DER WEG IST NICHT DAS ZIEL

AM 8. MÄRZ IST INTERNATIONALER FRAUENTAG - von Malin Schmidt

Wenn Clara Zetkin wüsste, dass Mädchen und Frauen heute immer noch weniger Rechte als ihre männlichen Mitmenschen haben, geringeren Lohn verdienen und in vielen Bereichen der gesellschaftlichen Mitbestimmung unterrepräsentiert sind, dann würde sich die Frauenrechtlerin vermutlich im Grab umdrehen.

Über 100 Jahre nach ihrem Kampf für das Wahlrecht der Frau und die Einführung des Frauentages in Europa steht es um die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland nicht besonders gut. Aktuell wird über eine gesetzliche Frauenquote diskutiert, die Frauen endlich vermehrt in Führungspositionen in der Wirtschaft und der Politik heben soll. Bisher haben es Unternehmen, Gremien und Parteien scheinbar nicht für nötig gehalten, qualifizierte Fachfrauen zu werben, einzustellen oder auszubilden. So hatten etwa 80 Prozent aller deutschen Unternehmen 2020 keine einzige Frau im Vorstand. Dabei sind Frauen heutzutage besser qualifiziert als je zuvor: Sie sind selbstbewusst, leben unabhängig und verfügen über alle Fähigkeiten, die der Arbeitsmarkt fordert.

Von der Kaiserzeit bis zur Frauenquote

Clara Zetkin hat zu ihren Lebzeiten viel erreicht. Die 1857 geborene Sozialistin, Feministin und Pazifistin setzte sich zur Kaiserzeit für das Recht der Frauen auf Erwerbstätigkeit und für ihre gewerkschaftliche Organisierung sowie das Frauenwahlrecht ein. Auf ihre Initiative hin fand 1910 der erste Frauentag statt. Dennoch dauerte es bis 1918, dass Deutschland das Frauenwahlrecht einführte – 70 Jahre nach der Einführung des Wahlrechtes für Männer. Es folgten weitere Entwicklungsschritte, teils Jahrzehnte auseinander liegend – wie etwa 1958, als Frauen ihren Führerschein erstmals ohne Erlaubnis des Ehepartners machen durften.

Im „Gender Gap“

Heute zeigt sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern größer denn je. Insbesondere mit dem Blick auf die Pandemie ist die Aufgabenlast von Frauen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: 76 Prozent des Personals in sozialen und pflegerischen Berufen sind weiblich. Eine aktuelle Studie der Vereinten Nationen ermittelte, dass Frauen im Vergleich zu Männern weltweit etwa das Dreifache der unbezahlten Sorgearbeit leisten – das ist wertvolle Zeit, die Mädchen und Frauen nicht dafür nutzen können, sich weiterzubilden, bezahlter Arbeit nachzugehen oder Freizeitaktivitäten zu verfolgen. Der „Gender Pay Gap“, also die Differenz des durchschnittlichen Verdienstes von Frauen und Männern, liegt in Deutschland aktuell bei 19 Prozent – Arbeitnehmer verdienen damit fast ein Fünftel mehr als Arbeitnehmerinnen!

Laut einer statistischen Hochrechnung der NDR Sendung Extra 3 braucht die Bundesrepublik noch rund 200 Jahre bis zur Gleichstellung, wenn wir im gewohnten Tempo weiter diskutieren und Forderungen nachkommen. Der Weg ist also noch lang und in diesem Fall auch nicht als „Ziel“ zu sehen.

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