Zur Jahresmitte

von Stephan Opitz

Was einem auf sämtliche verfügbaren Wecker und Säcke geht, ist das von jeder Unterhaltsamkeit und auch weitgehend von Intelligenz befreite, dafür aber raumgreifende Herumgeschimpfe über dieses Land, in dem wir nun einmal leben. Denn noch nie in der deutschen Geschichte, soweit wir sie überschauen können, gibt es so lange Frieden, Rechtssicherheit, eine auch international bewunderte Verfassung und eine daraus abgeleitete Demokratie, seit Kriegsende wachsenden Wohlstand, mehr als üppige Ernährung, funktionierende medizinische Hilfe, Bildung für alle, nach wie vor halbwegs passable Infrastruktur und ziemlich gute Sicherheit – rundherum und geradeaus also: Ein reichlich privilegiertes Leben für die absolute Mehrzahl der Menschen, die hier leben.

Was einem auf sämtliche verfügbaren Wecker und Säcke geht, ist jedoch der raumgreifende Unwillen (in diesem Land, in dem wir nun einmal leben), wenigstens ein paar generationenübergreifende politische Beschlüsse zu fassen und umzusetzen. Kleine Aufzählung ohne thematische Hierarchie gefällig? Jede Menge Verwaltungsreformen, von Föderalismus – über Steuer – bis hin zu Baurechtsfragen, Reform der Altersversorgung, eine an Klimazielen, flächendeckender Mobilität und komfortabler Vermeidung von allzu viel Autoverkehr und nicht an einzelnen Schnellfahrzielen orientierte Bahnreform, eine Beschlusslage für die Bundeswehr, die nach 2% vom Bruttosozialprodukt schreit, sondern politische Ziele für das Militär formuliert, politisch beschließt und dann militärisch –administrativ – wirtschaftlich umsetzt, ein bundesweit einheitliches und gediegene Standards setzendes Bildungssystem, das allen gleiche Zugänge gewährt, einen nüchternen, gerade in Deutschland sehr geschichtsbewußten und verfassungskonformen, dabei absolut rechtssicheren Umgang mit dem Asylrecht, in allen öffentlichen Debatten keine Dauerverwechslungen von Moral und Recht und unter gar keinen Umständen zunehmenden Antisemitismus (diesbezüglich hat Deutschland seinen weltgeschichtlichen Teil bereits überreichlich abgeliefert!) – das wären doch schon ein paar Dinge, deren Geschlechtsreife wir alle gern erleben würden. Das Ganze dann noch im Verein mit einer Moral und Haltung von uns allen, die der Kohleanhäufung keine Altäre errichtet und das neueste Handy nicht mit einer Gottheit verwechselt. Denn einen aufrechten Gang und klaren Verstand kriegt man nicht per App geliefert.

Wäre das was? Nur mal so als Anfang? Tja, das liegt an uns. Schließlich sind wir diejenigen, die über uns zu verhandeln haben. Jeden Tag. Auch nach der Halbzeit 2018. Und erstmal in einem hoffentlich wunderbaren Sommer.