Sternstunden im Stadtpark – Planetarium Hamburg

von Nicoline Haas

Nach 1,5 Jahren Umbauzeit ist das Planetarium Hamburg deutlich größer und schöner geworden – und die Technik im Sternensaal auf dem neuesten Stand. Die 360-Grad-Shows sind wie immer ein Erlebnis: Spektakulärer kann man Wissen über unseren Kosmos nicht vermitteln.

Die Zuschauer machen es sich in den Liegesesseln bequem, das Tuscheln verstummt, letzte Handy-Displays werden ausgeschaltet, und alles guckt erwartungsvoll zur Deckenkuppel. Eine 360-Grad-Projektion simuliert den Blick auf Hamburg von der 45 Meter hohen Aussichtsplattform des Planetariums im Winterhuder Stadtpark. Mit leiser Instrumentalmusik setzt die Dämmerung ein, Häuser und Bäume verschwinden, der Mond geht auf, und erste Sterne glitzern am Himmel. Aus dem Off ertönt die ruhige Stimme des Planetariums-Direktors Thomas W. Kraupe, der sein Publikum auf eine Reise durch die Nacht des 13./14. April mitnehmen und ihm den „Himmel über Hamburg“ erklären wird. Leider ist der nächtliche Großstadthimmel durch die vielen künstlichen Lichter stark aufgehellt, die meisten Sterne werden schlichtweg „verschluckt“. Schwacher Trost: So können sich auch ungeübte Sternengucker am Himmel orientieren. In klaren Nächten stets gut sichtbar sind unter anderen die sieben Sterne des „Großen Wagens“, die zum Sternbild „Großer Bär“ gehören. Der Direktor erklärt, was schon die Seefahrer der Antike zu nutzen wussten: „Wenn man die hinteren beiden Kastensterne verbindet und diese Linie verlängert, trifft man auf den Polarstern, der uns die Nordrichtung weist. Er zählt wie die Wagensterne zu den zirkumpolaren Sternen, die von der Nordhalbkugel aus ganzjährig zu sehen sind. Auf der Südhalbkugel sieht man sie dagegen nie.“

Technik der Superlative

Kraupes Vortrag ist ausverkauft, wie immer, aber auch viele andere Veranstaltungen werden aktuell stürmisch besucht – schließlich mussten die Hamburger 1,5 Jahre auf ihr Planetarium verzichten. Nach der Wiedereröffnung im Februar erstrahlt das vergrößerte Sternentheater im Wasserturm in neuem Glanz (siehe „Der Umbau“), und die Saaltechnik gehört zu den modernsten der Welt. Beispielsweise sorgen LEDs für farbige Lichtstimmungen und Effekte: von der romantischen Abenddämmerung über Blitze kosmischer Kollisionen bis hin zu poppigen Disco-Spots. Der Kosmos-Simulator „Digistar 6“ erzeugt mit einem Cluster aus 20 Grafik-Computern dreidimensionale Bilder in ultra-hochauflösender 8K-Darstellung, viermal heller und schärfer als bisher. Zusammen mit dem Surround-Sound aus 70 Lautsprechern wähnt man sich mitten im Geschehen, und das kann bei Vulkanausbrüchen oder einer Simulation des Urknalls ziemlich aufregend werden …
Doch zurück zum beschaulichen „Himmel über Hamburg“: Der Mathematiker und Physiker bedient am Computerpult das „Universarium“ mit dem kugelförmigen „Starball“ von Zeiss. Der Projektor bildet unsere Galaxie täuschend echt ab. Dabei kommen zwei starke LED-Lampen zum Einsatz, und jeder Stern wird über eine einzelne Glasfaser zum Strahlen gebracht. Separate Projektoren lassen Sonne, Mond und Planeten über die Kuppel wandeln.

Jupiter aus der „Nähe“ betrachtet

Um den Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht zu zeigen, reist Kraupe nun raus aufs finstere Land – er blendet das störende Streulicht aus, und auf einmal glitzern abertausende Diamanten am Himmel. „Wow!“ und „Aah!“, jubeln die Zuschauer. Kraupe macht sie mit den bekanntesten und größten Sternbildern vertraut. „Die Himmelshitliste führen an: Die Wasserschlange, die Jungfrau und der Große Bär.“ 88 Sternbilder wurden in den 1920er-Jahren von der IAU verbindlich festgelegt – der Himmel ist quasi in Bezirke eingeteilt, in Raumwinkelbereiche, in die man schaut. Ordnung muss sein.
In der Nähe des Mondes zeigt sich in dieser Aprilnacht ein sehr heller Lichtpunkt: „Kein Stern, sondern ein Planet: der Jupiter“, klärt Kraupe auf. „Er ist ein Gas-Riese, rund 12-mal so groß wie die Erde und aktuell ,nur‘ 666 Millionen Kilometer von uns entfernt.“ Der Astronom blendet Fotos vom Jupiter ein, die das Teleskop „Hubble“ gemacht hat: Die Kugel ist horizontal gestreift. „Die hellen Bänder sind Wolken, vermutlich mit hohen Konzentrationen des Moleküls Ammoniak“, erklärt Kraupe. „Und sehen Sie diese orangeroten Kreise?“, fragt er, „das sind 600 Stundenkilometer starke Wirbelstürme!“
Am Ende wechselt der Astronom nochmal die Perspektive: Tschüs Erde, auf ins All! Die Spannung steigt, und manche, die in ihrem Sessel müde geworden waren, wachen jetzt ruckartig auf. Von Weltraum aus erkennt man zum Beispiel, wie viele Satelliten unseren Planeten umkreisen. Nach einem Flug zum Jupiter und seinen Monden geht es rasend zurück zur Erde mit einer Punktlandung auf dem Dach des Planetariums.

Das Showprogramm

Das Sternentheater macht Programm für kleine und große Gäste, für Hobby-Astronomen ebenso wie für Erlebnisorientierte. Kinder fliegen zum Beispiel mit dem wissbegierigen Eisbären „Polaris“ durchs All oder erkunden mit Glühwürmchen Mike und Marienkäfer Doloris „Das Geheimnis der Bäume“. Shows wie „Sonnenstürme – Spektakuläre Gewalten im All“ verbinden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse mit großartigen Bild- und Klangwelten. Daneben gibt es Musikshows wie „The Cosmic Wall“ über Pink Floyd, und sehr begehrt sind die Live-Acts, etwa mit der Pianistin Ann-Helena Schlüter oder dem DJ Raphaël Marionneau. Das ist aber längst noch nicht alles. An dieser Stelle also nur ein klitzekleiner Vorgeschmack auf drei Events:

„Aurora“ – Im Reich der Polarlichter: Das tanzende neonfarbene Polarlicht im Norden (Aurora Borealis) und Süden (Aurora Australis) übertrifft jede von Menschen und Computern gemachte Show. Wenn aber Aurora-Filmaufnahmen von den Hightech-Geräten des Planetariums an die Kuppel projiziert werden, kommt dies einer Live-Beobachtung schon ziemlich nahe! Der koreanische Astrofotograf Kwon O Chul hat das Naturschauspiel mit ultra-hochempfindlicher Kameratechnik in Echtzeit festgehalten – von der Erde aus und von der Raumstation ISS. Er zeigt außerdem, wie Polarlichter erforscht werden und wie sie überhaupt entstehen (grob gesagt: infolge von Sonnenwinden durch den Aufprall von Teilchen auf die schützende Magnetosphäre der Erde). Auch die Völker der Arktis sowie Legenden und Mythen rund um die Himmelserscheinungen sind Thema.

Wir sind Sterne“ – Zurück zum Ursprung: Diese Reise durch Raum und Zeit bringt das Gehirn zum Glühen. Wer schon länger aus der Schule raus ist und nichts mit Chemie und Physik am Hut hat, kommt irgendwann nicht mehr mit … Egal, dann lässt man sich eben von den mal fotorealistischen, mal Comic-artigen Animationen verzaubern. Und das in schwindelerregendem 3D! Also, Brille auf und aufgepasst: Ein Zirkusdirektor auf dem Jahrmarkt (mitreißend gesprochen von Bastian Pastewka) scharrt eine Menschenmenge um sich: „Wussten Sie, dass wir alle aus dem Staub von Sternen bestehen?“, fragt er. Zum Beweis wirft er seine magische Zeitmaschine an, mit der man 13,8 Milliarden Jahre zurückreisen kann: „Das Weltall ist unglaublich heiß, alle Energie dicht zusammengedrängt an einem einzigen Punkt“, erzählt der Zirkusdirektor. „Plötzlich dehnt sich das Universum aus mit einem Knall, dem Urknall! Es verwandelt sich in eine dichte Suppe aus subatomaren Teilchen. Energie kondensiert zu den Bausteinen unseres heutigen Weltalls. Elektronen, Neu­tronen und Protonen.“
Es wird noch komplizierter, zum Beispiel, wenn es um die Kernfusion und den Bau der Elemente im Inneren der Sterne geht. Die freigesetzte Energie bringt die Sterne zum Leuchten. Am Ende seines Lebens explodiert ein Stern, das nennt man Supernova. In Wolken aus Sternen­trümmern bildeten sich nach Milliarden Jahren die ersten Moleküle (wie H2O, aus dem wir hauptsächlich bestehen, und CO2, das wir ausatmen) – und irgendwann entstanden aus Gas und Staub die Planeten unseres Sonnensystems. Untertrieben gesagt, sah es anfangs sehr ungemütlich auf der Erde aus. Das tosende Urmeer lässt die Zuschauer frösteln. Umso wunderbarer sind die Sequenzen, die den Beginn des Lebens zeigen. Nun breitet sich der Baum des Lebens aus, von den ersten Zellen über Würmer und Fische, über Dinosaurier und kleine Säugetiere bis hin zum Menschen. Am Ende sollte jedem klar sein, woraus wir gemacht sind, auch wenn es unglaublich erscheint.

„Lichtmond“ – Eintauchen in Traumwelten: Hier kann das Denkorgan ruhig ausruhen, diese Show entführt in poetische Fantasiewelten. Man begibt sich auf einen höchst sonderbaren Trip ganz ohne psychoaktive Substanzen. In der dritten „Lichtmond“-Produktion „Days of Eternity“ geht es um den Planeten „Chronos“, auf dem die Zeit entsteht und vergeht. Das Kunstwerk wurde von den Soundarchitekten Giorgio und Martin Koppehele zusammen mit dem Visual-Arts-Team des spanischen Imago-D Studios komponiert. Die musikalische Bandbreite umfasst elektronische Klänge, Rock und Ethno.

Der Umbau


Von außen wirkt der 101 Jahre alte einstige Wasserturm unverändert. Das muss er auch, denn der backsteinerne Fritz-Schumacher-Bau steht unter Denkmalschutz. Wie also gelang es, seine Nutzfläche um ganze 1200 Quadratmeter zu erweitern? Mit einer genialen Idee: Der Turm ruht auf einem sechs Meter dicken ringförmigen Betonsockel. Dieser wurde an drei Stellen durchbrochen und das Erdreich im Inneren entfernt. So gewann das Planetarium eine weitere Etage hinzu, es wurde quasi „tiefergelegt“ und ist nun ebenerdig barrierefrei zu erreichen. Neue Anbauten für das „Café Nordstern“, für Büros und weitere Räume verbergen sich unter einem halbkreisförmigen Erdhügel, der schon vorher bestand.
Indem die Bodenplatte des vormaligen Foyers kreisförmig durchbrochen wurde, entstand eine zweistöckige Halle mit luftigen acht Metern Raumhöhe. Geschwungene Treppen und ein gläserner Fahrstuhl führen hinauf zur Galerie-Ebene, von wo aus man in den Sternensaal gelangt. Endlich besitzt der Himmelspalast ein würdiges Entree!

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