit

Kaum ein Gebiet in Deutschland wurde so von den Grabhügeln und Großsteingräbern geprägt wie die Nordfriesischen Inseln. Allein auf Sylt sind mehr als 500 Grabhügel aus der Bronze- und Wikingerzeit bekannt, hinzu kommen fast 50 Großsteingräber aus der Jungsteinzeit. Nicht alle dieser Gräber sind heute noch so deutlich zu erkennen wie zum Beispiel das Steingrab „Denghoog“ nördlich von Wenningstedt. „Doch wer auf der Braderuper Heide oder oberhalb des Morsum Kliff genau hinsieht“, sagt Maike Lappoehn von der Naturschutzgemeinschaft Sylt, „sieht viele Grabhügel aus der Vor-  und Frühgeschichte.“ Wer hier wandert und immer wieder auf die Gräber blickt, hat das Gefühl, auf einer Brücke in die Unendlichkeit unterwegs zu sein – einsam, karg, weit weg vom Rest der Welt.

Tipp: Auf der hünen.kulTour folgen Sie den Spuren der Gräber auf Sylt. Der Ausflug ist unterteilt in drei Touren, die Sie abwandern oder mit dem Fahrrad erkunden können. Unterwegs liefern Hinweistafeln zahlreiche Informationen zu den Besonderheiten der jeweiligen Grabhügel. Einen Flyer für die hünen.kulTour erhalten Sie bei allen Tourismusservices und Kurverwaltungen der Insel Sylt, der Sylt Marketing GmbH, im Erlebniszentrum Naturgewalten List sowie im Naturschutzzentrum Braderup oder auf www.sylt.de.  

Von sprechenden Gräbern … 


Auf dem  Friedhof der St. Clemens-Kirche auf Amrum steht ein sogenannter „sprechender Grabstein”, der vom legendären Leben Hark Olufs erzählt (© Oliver Franke)

Der Friedhof der St. Clemens-Kirche auf Amrum liegt im Nebel, der Wind wispert in den Kronen der Bäume und die Grabsteine erzählen alte Geschichten – von der Seefahrt, vom Meer und auch von fernen Ländern. Ein Stein berichtet von einem Amrumer Lebenslauf, der so verrückt ist, dass er nur wahr sein kann: Hark Olufs fuhr bereits seit seinem 14. Lebensjahr zur See, bis er 1724 von Piraten gefangen und in Algier als Sklave verkauft wurde. Dort trat er wahrscheinlich zum Islam über und stieg zum General des Monarchen Bey von Constantine auf. Dieser schenkt Hark zum Dank für seine Dienste nach Jahren die Freiheit. Noch keine 30 Jahre alt kehrt er als reicher Mann auf seine Heimatinsel zurück, heiratet und führt ein beschauliches Leben bis zu seinem Tod. Doch damit endet seine Geschichte nicht! Denn auf der Rückseite des Grabsteins befindet sich eine Inschrift, die mit dem Gerücht des Wiedergängers in Zusammenhang stehen könnte. Die Zeilen legen nahe, dass Hark Olufs ruhelos über die Amrumer Dünen wandert. Aus Sorge um seine Angehörigen kann er die Insel nicht verlassen – wer genau hinschaut, kann im Mondlicht oder im Nebel vielleicht seinen schemenhaften Geist erblicken …

… und untergegangen Schiffen

Außerhalb des Ortes, auf dem Friedhof der Namenlosen, liegen diejenigen, die weder Rang hatten noch Namen. Denn brachte das Meer auch Wohlstand und Ehre, es brachte ebenso Tod und Verderben. Wie viele Schiffe gingen hier unter? Niemand hat sie je gezählt. Und die verlorenen, unbekannten Seelen, die das Meer nach stürmischer Nacht auf den Strand warf, wurden hier beerdigt. Der Weg führt hinaus auf diese unermessliche Sandmasse – nicht mehr Land, noch nicht Meer, vom Hochwasser oft genug überflutet. Wind greift nach der Kapuze, Sand knistert, der Weg irrt um verbliebenes Wasser und erste Dünen. Die Wellen laufen zischend auf dem Sand aus, vor der Küste tobt weiß und wütend die Brandung unter einem drohenden Himmel. Wer weiß schon, dass unter dem Kniepsand versunken und verborgen ein U-Boot aus dem Weltkrieg liegt. Und wie viele Schiffe noch. Von der Promenade in Wittdün kann man an manchen Tagen das Wrack der Pallas sehen, einer der spektakulärsten Strandungen der jüngeren Zeit. Und in dieser seltsamen, wilden Zwischenwelt auf dem Kniepsand werden sie wieder lebendig – abenteuerliche Geschichten der See und der Seefahrt. Ein Ort voller Magie auch deshalb.

Als Rungholt im Meer versank


Bei einer geführten Wattwanderung kommt man dem Mythos Rungholt ein Stückchen näher (© SHBT)

Vor knapp 700 Jahren ertränkte eine Sintflut unvorstellbaren Ausmaßes die Nordseeküste. Ganze Landstriche wurden unbewohnbar, Kulturland und Siedlungen wurden aufgegeben und gingen im Laufe der Zeit in der Nordsee verloren. So auch die Stadt Rungholt, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Reich soll das „Atlantis des Nordens” gewesen sein und ebenso gotteslästerlich. Die Legenden beflügelten die Fantasie von Kunstschaffenden und sorgten für reichlich Zoff in der Wissenschaft. 

Überreste und Zeugnisse der versunkenen Stadt werden in dem Gebiet um die Halligen Südfall, Nübel und Nielandt immer noch gefunden. Auf einer geführten Wattwanderung kann man auf den Spuren der sagenumwobenen Stadt wandeln. Es ist ein schaurig-schönes Gefühl, über den Meeresboden zu gehen – dem altem Rungholt-Land – zu wissen, dass bald alles wieder überflutet sein wird – so, wie seit hunderten von Jahren. Spannend ist es, wenn Wattführer:innen berichten, dass man nun das ehemalige Siedlungsgebiet des alten Obbenbüll oder Hersbüll betrete. Zu wissen, dass den Gast im nächsten Museum Totenschädel angrinsen. Von Menschen, die einst hier gelebt, geliebt und gearbeitet haben. Bis die Sintflut kam … und als Mythos Rungholt wieder aufstand. Aber eben nicht nur als Legende, denn die Zeugnisse im Watt und Museum erzählen eine wahre Geschichte.

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