Butterbrot und Schnittchen – Comeback der Stulle

Es gibt etwas, dafür lassen die Deutschen Kaviar und andere Luxusprodukte stehen: ein belegtes Butterbrot. Das Schnittchen feiert ein Comeback bei Feierlichkeiten aller Art. Woher kommt unsere Zuneigung und Liebe zu Stulle und Schnittchen?

Morgens, um zehn in Deutschland: Tupperdosen auf und schon lachen sie uns in der Schule oder im Büro an: die Stullen. „Vergiss dein Butterbrot nicht!“ Wohl jeder erinnert sich daran, wie die Mutter morgens die Brotdose in den Ranzen steckte. Peinlich wurde es nur, wenn man sein Pausenbrot auf dem Küchentisch vergessen hatte. Trug doch Muttern ihrem kleinen Sonnenschein die Brotbox bis in den Klassenraum hinterher, damit der hoffnungsvolle Nachwuchs in der großen Pause in seine liebevoll geschmierten Butterbrote beißen konnte. Die Mutter wusste: Ohne ausreichende Energiezufuhr in Form von Vitaminen, Spurenelementen und Ballaststoffen, konnte man keinen anstrengenden Schultag überstehen.

Wie geschnitten Brot

Pieter Bruegel der Ältere – Die Bauernhochzeit, um 1568

Im letzten Jahr wurden 2 Millionen Tonnen Brot in Deutschland verkauft. Der Verbraucher kann zwischen mehr als 300 Brotsorten wählen. 22 Kilogramm Brot isst jeder Deutsche im Jahr – das sind etwa drei Scheiben Toast oder zwei Scheiben Volkornbrot am Tag. Bei dieser Liebe zum Brot, ist es kein Wunder, dass das klassische Butterbrot seinen Ursprung im deutschen Kulturkreis hat.
Schon Johann Wolfgang Goethe ließ seinen Werther davon berichten, dass er mit einigen Kindern „das Butterbrod und die saure Milch teilte“. Für Martin Luther gilt die „Putterpomme“ (Butterbemme) als gute und geeignete Kindernahrung“. Hätte er in Norddeutschland gelebt, hätte er von der Schnitte oder Stulle gesprochen. Dem Maler Pieter Brueghel war es vorbehalten, das erste „Butterbrot-Bild“ zu erschaffen. Zeigt doch seine berühmte „Bauernhochzeit“ von 1568 ein Kind mit einem angebissenen Butterbrot im Schoß liegend.

Schnittchen voll im Trend

Das Schnittchen feierte in den letzten Jahren ein großes Comeback bei feineren Feiern, Festen und Empfängen. Lange symbolisierte es die Sonntagsdelikatessen der 50er und 60er Jahre, jener Jahre also, als die Deutschen ihre Ärmel hochkrempelten und das Land wieder aufbauten. Das Schnittchen gab’s bei Familienfesten, Firmenjubiläen und in Ausflugslokalen, meist mit rohem Schinken belegt und veredelt mit Silberzwiebeln und Gürkchen oder auch mit Holländer Käse und dann geschmückt mit Salzstangen und einem „exotischen“ Hauch Paprikapulver. In der Erinnerung haftet dem Schnittchen etwas ewig Festliches an, etwas von der hoffnungsvollen Stimmung, die Aufbruch und Aufstieg vermitteln. Gerade in Krisenzeiten mögen die Menschen kräftiges, solides Essen, weil es Beständigkeit und Halt symbolisiert. Ein Schnittchen zum Reinbeißen vermittelt das Gefühl, dass die Verhältnisse kontrollierbar bleiben.

Daher werden heute selbst bei feinsten Empfängen Schnittchen gereicht. Von der globalen Trendkost aus Sandwiches und Wraps führt das Schnittchen zu den urdeutschen Wurzeln zurück, in jene Aufstiegsjahre, als belegte Pumpernickeltaler als ultimativer Party-Gag galten. Heute bieten Caterer Taler aus geröstetem Kartoffelbrot bestrichen mit Trüffel- oder Forellencreme an. Oder Fladenbrotstreifen mit Kumin und Auberginen-Dip, Artischocken-Gorgonzola-Focaccia und gegrilltes Krustenbrot mit Entenleberhack. Selbst die schlichte Butterstulle hat in diesem Umfeld an Raffinement zugelegt. Die aufgeschlagene Süßrahmbutter wird schon mal ersetzt durch Macadamia- oder Lavendel-Öl. In unserem Alltag kommt bis heute das Butterbrot zum Abbeißen auf den Frühstückstisch und bildet zum Abendbrot mit Messer und Gabel die Grundlage für Wurst, geräucherten Fisch, Käse, Quark oder vegetarische Aufstriche. Als Pausenbrot ernährt es Schulkinder und die arbeitende Bevölkerung und als Proviant den Wanderer und Reisenden.

Ein russisches Sprichwort besagt: „Das Brot hält den Menschen warm – nicht der Pelz“. Pelze sind aus der Mode gekommen, die Butterstulle nie. Bis heute trotzt sie dem Zeitgeist und hält uns bei Kraft und Laune.

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