Die Dichterin der Marschen

Thusnelda Kühl (1872 – 1935) ist bis heute in ihrem Landstrich nicht vergessen worden. Sie beschrieb in ihren Romanen, Novellen und Aufsätzen die „ruhevolle, stolze Schönheit ihrer Heimat“ und skizzierte einfühlsam den „herben, hochmütigen, tüchtigen Menschenschlag“, der ihr den Stoff für viele Erzählungen lieferte.

Ihre Kindheit verlebt sie mit ihren Eltern und Geschwistern im Pfarrhaus in Oldenswort. Sie geht auf die Dorfschule und hat das Privileg, als Pastorentochter privat von einer Erzieherin unterrichtet zu werden. Nach dem Besuch eines Pensionats in Lübeck und der Mädchenschule in Flensburg besucht sie ein Lehrerinnenseminar in Augustenburg. Nachdem sie von der mündlichen Prüfung befreit worden ist, bekommt sie eine erste Anstellung an der höheren Töchterschule in Flensburg. Ihre zweite Prüfung macht sie in Schleswig und erwirbt damit die Befähigung als Lehrerin an mittleren und höheren Schulen.

Thusneldas Elternhaus, das alte Pastorat in Oldenswort.
Thusneldas Elternhaus, das alte Pastorat in Oldenswort.

Meine Bildung ist Terrazzoarbeit
– so beschreibt sie ihre Wanderjahre, die sie nach England, Kopenhagen, Dresden, in den Harz und nach Hamburg führten. Von besonderer Bedeutung ist für sie die Begegnung mit dem Dichter Wilhelm Raabe in Braunschweig. Und auch die literarischen Werke von Theodor Storm geben ihr so manchen Impuls. Doch ihre Erfüllung findet sie als Lehrerin in ihrem Heimatdorf Oldenswort auf Eiderstedt. „Ich blicke gerne auf diese Zeit zurück“, schreibt sie in ihrer Biografie: „Das fröhliche Kleinvolk mit den strahlenden, vertrauenden Augen um mich herum, alsdann meine Erholung in dem alten baumreichen Garten, ein Schlendern am Strande entlang und dann wieder meine Arbeit am Schreibtisch.“

Gedenkstein in Oldenswort, 1992 enthüllt anlässlich des
120. Geburtstages von Thusnelda Kühl.

Geschichten aus dem Leben
Ab 1900 erscheinen erste Romane, Erzählungen und Novellen, und als ihr 1904 der schriftstellerische Durchbruch bei einem Preisausschreiben im Berliner Verlag August Scherl mit dem Roman „Der Lehnsmann von Brösum“ gelingt, geht ihr der Stoff nicht mehr aus.
Thusnelda Kühl macht den sozialen und wirtschaftlichen Umbruch in den Marschlanden zu ihrem Thema. Sie erzählt aus eigener Anschauung in ihren Romanen vom Überlebenskampf der Bauern, der Veränderung der Landwirtschaft und der fortschreitenden Industrialisierung des Landes. Die Alltagssorgen der „lüttjen Lüd“ und der Protest der Frauen, die sich aus den alt hergebrachten gesellschaftlichen Zwängen befreien möchten, lässt sie nicht los. 1903 reicht sie ihr Abschiedsgesuch als Lehrerin ein. Sie heiratet 1905 den Rektor aus Nortorf Julius Petersen und wird Mutter einer Tochter und eines Sohnes. In den folgenden Jahren schreibt sie zahlreiche Erzählungen, Novellen und Romane, die zur damaligen Zeit gerne gelesen wurden. Sie stirbt 1935 in Rendsburg.

Wo Schilf und Esche
um den Haubarg rauscht
war deine Heimat,
deiner Dichtung Hort.
Dort war dein Reich.
Dort wo am Rand der Welt
Seevögel schrei’n
und wo von Oldenswort
der graue Turm lugt
aus nach Strand und Watt.

1992 gründet sich auf Eiderstedt die Thusnelda-Kühl-Gesellschaft, die 2014 wieder aufgelöst wird. Nach sieben Neuauflagen ihrer 14 Romane und Erzählungen und der Herausgabe eines Buches „Am Rande der Welt“, in dem ihre sämtlichen unveröffentlichten Schriften festgehalten sind, pflegt jetzt ein Arbeitskreis des Heimatbundes Eiderstedt ihren Nachlass.

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