Keine Angst vor der Stammzellspende!

von Ann-Kathrin Schirmer

Wie ein Schreckensgespenst spukt es vielen Menschen durch die Köpfe, die Vorstellung einer Stammzellspende. Natürlich, man tut etwas Gutes damit, rettet einem Menschen mit Leukämie im besten Fall das Leben, aber diese Bilder – von langen Nadeln, die ins Rückenmark gejagt werden, von dem schmerzhaften und langwierigen Prozedere der Stammzellenentnahme – sie lassen viele zurückschrecken und die Flucht ergreifen. Dabei wäre nur ein zweiter Blick nötig, um zu erkennen, dass es sich bei dem Gespenst eigentlich nur um ein Bettlaken im Wind handelt und eine Stammzellspende weder etwas mit dem Rückenmark zu tun hat noch schmerzhaft ist. Björn Lohmann, Anzeigenleiter der Lebensart Lübeck, hat als Spender selbst diese Erfahrung gemacht und kann alle Verunsicherten beruhigen.

Große Freude bei Björn Lohmann und Dr. Sven Ole Schuster: Die Stammzellenentnahme ist erfolgreich verlaufen.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland über 11.000 Menschen an Leukämie. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen und heißt übersetzt so viel wie „weißes Blut“, was stellvertretend für die krankhafte unkontrollierte Vermehrung der weißen Blutkörperchen im Blut steht. Hierbei handelt es sich speziell um die jugendlichen, noch funktionsuntüchtigen Vorstufen. Diese entarteten Blutkörperchen stören die normale Blutbildung im Knochenmark, verdrängen im Blutkreislauf gesunde Blutzellen aller Art und breiten sich im Körper aus. Je schneller sich die Leukämiezellen im Körper verteilen, umso schneller schreitet die Krankheit voran. Man unterscheidet verschiedene Arten von Leukämie, die entweder chronisch oder akut verlaufen können. Für viele Leukämie-Patienten ist die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung nicht ausreichend. Die Transplantation gesunder Stammzellen durch einen Spender ist dann für sie die einzige Hoffnung.

Heutzutage erfolgt die Registrierung ganz einfach mit einem Wattestäbchen. (Foto: © Patric Fouad)

Hoffnung auf Leben

Erst wenn man selbst betroffen ist, kann man wohl verstehen, wie es sein muss, mit aller Kraft auf diese eine Person zu hoffen, den „genetischen Zwilling“, der ein Leben retten kann – und das auf so einfache Weise. Das kann Björn Lohmann von der Lebensart
Lübeck bestätigen. Als regelmäßiger Blutspender ließ er sich irgendwann auch als Stammzellspender registrieren. Das Thema war längst vergessen, bis er Ende Januar einen Anruf von der Bereichsleiterin des Instituts für Transfusionsmedizin des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Frau Dr. med. Dagmar Steppat, bekam, dass er möglicherweise als Stammzellspender in Frage komme.

Wenige Wochen später, nach einer Kontrolltypisierung seines Blutes, dann die Bestätigung: Es gibt einen Patienten irgendwo auf der Welt, der seine Stammzellen benötigt. Diese Wahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu mehreren Millionen, denn Patient und Spender müssen die gleichen HLA-Gewebemerkmale (HLA = Humane [menschliche] Leukozyten Antigene) aufweisen, sprich genetische Zwillinge sein. „Das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Björn Lohmann lächelnd, „nur dass man kein Geld erhält, sondern ein Leben rettet.“

Laut der Deutschen Krebsgesellschaft erkranken pro Jahr etwas mehr als 11.400 Menschen an Leukämien, darunter etwa 600 Kinder. Leukämie ist die häufigste Krebserkrankung in der Altersgruppe von Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren. Es treten in diesem Alter meist die akuten Formen der Leukämie auf. Das Erkrankungsrisiko für Leukämien sinkt bei Kindern mit zunehmendem Alter und nimmt etwa ab dem 30. Lebensjahr wieder kontinuierlich zu. Die Überlebensprognose bei Leukämien hängt von der Krankheitsform und vom Diagnosealter ab: Sie ist mit Abstand am günstigsten für die Leukämieformen im Kindesalter. In Deutschland überleben durchschnittlich etwa 80 Prozent der betroffenen Kinder und rund 50 Prozent der Erwachsenen Leukämie.

Vorbereitungen zur Spende

Als er nach einem umfassenden Aufklärungsgespräch, einem kompletten Rundumcheck und der „Mobilisierung“, bei der dem Spender die letzten vier bis fünf Tage vor der Blutstammzellentnahme ein Wachstumsfaktor gespritzt wird, der die Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut spült, am 23. Oktober morgens vor dem Dr. Mildred Scheel Haus am UKSH Kiel steht, ist er so aufgeregt wie selten zuvor. In wenigen Minuten werden ihm Stammzellen entnommen. Gesunde Stammzellen, auf die der Patient so sehnlich gehofft hat.

So läuft es wirklich ab

Es gibt zwei Arten, Stammzellen zu gewinnen: die klassische Knochenmarkspende, bei der dem Spender unter Vollnarkose Stammzellen aus dem Beckenkamm entnommen werden oder die periphere Stammzellspende mittels eines speziellen Entnahmeverfahrens ähnlich einer Blutspende. Dieses Verfahren hat sich durchgesetzt und wird in den meisten Fällen gewählt. Der Ablauf der Stammzellspende gleicht dem einer Dialyse. In einem ständigen Kreislauf wird das Blut aus einer Armvene in einen Zellseparator geleitet und über die andere Armvene wieder zurückgeführt. Bei jedem Durchgang werden in dem Zellseparator Stammzellen aus dem Blut herausgesammelt. Währenddessen wird man von Pflegern umsorgt, bekommt Essen gereicht und kann entspannt Fernsehen schauen. Nach wenigen Stunden ist die Stammzellgewinnung abgeschlossen.
Weder bei der Knochenmarkspende noch bei der peripheren Stammzellspende werden Zellen aus dem Rückenmark entnommen. Beide Verfahren laufen schmerzfrei ab und sind innerhalb weniger Stunden abgeschlossen.

„Leukämie kann jeden treffen“

Als Björn Lohmann das Krankenhaus wieder verlässt, durchströmen ihn Glücksgefühle. Es ist alles bestens gelaufen, die benötigte Stammzellmenge konnte in einer Sitzung gewonnen werden. Was er als Spender aus dieser Erfahrung mitgenommen hat? „Dankbarkeit, dass es mir und meinen Liebsten gut geht, und Demut. Leukämie kann jeden treffen und dann wünscht man sich, dass möglichst viele Menschen als Stammzellspender registriert sind, um den einen genetischen Zwilling zu finden, der einem das Leben retten kann.“

Mögliche Kontaktaufnahme

Spender und Patienten haben die Möglichkeit, sich zwei Jahre nach der Spende kennenzulernen, wenn beide damit einverstanden sind. Björn Lohmann hat sich erst einmal dagegen entschieden. „Ich finde die Vorstellung schön, dass der Patient wieder gesund ist und bei jedem Menschen, der ihm begegnet, denkt, das könnte mein Spender gewesen sein.“ So gehe man gleich viel positiver durchs Leben und empfinde allgemein ein Gefühl der Dankbarkeit, so Lohmann. „Wieso nur einem Menschen dankbar sein, wenn theoretisch jeder der Spender gewesen sein könnte?“

 

Beim Zentralen Knochenmarkspender-Register (ZKRD) laufen alle Daten der verschiedenen Spenderdateien zusammen. Wer sich als Stammzellspender registrieren lassen möchte, findet auf der Internetseite www.zkrd.de eine Übersicht der in Deutschland tätigen Spenderdateien.

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