Trampen 2.0 I Mobil mit der Mitfahrbank

Von Hanna Wendler

Wie komme ich ohne Auto, Bus oder Fahrrad von Neumünster nach Groß Kummerfeld? In knapp einer Stunde habe ich dort einen Termin und mache die Probe aufs Exempel: Im Störpark Neumünster nehme ich noch etwas unsicher auf der Mitfahrbank Platz. Das Hinweisschild habe ich in Richtung Groß Kummerfeld umgeklappt. Keine zehn Minuten später hält ein Wagen und nimmt mich mit. Früher als erhofft bin ich an meinem Ziel und treffe dort Anke Pawlik, die Initiatorin des Grundes für meinen Praxistext. Sie hat gemeinsam mit dem Seniorenbeirat in Groß Kummerfeld die Mitfahrbänke ins Leben gerufen.

Wer wie ich kein Auto besitzt, der ist im ländlichen Raum schnell eingeschränkt. Das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ist gerade hier meist eher dünn gewebt, die Busse beschränken sich oft auf den Schulverkehr. Wenn die Entfernung für das Fahrrad zu weit oder beschwerlich ist, dann ist man aufgeschmissen. „Vor allem für die älteren Mitglieder unserer Gemeinde wird der Besuch beim Arzt, einkaufen oder einfach nur einen Kaffee trinken gehen zum logistischen Problem“, erzählt Anke Pawlik. Die Gemeinde besteht aus den vier Ortsteilen Groß Kummefeld, Klein Kummefeld, Kleinkummerfeld-Bahnhof und Willingrade. Die weit auseinanderliegenden Ortsteile stellen für Busverbindungen eine besondere Herausforderung dar. Vor allem in die nächstgrößeren Orte Neumünster und Bad Segeberg sind die Verbindungen spärlich.

Kreative Lösung
Ein Fernsehbeitrag weckt Anke Pawliks Aufmerksamkeit: ein Bericht über die Erfinder der Mitfahrbank in der Gemeinde Speicher in Rheinland-Pfalz. „Das ist genau das Richtige für uns“, stellt Anke Pawlik fest, „eine kreative und zugleich einfache Lösung.“ Die Mitfahrbänke verbreiten sich seit 2014 allmählich im gesamten Bundesgebiet, auch hier bei uns im Norden.

Die Idee ist ebenso simpel wie bestechend: Eine herkömmliche Parkbank wird als Mitfahrbank gekennzeichnet. Über umklappbare Hinweisschilder kann man den vorbeifahrenden Autos signalisieren, in welche Richtung man gerne möchte. Dann muss man sich nur noch hinsetzen und warten, dass einen jemand mitnimmt.

Groß Kummerfeld macht mobil
Als Vorsitzende des Seniorenbeirates beantragt Anke Pawlik die Einsetzung von Mitfahrbänken beim Gemeinderat. Der Antrag findet regen Anklang und wird einstimmig angenommen. Im November des vergangenen Jahres werden die Mitfahrbänke offiziell eingeweiht. Vier Bänke sollen die Mobilität nun erleichtern: Sie stehen in Groß Kummerfeld an der Ecke Hauptstraße/Birkenallee, in Kleinkummerfeld an der Segeberger Chaussee und am Bahnhof sowie in Willingrade in der Dorfstraße. Die Gegenbank befindet sich im Störpark Neumünster. Für Rückfahrten dient sie als Sammelpunkt. Für mich war sie Ausgangspunkt meines Praxistestes.
„Die Mitfahrbänke sind kein Ersatz für den Nahverkehr“, sagt Anke Pawlik, „sie sind ein niedrigschwelliges Ergänzungsangebot. Es ist im Grunde spontane und gelebte Nachbarschaftshilfe.“

Wenig Aufwand, große Wirkung
Der Aufwand und die Kosten sind verhältnismäßig gering. Rund 600 Euro kostet eine einzelne Bank, auch bereits vorhandene Parkbänke können einfach umfunktioniert werden. In der Region Flensburg fördert das Bundesumweltministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative die Aufstellung von Mitfahrbänken. Auch die Gewinnung von Sponsoren kann die Finanzierung erleichtern.
Bei der Auswahl des geeigneten Ortes stellen sich folgende Fragen erklärt Anke Pawlik: „Welche zentralen Orte sind für die Bewohner wichtig, welche Zielorte möchten sie erreichen? Der Platz sollte frei einsehbar sein, sodass die Mitfahrenden gut zu erkennen sind und Autos sicher halten können.“

Prof. Dr. Wolfgang Streit testet die Mitfahrbank in Speicher. Fotos: Ursula Berrens

Und was das Thema Sicherheit angeht: Hier gilt es auf das eigene Urteilsvermögen zu vertrauen. Als Fahrerin oder Fahrer entscheidet man selbst, wen man mitnehmen will. Dasselbe gilt aber auch für die Mitfahrenden. Frauen können zum Beispiel entscheiden, dass sie nur bei anderen Autofahrerinnen einsteigen. Und für Jugendliche ist ein Mindestalter ab 16 Jahren empfehlenswert.
Wegen der Versicherung muss man sich übrigens keine Sorgen machen. Für die private Mitnahme ist kein zusätzlicher Versicherungsschutz notwendig, das deckt die Haftpflichtversicherung ab.

Die Mitfahrbänke leben davon, dass sie bekannt sind. Halten Sie also demnächst einfach mal die Augen offen, wenn Sie in Ihrer Umgebung unterwegs sind. Gemeinsam unterwegs zu sein, ist doch sowieso viel unterhaltsamer. Vielleicht nehmen Sie mich dann sogar zu meinem nächsten Rechercheziel für die Lebensart mit?