… und nur das Weibliche ziert die Frauen

Fanny Mendelssohn Bartholdy im Schatten ihres Bruders Felix

Fanny Mendelssohn auf einer Porträt Zeichnung von ihrem späteren Gatten Wilhelm Hensel.

Fanny Mendelssohn Bartholdy (1805-1847) war musikalisch hoch begabt, aber im Gegensatz zu ihrem Bruder Felix war es ihr nicht vergönnt, zu Weltruhm zu gelangen. In ihren Kreisen war es im 19. Jahrhundert nicht „schicklich“, dass eine Frau einen Beruf hatte und womöglich als Komponistin Geld verdiente.

Die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn wuchsen in der Nähe der Hamburger Michaeliskirche, also ganz in der Nähe des heutigen Komponisten Quartiers, auf. Als Kinder von Lea Salomon und Abraham Mendelssohn waren sie Enkel der aus Hamburg stammenden und in Altona begrabenen Kaufmannstochter Fromet Gugenheim und des berühmten Philosophen Moses Mendelssohn.

„Du musst dich ernster und emsiger zu deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.“

In Hamburg verbrachten die Geschwister ihre ersten Lebensjahre, bevor die Bankiersfamilie aus der von napoleonischen Truppen besetzten Hansestadt nach Berlin floh.
Bereits im Alter von 13 Jahren trug Fanny zum Geburtstag ihres Vaters 24 Präludien aus dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach auswendig vor. Sie erhielt ab 1819 den gleichen Kompositions- und Tonsatzunterricht wie ihr Bruder und schrieb, wie er, erste Kompositionen. Ihr Vater hatte ihr musikalisches Talent erkannt und sorgfältig ausbilden lassen. Das Klavier spielte sie „wie ein Mann“, urteilte ihr Lehrer Carl Friedrich Zelter, und Adolf Marx behauptete in seinen Erinnerungen, sie übertreffe Felix „an Zartheit und an Reife der Gestaltungskunst“.

„Beharre in dieser Gesinnung und diesem Betragen, sie sind weiblich, und nur das Weibliche ziert die Frauen.“

Abraham Mendelssohn Bartholdy, der sich sonst sehr weltoffen gab, schrieb aus Frankreich an seine fünfzehnjährige Tochter: „Was Du mir über dein musikalisches Treiben im Verhältnis zu Felix geschrieben hast, war eben so wohl gedacht, als ausgedrückt. Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für dich stets nur Zierde, niemals Grundbass deines Seins und Tuns werden kann und soll.“

Anlässlich ihres dreiundzwanzigsten Geburtstags wurde Fanny von ihrem Vater ermahnt: „Du bist gut in Sinn und Gemüt. Aber du kannst noch besser werden! Du musst Dich mehr zusammennehmen, mehr sammeln, du musst dich ernster und emsiger zu deinem eigentlichen Beruf, zum einzigen Beruf eines Mädchens, zur Hausfrau bilden.“ Bei einem Familienfreund beschwert sich Fanny ein Jahr später:

„Dass man übrigens seine elende Weibsnatur, jeden Tag, auf jedem Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekömmt, ist ein Punkt, der einen in Wut und somit um die Weiblichkeit bringen könnte.“

Zwischen Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy entstand im Laufe ihres Lebens eine überaus enge geschwisterliche Beziehung. Sie wurde gelegentlich mit denen von Zwillingen verglichen. Das änderte sich auch nicht, als Fanny sich mit dem Berliner Porträt- und Historienmaler Wilhelm Hensel verlobt hatte. In ihrem Tagebuch hatte sie schon 1822 zusammengefasst, was sie nach ihrer Meinung ihrem jüngeren Bruder bedeutete: „Bis zu diesem Zeitpunkt besitze ich sein uneingeschränktes Vertrauen. Ich habe selbst gewissermaßen zu seiner Ausbildung beigetragen. Er sendet nie einen Gedanken aufs Papier, ohne ihn mir vorher zur Prüfung vorgelegt zu haben.“ Sie war bereits als Dreizehnjährige seine Mentorin und legte ein erstes Verzeichnis seiner Kompositionen an. Aber sie schwankte sehr in der Bewertung ihrer eigenen Arbeit.

Porträt der Fanny Hensel nach einem Ölgemälde des Malers Moritz Daniel Oppenheim aus dem Jahr 1842.

Felix Mendelssohn seinerseits lobte später ihre Kompositionen und ihr Klavierspiel, aber eine Veröffentlichung ihrer Werke lehnte er strikt ab. Stattdessen ließ er einige ihrer Lieder in seinen Liedersammlungen drucken, ohne sie als Autorin zu erwähnen. Sogar als seine Mutter ihn gebeten hatte, Fanny zur Herausgabe ihrer Kompositionen zu ermuntern, antwortete er klar und deutlich: „Aber ihr zureden, etwas zu publizieren, kann ich nicht, weil es gegen meine Ansicht und Überzeugung ist.“ Angeblich wollte er sie vor Kritikern schützen. Ihm entging, dass sie sich Öffentlichkeit wünschte. 1843 schreibt sie an Musikverleger Hans Hauser: „Ein Dilettant ist schon ein schreckliches Geschöpf, ein weiblicher Autor ein noch schrecklicheres, wenn aber beides sich in einer Person vereinigt, wird natürlich das allerschrecklichste Wesen daraus.“

Fanny Hensel hatte nicht die Kraft, sich durchzusetzen. Selbst als sie 1838 anlässlich eines Wohltätigkeitskonzertes ein einziges Mal in der Öffentlichkeit auftrat, spielte sie keine eigene Komposition, sondern das Klavierkonzert Nr. 1 in g-moll op. 25 ihres geliebten Bruders Felix.

„Ein Dilettant ist schon ein schreckliches Geschöpf, ein weiblicher Autor ein noch schrecklicheres, wenn aber beides sich in einer Person vereinigt, wird natürlich das allerschrecklichste Wesen daraus.“

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