Jackenfunktionen

von Stephan Opitz

Zu den nicht befragten (das heißt heute übrigens eigentlich: hinterfragen, nur „fragen“ reicht nicht) wie ebenso bisher nicht erläuterten Phänomenen der neuen Kleiderwelten zählt die Bezeichnung eines Anoraks oder vergleichbarer Kleidungsstücke, die nun jahreszeitlich bedingt endgültig leider wieder vermehrt angezogen werden müssen, als „Funktionsjacke“. Wer oder was meint damit wen oder was?

Wir fangen ganz einfach an – Funktionsjacke ist ein Verbalkompositum mit „Jacke“ als Determinatum, als „Bestimmtes“ und „Funktion(s)“ als Determinans, also Bestimmendem, mithin eine Jacke, die eine Funktion hat (das sog. Fugen-s zwischen Funktion und Jacke, dat krieje mer später, würde es in der Feuerzangenbowle heißen). Gehen wir zu weit in der Feststellung, dass mit diesem simplen linguistischen, Unterabteilung Wortbildungslehre, Befund eine, und zwar sehr zentrale Frage himmelhoch ragt: Welche Jacke hat eigentlich keine Funktion?

Raiffeisensmoking und Friesennerz

Das Tweedsakko und der unerklärlicherweise auch in schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskreisen anzutreffende alpenländische Trachtenjanker („Raiffeisensmoking“), ebenso der Parka und der Anorak, die feierabendlich-bierbegleitende Strickjacke und ihr Bruder, der schalbekragte Cardigan, das Smoking- und das Dinnerjacket, der Marinecolani und der Friesennerz (der wieder auferstanden ist). Zu schweigen von der Lodenjoppe oder -jacke (selbst der Eunuch, der Hodenlose … na, Sie werden diesen wunderbaren Schüttelreim noch von früher her kennen).

Wölfe und Füchse

Also, ihr lt. eigenem Bekunden so umweltbewussten Hersteller von dickeren und dünneren Anoraks, längeren und kürzeren Jacken, die gute Dienste tun, wenn man Spazierengehen will (das muss auch nicht gleich Trekking heißen) und auf die ihr komischerweise Wolfsfährten oder zusammengekuschelte Füchse oder eure kernigen oder weniger kernigen Namen draufklebt: Nennt eure teilweise wirklich sehr praktischen Klamotten beim Namen und erzählt nicht, dass sie eine Funktion haben. Kein Besteckhersteller würde auf den Gedanken kommen, seine Garnituren als „Funktionsbesteck“ anzubieten.

Und wer von euch weiterhin „weiche Muscheln“, also „soft shells“ anbietet, der sollte das Gespräch mit einem kundigen Psychotherapeuten suchen.