In guten und in schlechten Zeiten

Warum wir heiraten und wie hoch die Chancen stehen, dass die Liebe ewig hält …

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Von Malin Schmidt

Verliebt, verlobt, verheiratet! Es ist der Kleinmädchentraum schlechthin – einmal Prinzessin sein, das schönste Kleid der Welt tragen und den perfekten Prinzen heiraten. Ein Traum, der einem Märchen gleichkommt, denn im Leben läuft es oft anders – vor allem nach der Hochzeit. Trotzdem heiraten hierzulande besonders junge Leute. Die Statistik besagt, dass sich im vergangenen Jahr 3,3% mehr Paare getraut haben als im Jahr zuvor und 2,4% weniger geschieden. Wohl Grund genug, um in diese zarte Entwicklung Hoffnung zu setzen.

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Zerstritten, getrennt, geschieden – die romantische Vorstellung einer glücklichen Ehe wird heute immer weniger gelebt. Jedes dritte Ehepaar landet über kurz oder lang vor dem Scheidungsrichter. „Bis dass der Tod uns scheidet“ scheint nur noch eine Floskel zu sein, die Ernst und Verbindlichkeit verloren hat. Und es spricht ja auch wirklich vieles gegen die Ehe: die hohe Scheidungsrate, bittere Enttäuschungen, die Schlammschlachten um das gemeinsame Eigentum, das Haustier oder gar die Kinder. Und dennoch wollen viele junge Menschen ihrem oder ihrer Liebsten das Ja-Wort vor Standesamt und Altar geben – in der Hoffnung, ihr Glück möge ewig dauern und die Zweisamkeit gute und schlechte Zeiten überwinden. Warum sie es tun? Gute Frage. Vielleicht, weil es nur eine über die Jahrhunderte von der Gesellschaft aufgezwungene Erwartung ist, jemanden zu ehelichen. Vielleicht aber auch, weil es uns allen innewohnt, einen Lieblingsmenschen zu finden und ihn auf ewig an uns zu binden.
Die Hoffnung stirbt zuletzt – und wir heiraten. Und das, obwohl keiner es müsste: Glücklicherweise leben wir in einem Land und einer Zeit, in der wir uns frei entscheiden können, ob und wen wir heiraten, und ob wir eine Ehe aufrechterhalten, die nicht mehr prickelt.

 

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Es lohnt sich
Was treibt uns also an, es dennoch mit so einer Partnerschaft zu versuchen, allen ehetechnischen Widrigkeiten zu trotzen und uns zu „trauen“? Nun, es gibt praktische Gründe wie zum Beispiel finanzielle Vorteile.

Dass Heiraten sich vor allem aus steuerlicher Sicht lohnt, ist eine weitverbreitete Annahme. Tatsächlich stimmt das aber nur, wenn die Einkünfte beider Partner unterschiedlich sind. Ein echter Vorteil für Verheiratete ist, dass zusammen veranlagte Ehepaare die Verluste des Ehepartners mit den Einkünften des anderen verrechnen können. Das kommt zum Beispiel zum Tragen, wenn der eine als Angestellter regelmäßig ein festes Einkommen erzielt, der andere als Selbstständiger öfter mal Verluste macht und deshalb weniger Steuern zahlen muss. Die Verluste des Selbstständigen senken die Steuerlast des Ehepartners. Dagegen ist für Paare ohne Trauschein ein solcher Verlustausgleich nicht möglich. Deutlich ist der Vorteil für Ehepaare auch bei der gesetzlichen Rente. Stirbt ein Partner, erhält der andere Witwen- oder Witwerrente.

Vielleicht ist es auch die Aussicht auf das Fest an sich, die „Party des Jahres“ oder auch den „schönsten Tag im Leben“, die uns veranlasst, uns zu „trauen“?

Der Zauber des Glücks
„Bridezilla“ nennt der Volksmund jene Bräute, die, kaum dass sie den Antrag angenommen haben, zu einem Dinosaurier im Dress werden. Sie sprechen von nichts anderem mehr, planen ihre Hochzeit zwei Jahre im Voraus bis ins kleinste Detail und geben Summen aus, die so manchen Otto-Normalverbraucher schwindeln lassen. Solche Bräute drücken sich plötzlich an Schaufenstern die Nasen platt und bestaunen sämtliche Satin-A-Linien und Spitzenkleider im Meerjungfrauenstil, erörtern ernsthaft den Unterschied zwischen creme- und cremechampagnerfarben. Es muss ein Spuk von diesen weißen Brautkleidern ausgehen, der jede noch so vernünftige Braut „to be“ verzaubert und sie durch andere Augen schauen lässt. Denn nicht selten verdrücken Bräute beim eigenen Anblick im Hochzeitskleid Tränen der Freude, der Rührung und der Dankbarkeit. Woran sie früher cool vorbeiliefen oder spöttisch das Gesicht verzogen, hat sie nun eingeholt: der Zauber des Glücks. Denn sie haben ihren Lebenspartner gefunden, ihren Seelenverwandten.

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Ganz große Party
Eine Hochzeit darf alles sein, nur nicht durchschnittlich. Deshalb kann sie in jeder noch so abwegigen Location stattfinden: auf einem rostigen Dampfer, in einem alten Bunker oder einer leerstehenden Scheune. Der Seltenheitswert bedingt hier die Besonderheit! Das Brautpaar möchte eine ganz große Party, die seine Liebe als einzigartig inszeniert. Und ganz ehrlich, warum nicht? Wer so beseelt ist vom Zauber der Liebe, der trage es in die Welt! Da darf gerne jeder einzelne Macaron aus der Candybar die Initialen des Brautpaares tragen.

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Was wirklich zählt
Bei all der Party geht es aber wie gesagt auch um ein bisschen Zauber. In unserer sonst so rationalen und schnellen Welt ist kaum mehr Platz für Träume. Unser Alltag ist anstrengend, eng getaktet und aufreibend – während der Hochzeitsfeier dürfen wir wieder an die Liebe und das Ewige glauben. Jenseits von Steuervergünstigung und Ehegattensplitting gibt es noch immer Menschen, die einfach nur aus Liebe heiraten und das Risiko keines Blickes würdigen. Würden wir den Arbeitsmarkt oder die Politik als Progrnose für unsere Zukunft nehmen, dürften wir uns auch nicht vermehren. Dennoch tun wir es. Weil wir daran glauben, dass alles gut wird.

Es kommt wohl auf die grundsätzliche Einstellung zum Leben an. Sind wir bereit, uns hinzugeben, uns zu offenbaren und die Möglichkeit des Scheiterns hinzunehmen? Oder verschließen wir uns, schotten uns ab, um nicht verletzt zu werden? Diese Überlegungen müssen zu einer essentiellen Frage treiben: nämlich der nach dem Sinn des Lebens. Sind wir grundsätzlich dazu ausgelegt, mit anderen Menschen zusammenzuleben und Gemeinschaften einzugehen? Oder sind wir dazu bestimmt, Einzelgänger zu sein, uns nur durch die Auseinandersetzung mit uns selbst zu definieren und zu entwickeln?

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Die Ehe ist heute kein Konzept für die Ewigkeit mehr – auch wenn sich dies noch jeder wünscht. Aber sie ist eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern. Es mag Regen und Gewitterwolken geben, doch auch viel Sonne. Wer sich wirklich „traut“, sollte die Irrungen und Wirrungen der vorehelichen Beziehung überwunden haben und kann sich vertrauensvoll in die Verbindlichkeit begeben.
Ob wir heiraten oder nicht, spielt also eine große Rolle für das Zusammenleben mit dem Partner. Dabei ist der Hochzeitstag mit allem drum und dran nur eine einmalige Sache, die trotzdem unvergesslich schön sein darf! Das eigentliche Symbol ist aber die Ehe selbst – ein aufrichtiges Versprechen und die Antwort auf die menschliche Suche nach Liebe, Sicherheit und Geborgenheit. Zwar müssen wir auch von schlechten Zeiten ausgehen, doch gilt es als Ehepaar eben diese zu überwinden. Der Weg ist das Ziel.