DAS JUNGE GENIE

Als der österreichische Maler Egon Schiele am 31. Oktober 1918 im Alter von nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe in Wien starb, verlor die Kunstwelt ein frühreifes Jahrhundertgenie, das in nur wenigen Jahren ab 1906 bis zu seinem Tod ein umfangreiches und bahnbrechendes Werk geschaffen hatte. Dieses zu würdigen, daran machte sich in einer gut zwanzigjährigen Arbeit Rudolf Leopold und veröffentlichte 1972 mit seiner Monumentalmonografie „Egon Schiele – Gemälde • Aquarelle • Zeichnungen“ ein Standardwerk der Schiele-Rezeption.
Nun gibt es von dem längst vergriffenen Buch eine Neuauflage. Wie sein zeitgenössischer Landmann Georg Trakl (1887-1914), dessen Gesamtwerk ebenfalls gerade verdienstvollerweise wieder zugänglich gemacht wurde (Georg Trakl: Dichtungen und Briefe, Otto Müller Verlag), in der Literatur ist Egon Schiele (1890-1918) in der bildenden Kunst ein absoluter Solitär seiner Zeit. Sein dem Expressionismus zugehöriges OEuvre ist in seiner ungeschminkten Offenheit und Präsentation purer Nacktheit wohl ähnlich verstörend und zugleich faszinierend wie das von Lucien Freud (1922-2011), indessen seine bunten Häuseransichten schon auf Künstler wie Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) vorauszudeuten scheinen. Schieles Porträts wiederum weisen ebenfalls seinen ganz eigenen, so unverblümten Stil auf. Rudolf Leopold präsentiert in seinem fulminanten Buch minutiös das Gesamtwerk Egon Schieles, erläutert die einzelnen Bilder kenntnisreich und legt auch die Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten untereinander offen, was sehr aufschlussreich und erhellend ist. Absolut lesenswert sind auch Leopolds Ausführungen zum Lebenslauf des Künstlers sowie sein kritisches Werkverzeichnis.
Zentral sind bei allem natürlich die Bilder des Künstlers, die in vorzüglichen großformatigen Abbildungen wiedergegeben sind und zum ausgiebigen Betrachten einladen.

Egon Schiele – Selbstbildnis mit schwarzem Tongefäß, 1911
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