Was heißt hier eigentlich sozial?

von Stephan Opitz

Hat irgendjemand etwas gegen das Adjektiv ‚sozial‘ vorzubringen? Sicher eher nicht – ich aber in genau einem Fall allmählich ziemlich massiv. Der Fall, der Zusammenhang: Soziale Netzwerke.

Wer ist eigentlich auf die ebenso grandiose wie widerwärtige Idee gekommen, kommerzielle Internetforen als ‚Soziale Netzwerke‘ zu definieren und mit ihnen absolut schamfrei Daten all derer abzugreifen, die sich dort rumtreiben, weil sie glauben, sie gehörten zu irgendetwas irgendwie nicht dazu, wenn sie nicht in diesen Foren Mitglied wären? Nochmals: Was ist an dem ganzen Kram sozial außer der Tatsache, dass man jedes Auftreten und Agieren von mehr als einem Individuum unserer Spezies als ‚soziales Phänomen‘ beschreiben kann?

Neulich hat der Justizminister (na der Mann der Schleswiger Kommissarin, Sie wissen schon) ein Gesetz durchgebracht (und dafür muss und darf man ihn sehr loben), welches regelt, dass die milliardenschweren Inhaber und Chefs von ‚sozialen Netzwerken‘ durchaus dafür bestraft werden können, wenn sich in jenen Schmähungen und Bedrohungen justiziabler Art wiederfinden, die – das ist ja inzwischen eher die Regel denn die Ausnahme – anonym formuliert und publiziert wurden. Die Feigheit der anonymen Schmäher, Bedroher und widerlich Rumquatschenden ist das eine – das andere ist der Platz, der jenen zur Verfügung gestellt wird: Einfach dadurch, dass irgendwelche Zuckerbergs & Co. Geld dadurch scheffeln, dass sie mit Platz im Netz handeln, auf dem jeder/jede mit praktisch keinem geistigen oder materiellen Aufwand preisgeben kann, was ihm/ihr gerade so durch die Rübe rauscht.

Der Justizminister, nochmals, ist zu loben – auf der anderen Seite ABER: Wer zwingt uns eigentlich, diesen Blödsinn, diesen verschärft onanistischen Exhibitionismus überhaupt zu treiben? Nein, von wegen, keine Internetablehnung oder gar – verteufelung, aber wer – zum Teufel – zwingt eigentlich z.B. diese ganzen idiotischen Eltern, Bilder ihrer ihnen anvertrauten Kinder millionenfach ins Netz zu stellen, Zuckerberg & Co damit Geld verdienen zu lassen und sich dann zu wundern und zu Papa Staat gelaufen zu kommen, wenn irgendwelche Bosnickel die niedlichen Kleinen ausspionieren und anmachen oder noch Schlimmeres anstellen wollen?

It’s you, stupid – Du bist es selbst, Blödmann: Da haben die Amis eine prima Formulierung für genau solche Fälle. Raus aus dem Netz als Entblößungsbude und rein ins Netz, um an der vermutlich wichtigsten kulturellen Umwälzung seit Erfindung der Buchdruckkunst teilzuhaben. Und bitte nie wieder von ‚sozialen Netzwerken‘ sprechen. Und ich hör jetzt auf zu schimpfen – es ist ja Mai und wir haben eigentlich besseres zu tun.

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