Bequem und entzückend – Der Hamburger Kindermantel schrieb Geschichte

von Marianne Dwars

Hamburger Kindermantel – © Bernhard Volkwein

So mancher erinnert sich mit leiser Wehmut an besondere Familienausflüge nach Hamburg. Unter kritischer Beobachtung der Eltern wurde die Kinderschar eingekleidet. Die Kleinen stolzierten im Smokkleidchen, im typischen Hamburger Mantel und im praktischen Outfit über den Laufsteg. Die „Hamburger Kinderstube“ am Jungfernstieg galt als Paradies für hochwertige Kinderkleidung.

Die ideenreiche Unternehmerin Alice Haas wurde 1890 in Lübeck geboren, lebte als Schulkind in Bremen und zog dann nach Hamburg. Sie machte als „höhere Tochter“ eine sehr fortschrittliche Ausbildung und lernte erst einmal das Schneider- und Putzmacherhandwerk. Anfang der 1920er Jahre studierte sie an der Berliner Modeakademie und eröffnete bereits 1925 die erste „Hamburger Kinderstube“ zusammen mit ihrem Ehemann Richard Haas.

Für die gediegene Sparsamkeit
Die versierte Schneiderin wusste, was sie wollte. Sie entwarf einen schlichten Kleidungsstil, behielt den Anspruch der Hamburger im Auge, die sich Qualität und Sparsamkeit wünschten und ging ganz auf die Ansprüche von Kindern ein. Dabei verarbeitete sie waschbare und haltbare Stoffe in kindlichen Farben und Mustern und vermied, dass die Kleinen wie Erwachsene aussahen. Ungehindert sollten sie spielen können. Deshalb verzichtete sie auf Polster und Einschnürungen und begeisterte mit kurzen Hängerkleidchen im Schottenkaro oder mit gesmokter Passe. Den dunkelblauen Hamburger Tuchmantel mit weißen Perlmuttknöpfen und abnehmbarem weißen Kragen haben Generationen von Kindern getragen.
Alice Haas ließ von allen Modellen nur kleine Stückzahlen nähen. Dabei dachte sie auch daran, dass „ein Kleid mit dem Kinde wächst“: Die Säume der Kleidungsstücke waren so großzügig eingeplant, dass sie ausgelassen werden konnten, und ein Flickenbeutel wurde mitgeliefert, um kleine „Unfälle“ auszubügeln. Die Modelle verkauften sich schnell und sehr gut, so dass sich die Modemacherin entschloss, in ihrem Laden die Originalschnittmuster und die -stoffe zu verkaufen. Jetzt konnten die Kunden die Kleidung auch selbst herstellen.

Die Ausstattung der Schleppenträger
Schon sehr bald vergrößerte sie ihren Geschäftsbetrieb und gründete Filialen in den Großstädten Deutschlands. In Mannheim, Essen, Berlin und Köln mietete sie Verkaufsflächen an. Zahlreiche Modejournale waren auf sie aufmerksam geworden und schlossen sich in der Berichterstattung ihrer Reformbewegung für Kinderbekleidung an. Alice Haas hatte auf der ganzen Linie überzeugt.
Ein Großauftrag und damit eine besondere Ehrung durch Ihre Königliche Hoheit, der Prinzessin Juliane der Niederlande, kamen 1936 auf die „Hamburger Kinderstube“ zu. Alice Haas sollte für die Hochzeit mit Prinz Bernhard im Dezember vier Schleppenträger einkleiden. Nach den Entwürfen hatten die weißen Tüllkleidchen der Mädchen wegen der Kälte Unterröcke aus dünner Wolle und Flanell, und für die kalte Wagenfahrt zur Kirche kleidete sie die Jungen und Mädchen mit weißen warm gefütterten Mänteln ein. Die Rückmeldung der Hochzeitsgäste blieb nicht aus. Die Mutter eines Schleppenträgers, Gräfin Oeynhausen-Sierstorpff, die bereits zum Kundenkreis der „Hamburger Kinderstube“ gehörte, schrieb an Alice Haas, dass die Kinder sehr bewundert worden seien, und man habe sich bei ihr erkundigt, wer die Mäntel gemacht habe. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Alice Haas Ehemann, der Jude war, verhaftet, überlebte aber in England. Die neunzehnjährige Tochter ging 1939 zur Unterstützung der Mutter mit ins Geschäft. 1953 erweiterte Rena Haas die Firma. Neue Ideen machten Schlagzeilen, es entstand der „Junge Salon“ für Backfische und Teenager. Prominenz, wie die Fürstenfamilie von Monaco oder der Schah von Persien erweiterten den Kundenkreis. Ihre tüchtige Mutter Alice Haas hatte eine neue Marktlücke entdeckt. Sie erteilte nach dem Krieg Kurse im Anstandsunterricht für die aufstrebenden Jungunternehmer. Bis 1988 blieb ihr Unternehmen „Hamburger Kinderstube“ im Familienbesitz.
Alice Haas starb am 8. September 1965.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen