Die Haare stehen mir zu Berge und die Seiten meiner geöffneten Jacke flattern, was das Zeug hält. „Ganz schön pustig“, denke ich. Aber als echtes Nordlicht haut mich sowas natürlich nicht um. Wie heißt es so schön: Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke bis ganz nach oben und schwinge mich auf meinen Sattel. Wenigstens ist die Sonne heute auf meiner Seite. Ich starte meine Fahrradtour in Tönning. Mein Ziel: das Eidersperrwerk. Also, auf den Sattel, fertig, loooooos.

(©Ute Groth)

Total tolles Tönning

Der charmanten Hafenstadt jedoch den Rücken zu kehren, ohne sie nur eines Blickes zu würdigen, wäre schade. Denn Tönning hat so einige wunderschöne und historisch interessante Ecken zu bieten – etwa den Marktplatz mit der alles überragenden Kirche St. Laurentius. Das wahre Highlight der Stadt ist jedoch der historische Hafen. Im 17. Jahrhundert noch ein wichtiger Handelsumschlagsplatz legen heute vor allem Hobbysegler an. Nicht zu übersehen ist das Packhaus. Früher wurde es als Warenlager genutzt, heute dient es vor allem als kulturelle Stätte. Jährlich im Dezember verwandelt sich das Gebäude in den längsten Adventskalender der Welt, in dessen Innerem ein Weihnachtsmarkt zum Bummeln einlädt.

Der historische Hafen mit dem Packhaus in Tönning. (©Nicole Groth)

Frieden hinterm Deich

Da ich aber noch einige Kilometer zu schaffen habe, trete ich in die Pedale. Zunächst folge ich dem Deich Richtung Groß-Olversum. Kleine, mitunter reetgedeckte Häuser stehen direkt hinter dem natürlichen Schutzwall. Ich genieße es, einfach nur dahin zu radeln, erfreue mich an dem Anblick der Häuser und habe das Gefühl, hier direkt hinterm Deich eine eigene, sehr friedliche Welt vorzufinden.

Wer was wissen will

Wissenswertes über die Natur und Kultur Nordfrieslands erfahren Interessierte im Info-Haus Spökenkieker. (© Nicole Groth)

Erstmalig unterbrochen wird der grüne Wall durch die Straße, die zum Vogelschutzgebiet Katinger Watt sowie geradeswegs zum Eidersperrwerk führt. Ich entscheide mich, an dieser Stelle eine Rast zu machen. Nicht grundlos, denn ich möchte das Info-Haus Spökenkieker besuchen. Das reetgedeckte Gebäude beherbergt Wissenswertes rund um Mensch und Natur aus der unmittelbaren Umgebung. Bereits draußen erfahren Besucher anhand von Schautafeln, was es mit dem Haubarg – dem typischen Bauernhaus Eiderstedts – auf sich hat, wie die verschiedenen Begrifflichkeiten zum jeweiligen Wasserstand lauten und wie Deichbau vonstatten geht. Innerhalb des Hauses nimmt die Informationsflut nicht ab. Landwirtschaft, Tier- und Naturschutz, aber auch Interessantes zur nordfriesischen Kultur werden hier anschaulich dargestellt. Der Eintritt ist frei. Bänke laden Besucher zum Verweilen ein.

Naturschönheit Katinger Watt

Mein Wissensdurst ist gestillt und auch aus meiner Wasserflasche habe ich genügend Schlucke genommen, um meine Tour wieder aufnehmen zu können. Langsam rolle ich los, fahre eine kleine Kurve, um links in die Straße Richtung Sperrwerk einzubiegen. „Hilfe“, denke ich bereits nach den ersten paar Metern. Scheinbar war ich zuvor durch den Deich gut abgeschirmt. Denn nun auf dem freien Stück merke ich die Kraft des Windes. „Gut Nicole, dann mal Augen zu und durch.“ Wortwörtlich nehme ich meinen Leitsatz aber nicht, denn ansonsten würde ich die Schönheit der hiesigen Natur verpassen. Das Katinger Watt besteht zu jeweils einem Drittel aus Landwirtschaft, Naturschutzgebiet und Wald. Und so entschädigt mich dies friedvoll wirkende Paradies mit sattem Grün, grasenden Kühen und vorbeiziehenden Vogelschwärmen für die Kraftanstrengung auf dem Rad.

Wat mut, dat mut 

Doch, ich gestehe, ohne eine weitere Pause erreiche ich mein Ziel nicht. Wie praktisch, dass sich etwa auf der Hälfte der restlichen Strecke ein Aussichtsturm befindet, der nicht nur einen weiten Blick über die Landschaft ermöglicht, sondern auch Sitzgelegenheiten für eine Rast. Natürlich gibt es auch hier nicht nur etwas zu gucken. Schautafeln informieren über den Naturerlebnisraum Wald und Wasser im Katinger Watt. Apropos Wasser, wer einmal austreten möchte, hat hier sogar die Chance dazu.

Masse mit Klasse

Das letzte Stück des Weges steht an. Schon von Weitem ist das imposante Bauwerk zu erkennen. Zugegeben, es sieht nicht hübsch aus und die Ausmaße sind fast schon einschüchternd, aber vor allem ist das Eidersperrwerk eines: bedeutsam. Denn es schützt uns Nordlichter vor dem Blanken Hans, wie hierzulande die Sturmflut genannt wird. Nach der verheerenden Flut 1962 sah man die Notwendigkeit, sich besser zu schützen. Der Bau des Sperrwerks dauerte sechs Jahre und wurde 1973 eigeweiht. Fünf Durchlässe auf einer Länge von 200 m machen es zu einem wahren Stahlkoloss und beliebten Ausflugsziel. Eine Treppe ermöglicht Besuchern, das Bauwerk zu besteigen, einen Blick in das Stahlwerk zu werfen, aber vor allem die Schönheit der Nordsee zu genießen.

Geschafft und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Nun gönne ich mir ein Schokoladeneis und ruhe mich auf einer Bank aus. Meinen Blick lasse ich über die Eider schweifen und sehe zu, wie der Wind das Wasser Wellen schlagen lässt. „Ich habe schon eine wunderschöne Heimat“, denke ich, und genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht …

Mit einer Länge von 200 m ist das Eidersperrwerk ein wahrer Stahlkoloss.(©Nicole Groth)