Weil so schöner Sommer ist – etwas über die Räusche

von Stephan Opitz

Zwischen dem Fliegenpilzsud der „ollen Germanen“ oder Slawen und aus Trauben gekeltertem Wein besteht kulinarisch-rauschmäßig sicher einer der größten und folgenreichsten Unterschiede der Kulturgeschichte. Daher gibt es einen Weingott, aber noch nie hat man etwas von einer Fliegenpilzgöttin oder einem Opiumaltar gehört. Geschweige denn von einem Gott, der auf den Namen Doppelkorn hört.

Ohne Rausch und Räusche wäre die Weltgeschichte sicherlich anders verlaufen – die mit Alkohol erzielten überwiegen. Sich mit Wein zu berauschen, ist kulturell erheblich positiver konnotiert, als sich mit Schnaps zu bedudeln. Tabuisiert und verboten sind in unserem Kulturkreis durch Opiate oder Cannabis gestützte Räusche. Das ist deswegen interessant (und begrüßenswert), weil der Wein das einzige auch für Rauscherzeugung geeignete Getränk auf der Welt ist, welches eine vollkommene Verbindung mit Speisen eingehen kann. Brot und Wein sind Lebensgrundlage schönster Geselligkeit, Brot und Wein transportieren die Botschaft einer großen Weltreligion, des Christentums.

Diese Verbindung geht anderen Rauschmitteln ab

Das Essen adelt den Wein, der Wein veredelt das Essen. Im Wein ist Alkohol – der ist, wie übrigens auch das Fett, ein idealer Geschmacksträger. Das ist ein bisschen bedauerlich, denn so sind dem Weingenuss körperliche Grenzen gesetzt – 5 l Wasser pro Tag können noch gesund sein, 5 Flaschen Wein nicht. Wenn es gut geht, erzeugt der Rausch leichtes, glimmerndes Anderssein und Kreativität – Räusche gehen sehr selten gut. Der kollektive Alkoholpegel steigt in Deutschland und Europa, über alle Alters- und Klassenschranken hinweg, die Zunahme von Alkoholismus als Krankheit ist kein Spaß. Die Maß erfanden zwar die Bayern – aber das rechte Maß im Umgang mit allen Lüsten, Räuschen, Begierden definierten die Griechen, die den Weingott, übrigens auch uralter Schutzpatron des Theaters, erfanden.

Der Wein birgt alles in sich, Rausch und Geschmack, Nüchternheit und Entrückung, Genuss und Absturz, Klarheit und Kater. Seine Macht lässt sich an der Kultur- und Sozialgeschichte Europas ablesen, sein Siegeszug um die Welt kann in jedem Supermarkt überprüft werden. Der Rausch ist, für sich genommen, weder positiv noch negativ. Es kommt auf die Umstände und Zutaten an, wie beim Kochen auch. Und die kann jeder beeinflussen. Für oder gegen sich, gut oder schlecht für Körper und Seele. Nein, kein Prost, sondern ein Hoch auf den Sommer. Das kann man prima mit einem kühlen Glas Wein ausbringen.